Großer KatechismusLCAbschnitt

Das fünfte Gebot

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Concordia Triglotta

Du sollst nicht töten.

Wir haben nun ausgerichtet beide geistlich und weltlich Regiment, das ist, göttliche und väterliche Obrigkeit und Gehorsam. Hier aber gehen wir nun aus unserm Haus unter die Nachbarn, zu lernen, wie wir untereinander leben sollen, ein jeglicher für sich selbst gegen seinen Nächsten.

Darum ist in diesem Gebot nicht eingezogen Gott und die Obrigkeit, noch die Macht genommen, so sie haben, zu töten. Denn Gott sein Recht, Übeltäter zu strafen, der Obrigkeit an der Eltern Statt befohlen hat, welche vorzeiten (als man in Mose liest) ihre Kinder selbst mussten vor Gericht stellen und zum Tode [ver]urteilen. Derhalben was hier verboten ist, ist einem gegen den andern verboten und nicht der Obrigkeit.

Dies Gebot ist nun leicht genug und oft gehandelt, weil man’s jährlich im Evangelio hört, Matth. 5, da es Christus selbst auslegt und in eine Summa fasst, nämlich dass man nicht töten soll, weder mit Hand, Herzen, Mund, Zeichen, Gebärden noch Hilfe und Rat. Darum ist darin jedermann verboten zu zürnen, ausgenommen (wie gesagt), die an Gottes Statt sitzen, das ist, Eltern und Obrigkeit. Denn Gott, und was im göttlichen Stand ist, gebührt zu zürnen, schelten und strafen, eben um derer willen, so dies und andere Gebote übertreten.

Ursache aber und Not dieses Gebots ist, dass Gott wohl weiss, wie die Welt böse ist, und dies Leben viel Unglücks hat; darum hat er dies und andere Gebote zwischen Gute und Böse gestellt. Wie nun mancherlei Anfechtung [Anfeindung, Kampf] ist wider alle Gebote, also geht’s hier auch, dass wir unter viel Leuten leben müssen, die uns Leid tun, dass wir Ursache kriegen, ihnen feind zu sein.

Als wenn dein Nachbar sieht, dass du besser Haus und Hof, mehr Guts und Glücks von Gott hast denn er, so verdreusst’s [verdriesst’s] ihn, neidet dich und redet nichts Gutes von dir.Also kriegst du viel Feinde durch des Teufels Anreizung, die dir kein Gutes weder leiblich noch geistlich gönnen. Wenn man denn solche sieht, so will unser Herz wiederum wüten und bluten und sich rächen. Da hebt sich denn wider Fluchen und Schlagen, daraus endlich Jammer und Mord folgt.

Da kommt nun Gott zuvor wie ein freundlicher Vater, legt sich ins Mittel und will den Hader geschieden haben, dass kein Unglück daraus entstehe, noch einer den andern verderbe. Und Summa, will er hiermit einen jeglichen beschirmt, befreit und befriedet haben vor jedermanns Frevel und Gewalt und dies Gebot zur Ringmaür, Feste und Freiheit gestellt haben um den Nächsten, dass man ihm kein Leid noch Schaden am Leibe tü.

So steht nun dies Gebot darauf, dass niemand seinen Nächsten beleidige um irgendeines bösen Stücks willen, ob er’s gleich höchlich verdiente. Denn wo Totschlag verboten ist, da ist auch alle Ursache verboten, daher Totschlag entspringen mag. Denn mancher, ob er nicht tötet, so flucht er doch und wünscht [etwas, das ist, Unheil, die Pest], dass, wer es sollte am Halse haben, würde nicht weit laufen.

Weil nun solches jedermann von Natur anhängt und in gemeinem Brauch ist, dass keiner [etwas] vom andern leiden will, so will Gott die Wurzel und Ursprung wegräumen, durch welche das Herz wider den Nächsten erbittert wird, und uns gewöhnen, dass wir allezeit dies Gebot vor Augen haben und uns darin spiegeln, Gottes Willen ansehen und ihm das Unrecht, so wir leiden, befehlen mit herzlichem Vertraün und Anrufen seines Namens und also jene feindlich scharren [toben, sich ereifern] und zürnen lassen, dass sie tun, was sie könnten, also dass ein Mensch lerne den Zorn stillen und ein geduldiges, sanftes Herz tragen, besonders gegen die, die ihm Ursache zu zürnen geben, das ist, gegen die Feinde.

Darum ist die ganze Summa davon den Einfältigen aufs deutlichste einzubilden [einzuprägen], was da heisse “nicht töten”: zum ersten, dass man niemand Leid tü, erstlich mit der Hand oder Tat; danach die Zunge nicht [ge]brauchen lasse, dazu zu reden oder zu raten; über das keinerlei Mittel oder Weise [ge]brauche noch bewillige, dadurch jemand möchte beleidigt werden; und endlich, dass das Herz niemand feind sei noch aus Zorn und Hass Böses gönne, also dass Leib und Seele unschuldig sei an jedermann, eigentlich [besonders] aber an dem, der dir Böses wünscht oder zufügt. Denn dem, der dir Gutes gönnt und tut, Böses tun, ist nicht menschlich, sondern teuflisch.

Zum andern ist auch dieses Gebots schuldig nicht allein, der da Böses tut, sondern auch, wer dem Nächsten Gutes tun, zuvorkommen, wehren, ihn schützen und retten kann, dass ihm kein Leid noch Schaden am Leibe widerfahre, und tut es nicht.

Wenn du nun einen Nackten lässest gehen und könntest ihn kleiden, so hast du ihn erfrieren lassen; siehst du jemand Hunger leiden und speist ihn nicht, so lässest du ihn Hungers sterben; also siehst du jemand unschuldig zum Tode verurteilt oder in gleicher Not und nicht rettest, so du Mittel und Wege dazu wüsstest, so hast du ihn getötet. Und wird nicht helfen, dass du vorwendest, du habest keine Hilfe, Rat noch Tat dazu gegeben; denn du hast ihm die Liebe entzogen und [ihn] der Wohltat beraubt, dadurch er bei dem Leben [ge]blieben wäre.

Darum heisst auch Gott billig die alle Mörder, so in Nöten und [Ge]Fahr Leibes und Lebens nicht raten noch helfen, und wird gar ein schrecklich Urteil über sie gehen lassen am Jüngsten Tage, wie Christus selbst verkündigt, da er sprechen wird: “Ich bin hungrig und durstig gewesen, und ihr habt mich nicht gespeiset noch getränket; ich bin ein Gast gewesen, und ihr habt mich nicht geherberget; ich bin nackend gewesen, und ihr habt mich nicht bekleidet; ich bin krank und gefangen gewesen, und ihr habt mich nicht besuchet.” Das ist: Ihr hättet mich und die Meinen wohl lassen Hungers, Durstes und Frosts sterben, die wilden Tiere zerreissen, im Gefängnis verfaulen und in Nöten verderben lassen.

Was heisst das anders denn Mörder und Bluthunde gescholten? Denn ob du solches nicht mit der Tat begangen hast, so hast du ihn doch im Unglück stecken und umkommen lassen, soviel an dir gelegen ist. Und ist ebensoviel, als ob ich jemand sehe auf tiefem Wasser fahren und arbeiten [sich abmühen] oder in ein Feür gefallen und könnte ihm die Hand reichen, [ihn] herausreissen und retten, und doch nicht täte, wie würde ich anders auch vor aller Welt bestehen denn ein Mörder und Bösewicht?

Darum ist die endliche Meinung Gottes, dass wir keinem Menschen Leid widerfahren lassen, sondern alles Gute und Liebe beweisen,

und ist (wie gesagt) eigentlich gegen die gerichtet, so unsere Feinde sind. Denn dass wir Freunden Gutes tun, ist noch eine schlechte [blosse] heidnische Tugend, wie Christus Matth. am 5. sagt.

Da haben wir nun abermal Gottes Wort, damit er uns reizen und treiben will zu rechten, edlen, hohen Werken, als Sanftmut, Geduld und, Summa, Liebe und Wohltat gegen unsere Feinde, und will uns immerdar erinnern, dass wir zurückdenken des ersten Gebots, dass er unser Gott sei das ist, uns helfen, beistehen und schützen wolle, auf dass er die Lust, uns zu rächen, dämpfe.

Solches sollte man nun treiben und bleün [wiederholen, einprägen], so würden wir gute Werke alle Hände voll zu tun haben.

Aber das wäre nicht für die Mönche gepredigt, dem geistlichen Stande zu viel abgebrochen, der Kartäuser Heiligkeit zu nahe und sollte wohl eben gute Werke verboten und Klöster geräumt heissen. Denn mit der Weise würde der gemeine Christenstand gleich so viel, ja weit und viel mehr gelten und jedermann sehen, wie sie die Welt mit falschem, heuchlerischem Schein der Heiligkeit äffen [zum Affen machen, verspotten] und verführen, weil sie dies und andere Gebote in [den] Wind geschlagen und für unnötig gehalten, als wären’s nicht Gebote, sondern Räte, und daneben unverschämt ihren Heuchelstand und Werke für das vollkommenste Leben gerühmt und ausgeschrien, auf dass sie ja ein gut, sanftes Leben führeten ohne Kreuz und Geduld, darum sie auch in die Klöster gelaufen sind, dass sie von niemand nichts leiden noch jemand Gutes tun dürften [brauchten].

Du aber wisse, dass dies die rechten, heiligen und göttlichen Werke sind, welcher er sich mit allen Engeln freut, dagegen alle menschliche Heiligkeit Stank und Unflat ist, dazu nichts anderes denn Zorn und Verdammnis verdient.