Der erste Artikel
Ich glaube an Gott den Vater allmächtigen, Schöpfer Himmels und der Erden.
Da ist aufs allerkürzeste abgemalt und vorgebildet, was Gottes des Vaters Wesen, Wille, Tun und Werk sei. Denn weil die zehn Gebote haben vorgehalten, man solle nicht mehr denn einen Gott haben, möchte man nun fragen: Was ist denn Gott für ein Mann? Was tut er? Wie kann man ihn preisen oder abmalen und beschreiben, dass man ihn kenne? Das lehrt nun dieser und folgende Artikel, also dass der Glaube nichts anderes ist denn eine Antwort und Bekenntnis der Christen, auf das erste Gebot gestellt.
Als wenn man ein junges Kind fragte: Lieber, was hast du für einen Gott, was weisst du von ihm? Dass es könnte sagen: Das ist mein Gott: zum ersten der Vater, der Himmel und Erde geschaffen hat; ausser diesem einigen halte ich nichts für Gott, denn sonst keiner ist, der Himmel und Erde schaffen könnte.
Für die Gelehrten aber, und die etwas läuftig [bewandert, fortgeschritten] sind, kann man die Artikel alle drei weit ausstreichen und teilen in so viel Stücke, als es Worte sind. Aber jetzt für die jungen Schüler sei genug, das Nötigste anzuzeigen, nämlich, wie gesagt, dass dieser Artikel belangt die Schöpfung, dass man stehe auf dem Wort “Schöpfer Himmels und der Erden”.
Was ist’s nun gesagt, oder was meinst du mit dem Wort: “Ich glaube an Gott Vater allmächtigen, Schöpfer” usw.? Antwort: Das meine und glaube ich, dass ich Gottes Geschöpf bin, das ist, dass er mir gegeben hat und ohne Unterlass erhält Leib, Seele und Leben, Gliedmassen klein und gross, alle Sinne, Vernunft und Verstand, und so fort an, Essen und Trinken, Kleider, Nahrung, Weib und Kind, Gesinde, Haus und Hof usw.,
dazu alle Kreaturen zu Nutz und Notdurft des Lebens dienen lässt, Sonne, Mond und Sterne am Himmel, Tag und Nacht, Luft, Feür, Wasser, Erde, und was sie trägt und vermag, Vögel, Fische, Tiere, Getreide und allerlei Gewächs;
item, was mehr leibliche und zeitliche Güter sind, gut Regiment, Friede, Sicherheit,
also dass man aus diesem Artikel lerne, dass unser keiner das Leben noch alles, was jetzt erzählt ist und erzählt mag werden, von ihm selbst hat noch erhalten kann, wie klein und gering es ist; denn es alles gefasst ist in das Wort “Schöpfer”.
Darüber bekennen wir auch, dass Gott der Vater nicht allein solches alles, was wir haben und vor Augen sehen, uns gegeben hat, sondern auch täglich vor allem Übel und Unglück [uns] behütet und beschützt, allerlei Fährlichkeit und Unfall abwendet, und solches alles aus lauter Liebe und Güte, durch uns unverdient, als ein freundlicher Vater, der für uns sorgt, dass uns kein Leid widerfahre.
Aber davon weiter zu sagen, gehört in die andern zwei Stücke dieses Artikels, da man spricht: “Vater allmächtigen”.
Hieraus will sich’s nun selbst schliessen und folgen, weil uns das alles, so wir vermögen [besitzen], dazu was im Himmel und [auf] Erden ist, täglich von Gott gegeben, erhalten und bewahrt wird, so sind wir ja schuldig, ihn darum ohne Unterlass zu lieben, loben und danken, und kürzlich, ihm ganz und gar damit zu dienen, wie er durch die zehn Gebote fordert und befohlen hat.
Hier wäre nun viel zu sagen, wenn man’s sollte ausstreichen, wie wenig ihrer sind, die diesen Artikel glauben. Denn wir gehen alle überhin [drüber hin], hören’s und sagen’s, sehen aber und bedenken nicht, was uns die Worte vortragen.
Denn wo wir’s von Herzen glaubten, würden wir auch danach tun und nicht so stolz [ein]hergehen, trotzen und uns brüsten, als hätten wir das Leben Reichtum, Gewalt und Ehre usw. von uns selbst, dass man uns fürchten und dienen müsste, wie die unselige, verkehrte Welt tut, die in ihrer Blindheit ersoffen ist, aller Güter und Gaben Gottes allein zu ihrer Hoffart, Geiz, Lust und Wohltagen [Freude, Genuss] missbraucht und Gott nicht einmal ansehe [ansieht], dass sie ihm dankte oder für einen Hern und Schöpfer erkennte.
Darum sollte uns dieser Artikel alle demütigen und erschrecken, wo wir’s glaubten. Denn wir sündigen täglich mit Augen, Ohren, Händen, Leib und Seele, Geld und Gut und mit allem, das wir haben, besonders diejenigen, so noch wider Gottes Wort fechten. Doch haben die Christen den Vorteil, dass sie sich des schuldig erkennen, ihm dafür zu dienen und gehorsam zu sein.
Derhalben sollen wir diesen Artikel täglich üben, einbilden [einprägen] und uns erinnern in allem, was uns vor Augen kommt und Gutes widerfährt, und wo wir aus Nöten oder Fährlichkeit kommen, wie uns Gott solches alles gibt und tut, dass wir daran spüren und entzündet werden, dankbar zu sein und aller solcher Güter zu Gottes Ehre und Lob zu [ge]brauchen.
Also haben wir aufs kürzeste die Meinung dieses Artikels, soviel den Einfältigen erstlich not ist zu lernen, beide was wir von Gott haben und empfangen, und was wir dafür schuldig sind, welches gar eine grosse, treffliche Erkenntnis ist, aber viel ein höherer Schatz. Denn da sehen wir, wie sich der Vater uns gegeben hat samt allen Kreaturen und [uns] aufs allerreichlichste in diesem Leben versorgt, ohne dass er uns sonst auch mit unausprechlichen ewigen Gütern durch seinen Sohn und Heiligen Geist überschüttet, wie wir hören werden.