Vom Sakrament des Altars
Wie wir von der heiligen Taufe gehört haben, also müssen wir von dem andern Sakrament auch reden, nämlich die drei Stücke: was es sei, was es nütze, und wer es empfangen soll. Und solches alles aus den Worten gegründet, dadurch es von Christo eingesetzt ist,
welche auch ein jeglicher wissen soll, der ein Christ will sein und zum Sakrament gehen. Denn wir sind’s nicht gesinnt, dazuzulassen und [es] zu reichen denen, die nicht wissen, was sie da suchen oder warum sie kommen [daher die schon 1523 zu Wittenberg eingeführte Anmeldung mit Beichtverhör]. Die Worte aber sind diese:
Unser Her Jeus Christus in der Nacht, als er verraten ward, nahm er das Brot, dankete und brach’s und gab’s seinen Jüngern und sprach: Nehmet hin, esset, das ist mein Leib, der für euch gegeben wird; solches tut zu meinem Gedächtnis! Desselbigengleichen nahm er auch den Kelch nach dem Abendmahl, dankete und gab ihnen den und sprach: Nehmet hin und trinket alle daraus; dieser Kelch ist das neü Testament in meinem Blut, das für euch vergossen wird zur Vergebung der Sünden; solches tut, sooft ihr’s trinket, zu meinem Gedächtnis!
Hier wollen wir uns auch nicht in die Haare legen und fechten mit den Lästerern und Schändern dieses Sakraments, sondern zum ersten lernen, da die Macht an liegt (wie auch von der Taufe), nämlich dass das vornehmste Stück sei Gottes Wort und Ordnung oder Befehl; denn es ist von keinem Menschen erdacht noch auf [ge]bracht, sondern ohne jemandes Rat und Bedacht von Christo eingesetzt.
Derhalben, wie die zehn Gebote, Vaterunser und Glaube bleiben in ihrem Wesen und Würden, ob du sie gleich nimmermehr hältst, betest noch glaubst, also bleibt auch dies hochwürdige Sakrament unverrückt, dass ihm nichts abgebrochen noch genommen wird, ob wir’s gleich unwürdig [ge]brauchen und handeln.
Was meinst du, dass Gott nach unserm Tun oder Glauben fragt, dass er um deswillen sollte seine Ordnung wandeln lassen? Bleibt doch in allen weltlichen Dingen alles, wie es Gott geschaffen und geordnet hat, Gott gebe, wie wir’s [ge]brauchen und handeln.
Solches muss man immerdar treiben, denn damit kann man fast aller Rottengeister Geschwätz zurückstossen; denn sie die Sakramente ausser Gottes Wort ansehen als ein Ding, das wir tun.
Was ist nun das Sakrament des Altars?
Antwort:
Es ist der wahre Leib und Blut des Hern Christi, in und unter dem Brot und Wein durch Christus’
Wort uns Christen befohlen zu essen und zu trinken.
Und wie von der Taufe gesagt, dass [sie] nicht schlecht [blosses] Wasser ist, so sagen wir hier auch, das Sakrament ist Brot und Wein, aber nicht schlecht Brot und Wein, so man sonst zu Tische trägt, sondern Brot und Wein in Gottes Wort gefasst und daran gebunden.
as Wort (sage ich) ist das, das dies Sakrament macht und unterscheidet, dass es nicht lauter Brot und Wein, sondern Christus’ Leib und Blut ist und heisst. Denn es heisst: Accedat verbum ad elementum et fit sacramentum; “Wenn das Wort zum äusserlichen Ding kommt, so wird’s ein Sakrament.” Dieser Spruch St. Augustini ist so eigentlich [treffend] und wohl geredet, dass er kaum einen besseren gesagt hat. Das Wort muss das Element zum Sakrament machen; wo nicht, so bleibt’s ein lauter Element.
Nun ist’s nicht eines Fürsten oder Kaisers, sondern der hohen Majestät Wort und Ordnung, davor alle Kreaturen sollen zu Füssen fallen und ja sprechen, dass es sei, wie er sagt, und [es] mit allen Ehren, Furcht und Demut annehmen.
Aus dem Wort kannst du dein Gewissen stärken und sprechen: Wenn hunderttausend Teufel samt allen Schwärmern herfahren: Wie kann Brot und Wein Christus’ Leib und Blut sein usw. so weiss ich, dass alle Geister und Gelehrten auf einem Haufen nicht so klug sind als die göttliche Majestät im kleinsten Fingerlein.
Nun steht hier Christus’ Wort: “Nehmet, esset, das ist mein Leib. Trinket alle daraus, das ist das neü Testament in meinem Blut” usw. Da bleiben wir bei und wollen sie ansehen, die ihn meistern werden und anders machen, denn er’s geredet hat. Das ist wohl wahr, wenn du das Wort davontust oder ohne Wort ansiehst, so hast du nichts denn lauter Brot und Wein;
wenn sie aber dabei bleiben, wie sie sollen und müssen, so ist’s laut derselben wahrhaftig Christus’ Leib und Blut. Denn wie Christus’ Mund redet und spricht, also ist es, als der nicht lügen noch trügen kann.
Daher ist nun leicht zu antworten auf allerlei Fragen, damit man sich jezt bekümmert, als diese ist: ob auch ein böser Priester könnte das Sakrament handeln und geben und was mehr desgleichen ist.
Denn da schließen wir und sagen: Obgleich ein Bube das Sakrament nimmt oder gibt, so nimmt er das rechte Sakrament, das ist, Christus’ Leib und Blut, ebensowohl, als der es aufs allerwürdigste handelt. Denn es ist nicht gegründet auf Menschenheiligkeit, sondern auf Gottes Wort; und wie kein Heiliger auf Erden, ja kein Wort; und wie kein Heiliger auf Erden, ja kein Engel im Himmel das Brot und Wein zu Christus’ Leib und Blut machen kann, also kann’s auch niemand ändern noch wandeln, ob es gleich missbraucht wird.
Denn um der Person oder Unglaubens willen wird das Wort nicht falsch, dadurch es ein Sakrament [ge]worden und eingesetzt ist. Denn er spricht nicht: Wenn ihr glaubt oder würdig seid, so habt ihr meinen Leib und Blut, sondern: “Nehmet, esset und trinket; das ist mein Leib und Blut”; item: “Solches tut” (nämlich das ich jetzt tü, einsetze, euch gebe und nehmen heiße).
Das ist so viel gesagt: Gott gebe, du seiest unwürdig oder würdig, so hast du hier seinen Lieb und Blut uas Kraft dieser Worte, so zu dem Brot und Wein kommen. Soches merke und behalte nur wohl; denn auf d4en Worten steht alle unser Grund, Schutz und Wehr wider all Irrtümer und Versührung, so je [ge]kommen sind oder noch kommen mögen.
Also haben wir kürzlich das erste Stück, so das Wesen dieses Sakraments belangt. Nun siehe weiter auf die Kraft und Nutz, darum endlich [schleßlich, im Grunde] das Sakrament eingesetzt ist, welches auch das Nötigste darin ist, dass man wisse, was wir da suchen und holen sollen.
Das ist nun klar und leicht eben aus den gedachten Worten: “Das ist mein Leib und Blut, für euch gegeben und vergossen zur Vergebung der Sünden.”
Das ist kürzlich so viel gesagt: Darum gehen wir zum Sakrament, dass wir da empfangen solchen Schatz durch und in dem wir Vergebung der Sünden überkommen. Warum das? Darum, dass die Worte dastehen und uns solches geben; denn darum heisst er mich essen und trinken, dass es mein sei und mir nutze, als ein gewiß Pfand und Zeichen, ja eben dasselbe Gut, so für mich gesezt ist wider meine Sünde, Tod und alles Unglück.
Darum heißt es wohl eine Speise der Seele, die den neün Menschen nährt und stärkt. Denn durch die Taufe werden wir erstlich neugeboren, aber daneben (wie gesagt ist) bleibt gleichwohl die alte Haut im Fleisch und Blut am Menschen; da ist so viel Hindernis und Anfechtung vom Teufel und der Welt, dass wir oft müde und matt werden und zuweilen auch straucheln.
Darum ist es gegeben zur täglichen Weide und Fütterung, dass sich der Glaube erhole und stärke, dass er in solchem Kampf nicht zurückfalle, sondern immerdar je stärker werde.
Denn das neü Leben soll also getan sein, dass es stets zunehme und fortfahre;
es muss aber dagegen viel leiden. Denn so ein zorniger Feind ist der Teufel; wo er sieht, dass man sich wider ihn legt und den alten Menschen angreift, und er uns nicht mit Macht überpoltern kann, da schleicht und streicht er auf allen Seiten umher, versucht alle Künste und lässt nicht ab, bis er uns zuletzt müde macht, dass man entweder den Glauben lässt fallen oder Hände und Füsse gehen und wird unlustig oder ungeduldig.
Dazu ist nun der Trost gegeben, wenn das Herz solches fühlt, dass [es] ihm will zu schwer werden, dass es hier neü Kraft und Labsal hole.
Hier verdrehen sich aber unsere klugen Geister mit ihrer grossen Kunst und Klugheit, die schreien und poltern: Wie kann Brot und Wein die Sünde vergeben oder den Glauben stärken? so sie doch hören und wissen, dass wir solches nicht von Brot und Wein sagen, als an ihm selbst Brot Brot ist, sondern von solchem Brot und Wein, das Christus’ Leib und Blut ist und die Worte bei sich hat.
Dasselbige, sagen wir, ist je der Schatz und kein anderer, dadurch solche Vergebung erworben ist. Nun wird es uns ja nicht anders denn in den Worten: “Für euch gegeben und vergossen” gebracht und zugeeignet; denn darin hast du beides, dass es Christus’ Leib und Blut ist, und dass es dein ist als ein Schatz und Geschenk.
Nun kann je Christus’ Leib nicht ein unfruchtbar, vergeblich Ding sein, das nichts schaffe noch nütze. Doch wie gross [auch immer] der Schatz für selbst ist, so muss er in das Wort gefasst und uns gereicht werden; sonst würden wir’s nicht können wissen noch suchen.
Darum ist’s auch nichts geredet, dass sie sagen, Christus’ Leib und Blut ist nicht im Abendmahl für uns gegeben noch vergossen, darum könnte man im Sakrament nicht Vergebung der Sünden haben. Denn obgleich das Werk am Kreuz geschehen und die Vergebung der Sünden erworben ist, so kann sie doch nicht anders denn durchs Wort zu uns kommen. Denn was müssten wir sonst davon, dass solches geschehen wäre oder uns geschenkt sein sollte, wenn man’s nicht durch die Predigt oder mündlich Wort vortrüge? Woher wissen sie es, oder wie können sie die Vergebung ergreifen und zu sich bringen, wo sie sich nicht halten und glauben an die Schrift und das Evangelium?
Nun ist je das ganze Evangelium und Artikel des Glaubens: “Ich glaube eine heilige christliche Kirche, Vergebung der Sünden” usw. durch das Wort in dies Sakrament gesteckt und uns vorgelegt. Warum sollten wir denn solchen Schatz aus dem Sakrament lassen reissen, so sie doch bekennen müssen, dass [es] eben die Worte sind, die wir allenthalben im Evangelio hören, und ja so wenig sagen können, diese Worte im Sakrament sind kein nütz, sowenig sie dürfen sprechen, dass das ganze Evangelium oder Wort Gottes ausser dem Sakrament kein nütze sei?
Also haben wir nun das ganze Sakrament, beide was es an ihm selbst ist, und was es bringt und nützt. Nun muss man auch sehen, wer die Person sei, die solche Kraft und Nutz empfange. Das ist aufs kürzeste, wie droben von der Taufe und sonst oft gesagt ist: wer da solches glaubt, der hat, wie die Worte lauten und was sie bringen. Denn sie sind nicht Stein noch Holz gesagt oder verkündigt, sondern denen, die sie hören, zu welchen er spricht: “Nehmet und esset” usw.
Und weil er Vergebung der Sünden anbeut [anbietet] und verheisst, kann es nicht anders denn durch den Glauben empfangen werden. Solchen Glauben fordert er selbst in dem Wort, als er spricht: “Für euch vergossen”; als sollte er sagen: Darum gebe ich’s und heisse euch essen und trinken, dass ihr euch’s sollt annehmen und geniessen [dass ihr euch um dasselbe bekümmern und es geniessen sollt].
Wer nun ihm [sich] solches lässt gesagt sein und glaubt, dass [es] wahr sei, der hat es; wer aber nicht glaubt, der hat nichts, als der’s ihm [sich] lässt umsonst vortragen und nicht will solches heilsamen Gutes geniessen. Der Schatz ist wohl aufgetan und jedermann vor die Tür, ja auf den Tisch gelegt; es gehört aber dazu, dass du dich auch seiner annehmest und gewisslich dafürhaltest, wie dir die Worte geben.
Das ist nun die ganze christliche Bereitung, dies Sakrament würdig zu empfangen. Denn weil solcher Schatz gar in den Worten vorgelegt wird, kann man’s nicht anders ergreifen und zu sich nehmen denn mit dem Herzen. Denn mit der Faust wird man solch Geschenk und ewigen Schatz nicht fassen.
Fasten und Beten usw. mag wohl eine äusserliche Bereitung und Kinderübung sein, dass sich der Leib züchtig [anständig] und ehrerbietig gegen den Leib und Blut Christi hält und gebärdet; aber das darin und damit gegeben wird, kann nicht der Leib fassen noch zu sich bringen.
Der Glaube aber tut’s des Herzens, so da solchen Schatz erkennt und sein begehrt. Das sei genug, soveil zum gemeinen Unterricht not ist von diesem Sakrament; denn was weiter davon zu sagen ist, gehört auf eine andere Zeit.
Am Ende [zuletzt], weil nun den rechten Verstand und die Lehre von dem Sakrament haben, ist wohl not [sehr nötig] auch eine Vermahnung und Reizung, dass man nicht lasse solchen grossen Schatz, so man täglich unter den Christen handelt und austeilt, umsonst vorübergehen, das ist, dass, die Christen wollen sein, sich dazu schicken, das hochwürdige Sakrament oft zu empfangen.
Denn wir sehen, dass man sich eben lass und faul dazu stellt, und ein grosser Haufe ist derer, die das Evangelium hören, welche, weil des Papsts Land ist ab[ge]kommen, dass wir gefreit [befreit] sind von seinem Zwang und Gebot, gehen sie wohl dahin ein Jahr zwei oder drei und länger ohne Sakrament, als seien sie so starke Christen, die sein nicht [be]dürfen,
und lassen sich etliche hindern und davonschrecken, dass wir gelehrt haben, es solle niemand dazu gehen, ohne die Hunger und Durst fühlen, so sie treibt. Etliche wenden vor, es sei frei und nicht vonnöten, und sei genug, dass sie sonst glauben, und kommen also das mehrere Teil dahin, dass sie gar roh werden und zuletzt beide das Sakrament und Gottes Wort verachten.
Nun ist’s wahr, was wir gesagt haben, man solle beileibe niemand treiben und zwingen, auf dass man nicht wieder eine neü Seelenmörderei anrichte; aber das soll man dennoch wissen, dass solche Leute für keine Christen zu halten sind, die sich so lange Zeit des Sakraments äussern [enthalten] und entziehen. Denn Christus hat es nicht darum eingesetzt, dass man’s für ein Schauspiel handle [dass man es als ein Schauspiel aufführe], sondern seinem Christen geboten, dass sie es essen und trinken und sein darüber gedenken.
Und zwar welche rechte Christen sind und das Sakrament teür und wert halten, sollen sich wohl selbst treiben und hinzudringen. Doch dass die Einfältigen und Schwachen, die da auch gerne Christen wären, desto mehr gereizt werden, die Ursache und Not zu bedenken, so sei treiben sollen, wollen wir ein wenig davon reden.
Denn wie es in andern Sachen, so den Glauben, Liebe und Geduld betrifft, ist nicht genug allein lehren und unterrichten, sondern auch täglich vermahnen, also ist es auch hier not, mit Predigen an[zu]halten, dass man nicht lass noch verdrossen werde, weil wir wissen und fühlen, wie der Teufel sich immer wider solches und alles christliche Wesen sperrt und, soviel er kann, davonhetzet und =treibt.
Und zum ersten haben wir den hellen Text in den Worten Christi: “Das tut zu meinem Gedächtnis.” Das sind Worte, die uns heissen und befehlen, dadurch denen, so Christen wollen sein, aufgelegt ist, das Sakrament zu geniessen. Darum, wer Christus’ Jünger will sein, mit denen er hier redet, der denke und halte sich auch dazu, nicht aus Zwang als von Menschen gedrungen, sondern dem Hern Christo zu Gehorsam und Gefallen.
Sprichst du aber: Steht doch dabei: “sooft ihr’s tut”; da zwingt er je niemand, sondern lässt’s in freier Willkür. Antwort:
Ist wahr; es steht aber nicht [da], dass man’s nimmermehr tun solle; ja, weil er eben die Worte spricht: “so oft, als ihr’s tut”, ist dennoch mit eingebunden [eingeschärft], dass man’s oft tun soll, und ist darum hinzugesetzt, dass er will das Sakrament frei haben, ungebunden an sonderliche Zeit, wie der Juden Osterlamm, welches sie alle Jahre nur einmal und eben auf den vierzehnten Tag des ersten vollen Monds des Abends mussten essen und keinen Tag überschreiten. Als er damit sagen wollte: Ich setze euch ein Osterfest oder Abendmahl, das ihr nicht eben diesen Abend des Jahres einmal, sondern oft sollt geniessen, wann und wo ihr wollt, nach eines jeglichen Gelegenheit und Notdurft, an keinen Ort oder bestimmte Zeit angebunden;
obwohl der Papst hernach solches um[ge]kehrt und wieder ein Judenfest daraus gemacht hat.
Also siehst du, dass nicht also Freiheit gelassen ist, als möge man’s verachten. Denn das heisse ich verachten, wenn man so lange Zeit hingeht und sonst kein Hindernis hat und doch sein nimmer begehrt. Willst du solche Freiheit haben, so habe ebensomehr [ebensogut] Freiheit, dass du kein Christ seiest und nicht glauben noch beten dürfest; denn das ist ebensowohl Christus’ Gebot als jenes. Willst du aber ein Christ sein, so musst du je zuweilen diesem Gebot genugtun und gehorchen;
denn solch Gebot sollte dich je bewegen, in dich selbst zu schlagen und zu denken: Siehe, was bin ich für ein Christ? Wäre ich’s, so würde ich mich je ein wenig sehnen nach dem, das mein Her befohlen hat zu tun.
Und zwar, weil wir uns so fremd dazu stellen, spürt man wohl, was wir für christen in dem Papsttum gewesen sind, als die aus lauterem Zwang und Furcht menschlichen Gebots sind hin[ge]gangen, ohne Lust und Liebe, und Christus, Gebot nie angesehen. wir aber zwingen noch dringen niemand, darf’s uns auch niemand zu Dienst und Gefallen tun.
Das soll dich aber reizen und selbst zwingen, dass er’s haben will und ihm gefällt. Menschen soll man sich weder zum Glauben noch irgendeinem guten Werk nötigen lassen. wir tun nicht mehr, denn dass wir sagen und vermahnen, was du tun sollst, nicht um unsert=, sondern um deinetwilllen. Er lockt und reizt dich; willst du solches verachten, so antworte selbst dafür [so verantworte es selbst].
Das soll nun das erste sein, besonders für die Kalten und Nachlässigen, dass sie sich selbst bedenken [prüfen] und erwecken. Denn das ist gewißlich wahr, als ich wohl bei mir selbst erfahren habe und ein jeglicher bei sich finden wird, wenn man sich also davon zeucht [zieht], dass man von Tag zu Tage je mehr roh und kalt wird und gar in [den] wind schlägt.
Sonst muss man sich je mit dem Herzen und Gewissen befragen und stellen als ein Mensch, das [der] gerne wollte mit Gott recht stehen. Je mehr nun solches geschieht, je mehr das Herz erwärmt und entzündet wird, dass, [es] nicht gar erkalte.
Sprichst du aber: wie denn, wenn ich fühle, dass ich nicht geschickt bin? Antwort: Das ist : meine Anfechtung auch, besonders aus dem alten : Wesen her unter dem Papst, da man sich so zermartert hat, dass man ganz rein wäre und Gott kein Tädlin [Tädelein, Makel, Fehl] an uns fände, davon wir so schüchtern davor [ge]worden sind, dass flugs sich jedermann entsetzt und gesagt hat:
O weh, du bist nicht würdig! Denn da hebt Natur und Vernunft an zu rechnen unsere Unwürdigkeit gegen das große, teure Gut; da findet sich’s denn als eine finstere Laterne gegen die lichte Sonne oder Mist gegen Edelsteine; und weil sie solches sieht, will sie nicht hinan und harrt, bis sie geschickt werde, so lange, dass eine Woche die andere und ein halb Jahr das andere bringt.
Aber wenn du das willst ansehen, wie fromm und rein du seiest, und danach arbeiten, dass dich nichts beiße [im Gewissen], so mußt du nimmermehr hinzukommen.
Derhalben soll man hier die Leute unterscheiden. Denn was freche und wilde sind, denen soll man sagen, dass sie davonbleiben; denn sie sind nicht geschickt, Vergebung der Sünden zu empfangen, als die sie nicht begehren und ungerne wollten fromm sein.
Die andern aber, so nicht solche rohe und lose Leute sind und gerne fromm wären, sollen sich nicht davonsondern, ob sie gleich sonst schwach und gebrechlich sind, wie auch St. Hilarius gesagt hat: “wenn eine Sünde nicht also getan ist, dass man jemand billig aus der Gemeinde stoßen und für einen Unchristen halten kann, soll man nicht vom Sakrament bleiben, auf dass man sich nicht des Lebens beraube.”
Denn so weit wird niemand kommen, dass er nicht viel täglicher Gebrechen im Fleisch und Blut behalte.
Darum sollen solche Leute lernen, dass die höchste Kunst ist, dass man wisse, dass unser Sakrament steht nicht auf unserer Würdigkeit; denn wir lassen uns nicht taufen, als die würdig und heilig sind, kommen auch nicht zur Beichte, als seien wir rein und ohne Sünde, sondern das Widerspiel, als arme elende Menschen, und eben darum, dass wir unwürdig sind; es wäre denn ein solcher, der keine Gnade und Absolution begehrte, noch sich dächte zu bessern.
Wer aber gerne wollte Gnade und Trost haben, soll sich selbst treiben und [durch] niemand [sich] davonschrecken lassen und also sprechen: lch wollte wohl gerne würdig sein, aber ich komme auf keine Würdigkeit, sondern auf dein Wort, dass du es befohlen hast, als der gerne dein Jünger wäre; meine Würdigkeit bleibe, wo sie kann.
Es ist aber schwer; denn das liegt uns immer im Wege und hindert, dass wir mehr auf uns selbst denn auf Christus’ Wort und Mund sehen. Denn die Natur wollte gern so handeln, dass sie gewiß aus sich selbst möchte fußen und stehen; wo nicht, so will sie nicht hinan. Das sei genug vom ersten Stück.
Zum andern ist über das Gebot auch eine Verheißung, wie auch oben gehört, die uns aufs allerstärkste reizen und treiben soll. Denn da stehen die freundlichen, lieblichen Worte: “Das ist mein Leib, für euch gegeben. Das ist mein Blut, für euch vergossen zur Vergebung der Sünden.”;
Diese Worte, habe ich gesagt, sind keinem Stock noch Stein gepredigt, sondern mir und dir; sonst möchte er ebensomehr [ebensogut] stillschweigen und: kein Sakrament einsetzen. Drum denke und bringe dich auch in das “euch”, dass er nicht umsonst mit dir rede!
Denn da beut [bietet] er uns an alle den Schatz, so er uns vom Himmel [ge]bracht hat, dazu er uns auch sonst lockt aufs allersfreundlichste, als da er spricht Matth. am 11.: “Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken!”
Nun ist’s je Sünde und Schande, dass er uns so herzlich und treulich fordert und vermahnt zu unserm höchsten und besten Gut, und wir uns so fremd dazu stellen und so lange hingehen, bis wir gar erkalten und verharten, dass wir keine Lust noch Liebe dazu haben.
Man muss je das Sakrament nicht ansehen als ein schädlich Ding, dass man davor laufen solle, sondern als eitel heilsame, tröstliche Arznei, die dir helfe und das Leben gebe beide an Seele und Leib; denn wo die Seele genesen ist, da ist dem Leibe auch geholfen. wie stellen wir uns denn dazu, als sei es ein Gift, daran man den Tod fresse?
Das ist wohl wahr, dass, die es verachten und unchristlich leben, nehmen’s ihnen [sich] zu schaden und Verdammnis; denn solchen soll nichts gut noch heilsam sein, eben als einem Kranken, der aus Mutwillen ißt und trinkt, das ihm vom Arzt verboten ist.
Aber denen [die], so ihre Schwachheit fühlen und ihrer gerne los wären und Hilfe begehren, sollen’s nicht anders ansehen und [ge] brauchen denn als ein köstlich Tyriak [Theriat, ein altes Heilmittel] wider das Gift, so sie bei sich haben. Denn hier sollst du im Sakrament empfangen aus Christus’ Mund Vergebung der Sünden, welche bei sich hat und mit sich bringt Gottes Gnade und Geist mit all seinen Gaben, Schutz, Schirm und Gewalt wider Tod und Teufel und alles Unglück.
Also hast du von Gottes wegen beide des Hern Christi Gebot und Verheißung; zudem soll dich deinethalben treiben deine eigene Not, so dir auf dem Halse liegt, um welcher willen solch Gebieten, Locken und Verheißen geschieht. Denn er spricht selbst: “Die starken [be]dürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken”, das ist, die mühselig und beschwert sind mit Sünde, Furcht des Todes, Anfechtung des Fleisches und Teufels.
Bist du nun beladen und fühlst deine Schwachheit, so gehe fröhlich hin und laß dich erquicken, trösten und stärken.
Denn willst du harren, bis du solches los werdest, dass du rein und würdig zum Sakrament kommest, so mußt du ewig davonbleiben. Denn da fällt er das Urteil und spricht:
Bist du rein und fromm, so [be]darfst du mein nichts und ich dein wieder nichts. Darum heißen die allein unwürdig, die ihr Gebrechen nicht fühlen noch wollen Sünder sein.
Sprichst du aber: wie soll ich ihm denn tun, wenn ich solche Not nicht fühlen kann, noch Hunger und Durst zum Sakrament empfinden? Antwort: Denselbigen, die so gesinnt sind, dass sie sich nicht fühlen, weiß ich keinen besseren Rat, denn dass sie doch in ihren Busen greifen, ob sie auch Fleisch und Blut haben. Wo du denn solches findest, so gehe doch dir zugut in St. Paulus’ Epistel an die Galater und höre, was dein Fleisch für ein Früchtlein sei. “offenbar sind aber” (spricht er) “die Werke des Fleisches, als da sind: Ehebruch, Hurerei, Unreinigkeit, Geilheit, Abgötterei, Zauberei, Feindschaft, Hader, Eifer, Zorn, Zank, Zwietracht, Sekten, Haß, Mord, Saufen, Fressen und dergleichen.”
Derhalben, kannst du es nicht fühlen, so glaube doch der Schrift, die wird dir nicht lügen, als die dein Fleisch besser kennt denn du selbst. Ja, weiter schleußt [schließt] St. Paulus zu den Römern [am] 7.: “Denn ich weiß, dass in mir, das ist, in meinem Fleische, wohnet nichts Gutes.” Darf St. Paulus solches von seinem Fleisch reden, so wollen wir auch nicht besser noch heiliger sein.
Dass wir’s aber nicht fühlen, ist so viel desto ärger; denn es ist ein Zeichen, dass [es] ein aussätzig Fleisch ist, das da nichts empfindet und doch wütet und um sich frißt.
Doch, wie gesagt, bist du so gar erstorben, so glaube doch der Schrift, so das Urteil über dich spricht. Und summa, je weniger du deine Sünden und Gebrechen fühlst, je mehr Ursache hast du hinzuzugehen, Hilfe und Arznei zu suchen.
Zum andern siehe dich um, ob du auch in der Welt seiest; oder weißt du es nicht, so frage deine Nachbarn darum. Bist du in der Welt, so denke nicht, dass [es] an Sünden und Not werde fehlen. Denn fange nur an und stelle dich, als wolltest du fromm werden und beim Evangelio bleiben, und siehe zu, ob dir niemand werde feind werden, dazu Leid, unrecht und Gewalt tun, item zu Sünden und Untugend Ursache geben. Hast du es nicht erfahren, so laß dir’s die Schrift sagen, die der Welt allenthalben solchen Preis und Zeugnis gibt.
Über das wirst du ja auch den Teufel um dich haben, welchen du nicht wirst gar unter dich treten, weil es unser Her Christus selbst nicht hat können umgehen. Was ist nun der Teufel?
Nichts anderes, denn wie ihn die Schrift nennt, ein Lügner und Mörder: ein Lügner, das Herz zu verführen von Gottes Wort und [zu] verblenden, dass du deine Not nicht fühlest noch zu Christo kommen könntest; ein Mörder, der dir keine Stunde das Leben gönnt.
Wenn du sehen solltest, wieviel Messer, Spieße und Pfeile alle Augenblicke auf dich gezielt werden, du solltest froh werden, sooft du könntest, zu dem Sakrament zu kommen. Dass man aber so sicher und unachtsam dahingeht, macht nichts anderes, denn dass wir nicht denken noch glauben, dass wir im Fleisch und in der bösen Welt oder unter des Teufels Reich seien.
Darum versuche und übe solches wohl und gehe nur in dich selbst; oder stehe dich ein wenig um und halte dich nur [zu] der Schrift. Fühlst du alsdann auch nichts, so hast du desto mehr Not zu klagen beide Gott und deinem Bruder. Da laß dir raten und für dich bitten und laß nur nicht ab so lange, bis der Stein von deinem Herzen komme:
so wird sich die Not wohl finden, und du gewahr werden, dass du zweimal tiefer liegst denn ein anderer armer Sünder und des Sakraments viel mehr [be]dürfest wider das Elend, so du leider nicht stehst, ob Gott Gnade gebe, dass du es mehr fühltest und je hungriger dazu würdest, besonders weil dir der Teufel so zusetzt und ohne Unterlaß auf dich hält, wo er dich erhasche und bringe um Seele und Leib, dass du keine Stunde vor ihm sicher kannst sein. Wie bald möchte er dich plötzlich in Jammer und Not [ge]bracht haben, wenn du dich’s am wenigsten versiehst!
Solches sei nun zur Vermahnung gesagt, nicht allein für uns Alte und Große, sondern auch für das junge Volk, so man in der christlichen Lehre und Verstand aufziehen soll. Denn damit könnte man desto leichter die zehn Gebote, Glauben und Vaterunser in die Jugend bringen, dass es ihnen mit Lust und Ernst einginge, und also von Jugend auf übten und gewöhnten.
Denn es ist doch nun fast [beinahe, vielfach] mit den Alten geschehen, dass man solches und anderes nicht erhalten kann, man ziehe denn die Leute auf, so nach uns kommen sollen und in unser Amt und Werk treten, auf dass sie auch ihre Kinder fruchtbarlich erziehen, damit Gottes Wort und die Christenheit erhalten werde.
Darum wisse ein jeglicher Hausvater, dass er aus Gottes Befehl und Gebot schuldig ist, seine Kinder solches zu lehren oder lernen [zu] lassen, was sie können sollen. Denn weil sie getauft sind und in die Christenheit genommen, sollen sie auch solcher Gemeinschaft des Sakraments genießen, auf dass sie uns mögen dienen und nütze werden; denn sie müssen doch alle uns helfen glauben, lieben, beten und wider den Teufel fechten.