Die fünfte Bitte
Und verlass [erlass, vergib] uns unsere Schuld, als wir verlassen [vergeben] unsern Schuldigern.
Dies Stück trifft nun unser armes und elendes Leben an, welches, ob wir gleich Gottes Wort haben, glauben, seinen Willen tun und leiden und uns von Gottes Gabe und Segen nähren, geht es doch ohne Sünde nicht ab; denn wir noch täglich straucheln und zu viel tun [nicht Mass halten], weil wir in der Welt leben unter den Leuten, die uns viel zuleide tun und Ursache geben zu Ungeduld, Zorn, Rache usw.;
dazu den Teufel hinter uns haben, der uns auf allen Seiten zusetzt und ficht (wie gehört) wider alle vorigen Stücke, dass nicht möglich ist, in solchem steten Kampf allezeit festzustehen.
Darum ist hier abermal grosse Not zu bitten und rufen: Lieber Vater, verlass uns unsere Schuld! Nicht dass er auch ohne und vor unserm Bitten nicht die Sünde vergebe (denn er hat uns das Evangelium, darin eitel Vergebung ist, geschenkt, ehe wir darum gebeten oder jemals danach gesonnen haben); es ist aber darum zu tun, dass wir solche Vergebung erkennen und annehmen.
Denn weil das Fleisch, darin wir täglich leben, derart ist, dass es Gott nicht traut und glaubt und sich immerdar regt mit bösen Lüsten und Tücken, dass wir täglich mit Worten und Werken, mit Tun und Lassen sündigen, davon das Gewissen zu Unfrieden kommt, dass [es] sich vor Gottes Zorn und Ungnade fürchtet und also den Trost und Zuversicht aus dem Evangelio sinken lässt, so ist ohne Unterlass vonnöten, dass man hierher laufe und Trost hole, das Gewissen wieder aufzurichten.
Solches aber soll nun dazu dienen, dass uns Gott den Stolz breche und [uns] in der Demut halte. Denn er hat ihm [sich] vorbehalten das Vorteil [das Vorrecht], ob jemand wollte auf seine Frömmigkeit pochen und andere verachten, dass er sich selbst ansehe und dies Gebet vor Augen stelle, so wird er finden, dass er ebenso fromm ist [dass er nicht frömmer ist] als die andern, und müssen alle vor Gott die Federn [wie der stolze Pfau] niederschlagen und froh werden, dass wir zu der Vergebung kommen.
Und denke es nur niemand, solange wir hier leben, dahin zu bringen, dass er solcher Vergebung nicht [be]dürfe. Summa, wo er nicht ohne Unterlass vergibt, so sind wir verloren.
So ist nun die Meinung dieser Bitte, dass Gott nicht wollte unsere Sünde ansehen und vorhalten, was wir täglich verdienen, sondern mit Gnaden gegen uns handeln und vergeben, wie er verheissen hat, und also ein fröhlich und unverzagt Gewissen geben, vor ihm zu stehen und zu bitten. Denn wo das Herz nicht mit Gott recht steht und solche Zuversicht schöpfen kann, so wird es nimmermehr sich dürfen unterstehen zu beten. Solche Zuversicht aber und fröhlich Herz kann nirgend herkommen, es wisse denn, dass ihm die Sünden vergeben seien.
Es ist aber dabei ein nötiger und doch tröstlicher Zusatz angehängt: “als wir vergeben unsern Schuldigern”. Er hat’s verheissen, dass wir sollen sicher sein, dass uns alles vergeben und geschenkt sei, doch sofern, dass wir auch unserm Nächsten vergeben.
Denn wie wir gegen Gott täglich viel verschulden, und er doch aus Gnaden alles vergibt, also müssen auch wir unserm Nächsten immerdar vergeben, so uns Schaden, Gewalt und Unrecht tut, böse Tücke beweist usw.
Vergibst du nun nicht, so denke auch nicht, dass dir Gott vergebe; vergibst du aber, so hast du den Trost und Sicherheit, dass dir im Himmel vergeben wird, nicht um deines Vergebens willen; denn er tut es frei umsonst, aus lauter Gnade, weil er’s verheissen hat, wie das Evangelium lehrt; sondern dass er uns solches zur Stärke und Sicherheit als zum Wahrzeichen setze neben der Verheissung, die mit diesem Gebete stimmt, Lucä am 6.: “Vergebet, so wird euch vergeben.” Darum sie auch Christus bald nach dem Vaterunser wiederholt und spricht Matthäi am 6.: “Denn so ihr den Menschen ihre Fehle vergebet, so wird euch eür himmlischer Vater auch vergeben” usw.
Darum ist nun solches Zeichen bei diesem Gebet mit angeheftet, dass, wenn wir bitten, [wir] uns der Verheissung erinnern und also denken: Lieber Vater, darum komme und bitte ich, dass du mir vergebest, nicht dass ich mit Werken genugtun oder verdienen könne, sondern weil du es verheissen hast und das Siegel dran gehängt, dass [es] so gewiss sein solle, als habe ich eine Absolution, von dir selbst gesprochen.
Denn wieviel die Taufe und Sakrament, äusserlich zum Zeichen gestellt, schaffen, so viel vermag auch dies Zeichen, unser Gewissen zu stärken und fröhlich zu machen, und ist vor andern eben darum gestellt, dass wir’s alle Stunde könnten brauchen und üben, als das wir allezeit bei uns haben.