Großer KatechismusLCAbschnitt

Die sechste Bitte

Reader-Modus
Einzeln
Vergleichen
Modernisiert
Concordia Triglotta

Und führe uns nicht in Versuchung.

Wir haben nun genug gehört, was [es] für Mühe und Arbeit will haben, dass man das alles, so man bittet, erhalte und dabei bleibe, dass [es] dennoch nicht ohne Gebrechen und Straucheln abgeht. Dazu, ob wir gleich Vergebung und gut Gewissen überkommen haben und ganz losgesprochen sind, so ist es doch mit dem Leben so getan, dass einer heute steht und morgen davonfällt. Darum müssen wir abermal bitten, ob wir nun fromm sind und mit gutem Gewissen gegen Gott stehen, dass er uns nicht lasse zurückfallen und der Anfechtung oder Versuchung weichen.

Die Versuchung aber oder (wie es unsere Sachsen von alters her nennen) Bekörunge [Verführung durch Zureden] ist dreierlei: des Fleisches, der Welt und des Teufels,

Denn im Fleisch wohnen wir und tragen den alten Adam am Halse, der regt sich und reizt uns täglich zur Unzucht, Faulheit, Fressen und Saufen, Geiz und Täuscherei, den Nächsten zu betrügen und übersetzen [zu überfordern] und, Summa, zu allerlei bösen Lüsten, so uns von Natur ankleben, und dazu [wir] erregt werden durch anderer Leute Gesellschaft, Exempel, Hören und Sehen, welche oftmals auch ein unschuldiges Herz verwunden und entzünden.

Danach ist [kommt] die Welt, so uns mit Worten und Werken beleidigt und treibt zu Zorn und Ungeduld. Summa, da ist nichts denn Hass und Neid, Feindschaft, Gewalt und Unrecht, Untreü, Rächen, Fluchen, Schelten, Afterreden, Hoffart und Stolz mit überflüssigem Schmuck, Ehre, Ruhm und Gewalt, da niemand will der Geringste sein, sondern obenan sitzen und vor jedermann gesehen sein.

Dazu kommt nun der Teufel, hetzt und bläst auch allenthalben zu; aber besonders treibt er, was das Gewissen und geistliche Sachen betrifft, nämlich dass man beide Gottes Wort und Werk in [den] Wind schlage und verachte, dass er uns vom Glauben, Hoffnung und Liebe reisse und bringe zu Missglauben, falscher Vermessenheit und Verstockung oder wiederum [umgekehrt] zur Verzweiflung, Gottes Verleugnung und Lästerung und andern unzähligen greulichen Stücken. Das sind nun Stricke und Netze, da die rechten feurigen Pfeile, die nicht Fleisch und Blut, sondern der Teufel aufs allergiftigste ins Herz scheusset [schiesst].

Das sind je gross, schwere Fahr [Gefahren] und Anfechtungen, so ein jeglicher Christ tragen muss, wenn auch jegliche für sich alleine wäre; auf dass wir je getrieben werden, alle Stunden zu rufen und bitten, weil [solange] wir in dem schändlichen Leben sind, da man uns auf allen Seiten zusetzt, jagt und treibt, dass uns Gott nicht lasse matt und müde werden und wieder zurückfallen in Sünde, Schande und Unglauben; denn sonst ist’s unmöglich, auch die allergeringsten Anfechtungen zu überwinden.

Solches heisst nun: “nicht einführen in Versuchung”, wenn er uns Kraft und Stärke gibt zu widerstehen, doch die Anfechtung nicht weggenommen noch aufgehoben. Denn Versuchung und Reizung kann niemand umgehen, weil wir im Fleisch leben und den Teufel um uns haben, und wird nichts anderes draus, wir müssen Anfechtung leiden, ja darin stecken; aber da bitten wir für, dass wir nicht hineinfallen und darin ersaufen.

Darum ist’s viel ein ander Ding, Anfechtung fühlen und darein verwilligen oder ja dazu sagen. Fühlen müssen wir sie alle, obwohl nicht alle einerlei, sondern etliche mehr und schwerer, als die Jugend vornehmlich vom Fleisch; danach was erwachsen und alt wird, von der Welt; die andern aber, so mit geistlichen Sachen umgehen, das ist, die starken Christen, vom Teufel.

Aber solch Fühlen, weil es wider unsern Willen ist und wir sein lieber los waren, kann niemand schaden. Denn wo man’s nicht fühlte, könnte es keine Anfechtung heissen. Bewilligen aber ist, wenn man ihm dem Zaum lasst [ihm die Zügel schiessen lässt], nicht dawider steht noch bittet.

Derhalben müssen wir Christen des gerüstet sein und täglich gewarten, dass wir ohne Unterlass angefochten werden, auf dass niemand so sicher und unachtsam hingehe, als sei der Teufel weit von uns, sondern allenthalben der Streiche gewarten und ihm versetzen [entgegentreten, den Streich parieren]. Denn ob ich jetzt keusch, geduldig, freundlich bin und in festem Glauben stehe, soll [so kann] der Teufel noch diese Stunde einen solchen Pfeil ins Herz treiben, dass ich kaum bestehen bleibe. Denn er ist ein solcher Feind, der nimmer ablässt noch müde wird, dass, wo eine Anfechtung aufhört, gehen immer andere und neü auf.

Darum ist kein Rat noch Trost denn hierher gelaufen, dass man das Vaterunser ergreife und von Herzen mit Gott rede: Lieber Vater, du hast mich heissen beten, lass mich nicht durch die Versuchung zurückfallen! so wirst du sehen, dass sie ablassen muss und sich endlich gewonnen geben. Sonst, wo du mit deinen Gedanken und eigenem Rat [dich] unterstehst, dir zu helfen, wirst du es nur ärger machen und dem Teufel mehr Raum geben. Denn er hat einen Schlangenkopf, welcher, wo er eine Lücke gewinnt, darein er schliefen [schlüfen] kann, so geht der ganze Leib hinnach unaufgehalten; aber das Gebet kann ihm wehren und ihn zurücktreiben.