Der zweite Artikel
Und an Jeum Christum, seinen einigen Sohn, unsern Hern, der empfangen ist vom Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontio Pilato, gekreuzigt, gestorben und begraben, niedergefahren zur Hölle, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren gen Himmel, sitzend zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters, von dannen er kommen wird, zu richten die Lebendigen und die Toten.
Hier lernen wir die andere Person der Gottheit kennen, dass wir sehen, was wir über die vorigen zeitlichten Güter von Gott haben, nämlich, wie er sich ganz und gar ausgeschüttet hat und nichts behalten, das er nicht uns gegeben habe. Dieser Artikel ist nun sehr reich und weit; aber dass wir’s auch kurz und kindlich handeln, wollen wir ein Wort vor uns nehmen und darin die ganze Summa davon fassen, nämlich (wie gesagt) dass man hieraus lerne, wie wir erlöst sind, und soll stehen auf diesen Worten: “an Jeum Christum, unsern Hern”.
Wenn man nun fragt: Was glaubst du im andern Artikel von Jeu Christo? antworte aufs kürzeste: Ich glaube, dass Jeus Christus, wahrhaftiger Gottessohn, sei mein Her [ge]worden. Was ist nun das: ein Her werden? Das ist’s, dass er mich erlöst hat von Sünden, vom Teufel, vom Tode und allem Unglück. Denn zuvor hab’ ich keinen Hern noch König gehabt, sondern bin unter des Teufels Gewalt gefangen, zum Tode verdammt, in der Sünde und Blindheit verstrickt gewesen.
Denn da wir geschaffen waren und allerlei Gutes von Gott dem Vater empfangen hatten, kam der Teufel und brachte uns in Ungehorsam, Sünde, Tod und alles Unglück, dass wir in seinem Zorn und Ungnade lagen, zu ewigem [ewiger] Verdammnis verurteilt, wie wir verwirkt und verdient hatten.
Da war kein Rat, Hilfe noch Trost, bis dass sich dieser einige und ewige Gottessohn unsers Jammers und Elends aus grundloser Güte erbarmte und vom Himmel kam, uns zu helfen.
Also sind nun jene Tyrannen und Stockmeister alle vertrieben, und ist an ihre Statt getreten Jeus Christus, ein Her des Lebens, Gerechtigkeit, alles Gutes und Seligkeit, und hat uns arme verlorne Menschen aus der Hölle Rachen gerissen, gewonnen, freigemacht und wiederbracht [zurückgebracht] in des Vaters Huld und Gnade und als sein Eigentum unter seinen Schirm und Schutz genommen, dass er uns regiere durch seine Gerechtigkeit, Weisheit, Gewalt, Leben und Seligkeit.
Das sei nun die Summa dieses Artikels, dass das Wörtlein “Herr” aufs einfältigste so viel heisse als ein Erlöser, das ist, der uns vom Teufel zu Gott, vom Tode zum Leben, von [der] Sünde zur Gerechtigkeit [ge]bracht hat und dabei erhält. Die Stücke aber, so nacheinander in diesem Artikel folgen, tun nichts anderes, denn dass sie solche Erlösung erklären und ausdrücken, wie und wodurch sie geschehen sei, das ist, was ihm gestanden [was es ihn gekostet], und was er daran gewendet und gewagt hat, dass er uns gewönne und zu seiner Herrschaft brächte, nämlich dass er Mensch [ge]worden, vom dem Heiligen Geist und der Jungfrau ohne alle Sünde empfangen und geboren, auf dass er der Sünden Herr wäre; dazu gelitten, gestorben und begraben, dass er für mich genugtäte und bezahlte, was ich verschuldet habe, nicht mit Silber noch Gold, sondern mit seinem eigenen teuren Blut. Und dies alles darum, dass er mein Her würde; denn er für sich der keines getan noch bedurft hat. Danach wieder auferstanden, den Tod verschlungen und gefressen und endlich gen Himmel gefahren und das Regiment genommen zur Rechten des Vaters, dass ihm Teufel und alle Gewalt muss untertan sein und zu den Füssen liegen so lange, bis er uns endlich am Jüngsten Tage gar scheide und sondere von der bösen Welt, Teufel, Tod, Sünde usw.
Aber diese einzelnen Stücke alle besonders [her]außustreichen, gehört nicht in die kurze Kinderpredigt, sondern in die grossen Predigten über das ganze Jahr, besonders auf die Zeiten, so dazu geordnet sind, einen jeglichen Artikel in die Länge zu handeln, von der Geburt, Leiden, Auferstehen, Himmelfahrt Christi usw.
Auch steht das ganze Evangelium, so wir predigen, darauf, dass man diesen Artikel wohl fasse, als an dem all unser Heil und Seligkeit liegt, und [der] so reich und weit ist, dass wir immer genug daran zu lernen haben.