Die zweite Bitte
Einleitung
Dein Reich komme.
Wie wir im ersten Stück gebeten haben, das Gottes Ehre und Namen betrifft, dass Gott wehre, dass die Welt nicht ihre Lüge und Bosheit darunter schmücke, sondern hehr und heilig halte beide mit Lehre und Leben, dass er an uns gelobt und gepreiset werde: also bitten wir hier, dass auch sein Reich kommen solle.
Aber gleichwie Gottes Name an ihm selbst heilig ist, und wir doch bitten, dass er bei uns heilig sei, also kommt auch sein Reich ohne unser Bitten von sich selbst; doch bitten wir gleichwohl, dass es zu uns komme, das ist, unter uns und bei uns gehe, also dass wir auch ein Stück seien, darunter sein Name geheiligt werde und sein Reich im Schwange gehe.
Was heisst nun Gottes Reich? Antwort: Nichts anderes, denn wie wir droben im Glauben gehört haben, dass Gott seinen Sohn, Christum, unsern Hern, in die Welt geschickt, dass er uns erlöste und freimachte von der Gewalt des Teufels und zu sich brächte und regierte als ein König der Gerechtigkeit, des Lebens und Seligkeit wider Sünde, Tod und böses Gewissen. Dazu er auch seinen Heiligen Geist [ge]geben hat, der uns solches heimbrächte durch sein heiliges Wort und [uns] durch seine Kraft im Glauben erleuchtete und stärkte.
Derhalben bitten wir nun hier zum ersten, dass solches bei uns kräftig werde, und sein Name so gepreiset durch das heilige Wort Gottes und christlich Leben, beide, dass wir, die es angenommen haben, dabei bleiben und täglich zunehmen, und dass es bei andern Leuten einen Zufall [Beifall] und Anhang gewinne und gewaltiglich durch die Welt gehe, auf dass ihrer viele zu dem Gnadenreich kommen, der Erlösung teilhaftig werden, durch den Heiligen Geist herzu[ge]bracht, auf dass wir also allesamt in einem Königreich, jetzt angefangen, ewiglich bleiben.
Denn “Gottes Reich zu uns kommen” geschieht auf zweierlei Weise, einmal hier zeitlich durch das Wort und den Glauben, zum andern ewig, durch die Offenbarung. Nun bitten wir solches beides, dass es komme zu denen, die noch nicht darin sind, und zu uns, die es überkommen haben, durch täglich Zunehmen und künftig in dem ewigen Leben.
Das alles ist nichts anderes denn so viel gesagt: Lieber Vater, wir bitten, gib uns erstlich dein Wort, dass das Evangelium rechtschaffen durch die Welt gepredigt werde; zum andern, dass [es] auch durch den Glauben angenommen werde, in uns wirke und lebe, dass also dein Reich unter uns gehe durch das Wort und Kraft des Heiligen Geistes und des Teufels Reich niedergelegt werde, dass er kein Recht noch Gewalt über uns habe, so lange, bis es endlich gar zerstört, die Sünde, Tod und Hölle vertilgt werde, dass wir ewig leben in voller Gerechtigkeit und Seligkeit.
Aus dem siehst du, dass wir hier nicht um eine Parteken [ein geringes Almosen] oder zeitlich, vergänglich Gut bitten, sondern um einen ewigen, überschwenglichen Schatz und alles, was Gott selbst vermag [besitzt], das viel zu gross ist, dass ein menschlich Herz solches dürfte in [den] Sinn nehmen zu begehren, wo er’s nicht selbst geboten hätte zu bitten.
Aber weil er Gott ist, will er auch die Ehre haben, dass er viel mehr und reichlicher gibt, denn jemand begreifen kann, als ein ewiger, unvergänglicher Qüll, der, je mehr er ausfleusst [ausfliesst] und übergeht, je mehr er von sich gibt und nichts höher von uns begehrt, denn dass man viel und grosse Dinge von ihm bitte, und wiederum zürnt, wenn man nicht getrost bittet und fordert.
Denn gleich als wenn der reichste, mächtigste Kaiser einen armen Bettler heisse bitten, was er nur begehren möchte, und bereit wäre, gross kaiserlich Geschenk zu geben, und der Narr nicht mehr denn eine Hofsuppe [Bettelsuppe, wie sie auf dem Hofe verteilt wird] bettelte, würde er billig als ein Schelm und Bösewicht gehalten, als der aus kaiserlicher Majestät Befehl seinen Hohn und Spott triebe und nicht wert wäre, vor seine Augen zu kommen. Also [ge]reicht es auch Gott zu grosser Schmach und Unehre, wenn wir, denen er so viele unaussprechliche Güter anbeut [anbietet] und zusagt, solches verachten, oder nicht getraün zu empfangen und kaum um ein Stück Brots [uns] unterwinden zu bitten.
Das ist alles des schändlichen Unglaubens Schuld, der sich nicht so viel Gutes zu Gott versieht, dass er ihm den Bauch ernähre, [ge]schweige, dass er solche ewige Güter sollte ungezweifelt von Gott gewarten. Darum sollen wir uns dawider stärken und dies lassen das erste sein zu bitten, so wird man freilich alles andere auch reichlich haben, wie Christus lehrt: “Trachtet am ersten nach dem Reich Gottes, so soll euch solches alles zufallen.” Denn wie sollte er uns an Zeitlichem mangeln und darben lassen, weil er das Ewige und Unvergängliche verheisst?