X. Von Kirchengebräuchen
Einleitung
so man Adiaphora oder Mitteldinge nennt.
Von Zeremonien und Kirchengebräuchen, welche in Gottes Wort weder geboten noch verboten sind, sondern guter Meinung in die Kirche eingeführt werden um guter Ordnung und Wohlstands [Wohlanstands] willen, oder sonst christliche Zucht zu erhalten, ist gleichermaßen ein Zwiespalt unter etlichen Theologen Augsburgischer Konfession entstanden,
da der eine Teil gehalten, dass man auch zu der Zeit der Verfolgung und im Fall der Bekenntnis [im Fall des Bekenntnisses], wenn die Feinde des heiligen Evangelii sich gleich mit uns in der Lehre nicht vergleichen, dennoch mit unverletztem Gewissen etliche gefallene Zeremonien, so an ihm selbst [so an sich] Mitteldinge und von Gott weder geboten noch verboten [sind], aus der Widersacher Dringen und Erfordern wiederum aufrichten, und man sich also mit ihnen in solchen adiaphoris oder Mitteldingen wohl vergleichen möge.
Der andere Teil aber hat gestritten, dass zur Zeit der Verfolgung im Fall der Bekentniss [im Fall des Bekenntnisses], besonders wenn die Widersacher damit umgehen, dass sie entweder durch Gewalt und Zwang oder hinterlistigerweise die reine Lehre unterdrücken und ihre falsche Lehre in unsere Kirche gemächlich wieder einschieben mögen, solches, wie gesagt, auch im Mitteldingen mit unverletztem Gewissen und ohne Nachteil der göttlichen Wahrheit keineswegs geschehen könnte.
Diesen Streit zu erklären und durch Gottes Gnade endlich hinzulegen [beizulegen], geben wir dem christlichen Leser hiervon diesen einfältigen Bericht.
Nämlich, wenn solche Dinge unter dem Titel und Schein der äußerlichen Mitteldinge vorgegeben werden, welche (ob ihnen gleich eine andere Farbe angestrichen würde) dennoch im Grunde wider Gottes Wort sind, dass dieselben nicht als freie Mitteldinge gehalten, sondern als von Gott verbotene Dinge gemieden sollen werden; wie auch unter die rechten freien adiaphora oder Mitteldinge nicht sollen gerechnet werden solche Zeremonien, die den Schein haben oder, dadurch Verfolgung zu vermeiden, den Schein vorgeben wollten, als wäre unsere Religion mit der papistischen nicht weit voneinander, oder wäre uns dieselbe ja nicht hoch entgegen, oder wenn solche Zeremonien dahin gemeint, also erfordert oder aufgenommen [verstanden werden], als ob damit und dadurch beide widerwärtigen Religionen verglichen und ein Korpus [ge]worden, oder wiederum ein Zutritt zum Papsttum und ein Abweichen von der reinen Lehre des Evangelii und wahren Religion geschehen oder gemächlich daraus erfolgen sollte.
Denn in diesem Fall soll und muss gelten, das Paulus schreibt 2 Kor.6: “Ziehet nicht am fremden Joch; Was hat das Licht für Gemeinschaft mit der Finsternis? Darum gehet aus von ihnen und sondert euch ab, spricht der Her” usw.
Gleichfalls sind das auch nicht rechte adiaphora oder Mitteldinge, wenn es unnütze, närrische Spektakel [Schauspiele] sind, so weder zu guter Ordnung, christlicher Dißiplin oder evangelischem Wohlstand in der Kirche nützlich [sind].
Sondern was rechte adiaphora oder Mitteldinge (wie die vor[hin] erklärt) sind, glauben, lehren und bekennen wir, dass solche Zeremonien an ihnen und für sich selbst kein Gottesdienst, auch kein Teil desselben [sind], sondern von solchen gebührlich unterschieden werden sollen, wie geschrieben steht: “Vergeblich dienen sie mir, weil sie lehren solche Lehren, die nichts denn Menschengebote sind”, Matth. 15.
Demnach glauben, lehren und bekennen wir, dass die Gemeinde Gottes jedes Ortes und jeder Zeit derselben Gelegenheit nach guten Fug, Gewalt und Macht habe, dieselben ohne Leichtfertigkeit und Ërgernis ordentlicher und gebührlicherweise zu ändern, zu mindern und zu mehren, wie es jederzeit zu guter Ordnung, christlicher Dißiplin und Zucht, evangelischem Wohlstand und zur Erbauung der Kirche am nützlichsten, förderlichsten und besten angesehen wird. Wie man auch den Schwachen im Glauben in solchen äußerlichen Mitteldingen mit gutem Gewissen weichen und nachgeben könne, lehrt Paulus Röm. 14 und beweist es mit seinem Exempel Act 16 und 21; 1 Kor 9.
Wir glauben, lehren und bekennen auch, dass zur Zeit der Bekenntnis [des Bekenntnisses], da die Feinde Gottes Worts die reine Lehre des heiligen Evangelii begehren unterzudrücken [zu unterdrücken], die ganze Gemeinde Gottes, ja ein jeder Christenmensch, besonders aber die Diener des Worts als die Vorsteher der Gemeinde Gottes schuldig seien, vermöge Gottes Worts die Lehre und was zur ganzen Religion gehört, frei öffentlich nicht allein mit Worten, sondern auch im Werk und mit der Tat zu bekennen; und dass alsdann in diesem Fall auch in solchen Mitteldingen den Widersachern nicht zu weichen, noch leiden sollen, ihnen [sich] dieselben von den Feinden zur Schwächung des rechten Gottesdienstes und Pflanzung und Bestätigung der Abgötterei mit Gewalt oder hinterlistig aufdringen zu lassen;
wie geschrieben steht Gal. 5: “So bestehet nun in der Freiheit, damit uns Christus befreiet hat, und lasset euch nicht wiederum in das knechtische Joch fangen.” Item Gal. 2: “Da etliche falsche Brüder sich mit eingedrungen und neben eingeschlichen waren, zu verkundschaften unsere Freiheit, die wir haben in Christo Jeu, dass sie uns gefangennehmen, wichen wir denselbigem nicht eine Sünde untertan zu sein, aus dass die Wahrheit des Evangelii bei uns bestünde.” Und redet Paulus an demselben Ort von der Beschneidung, welche zu der Zeit ein frei Mittelding war, 1 Kor. 7, auch in geistlicher Freiheit sonst von Paulo gebraucht ward, Act. 16. Da aber die falschen Apostel zur Bestätigung ihrer falschen Lehre (als wären die Werke des Gesetzes zur Gerechtigkeit und Seligkeit vonnöten) die Beschneidung erforderten und mißbrauchten, da spricht Paulus, dass er nicht eine Stunde habe weichen wollen, auf dass die Wahrheit des Evangelii bestünde.
Also weicht Paulus und gibt den Schwachen nach in Speise und Zeit oder Tagen, Röm. 14. Aber den falschen Aposteln, die solches als nötige Dinge aufs Gewissen legen wollten, will er auch in solchen an ihm selbst [an sich] freien Mitteldingen nicht weichen, Kol. 2: “Lasset euch niemand Gewissen machen über Speise, Trank oder über bestimmte Feiertage!” Und da Petrus und Barnabas in solchem Fall etwas nachgaben, straft sie .Paulus öffentlich, als die in dem nicht richtig nach der Wahrheit des Evangelii wandelten, Gal. 2.
Denn hier ist es nicht mehr um die äußerlichen Mitteldinge zu tun, welche ihrer Natur und Wesen nach für sich selbst frei sind und bleiben und demnach kein Gebot oder Verbot leiden mögen, dieselben zu gebrauchen oder zu unterlassen, sondern es ist erstlich zu tun um den hohen Artikel unsers christlichen Glaubens; wie der Apostel zeugt Gal. 2: “auf dass die Wahrheit des Evangelii bestehe”, welche durch solchen Zwang oder Gebot verdunkelt und verkehrt wird, weil solche Mitteldinge alsdann zur Bestätigung falscher Lehre, Aberglaubens und Abgötterei und zur Unterdrückung reiner Lehre und christlicher Freiheit entweder öffentlich erfordert oder doch dazu von den Widersachern mißbraucht und also ausgenommen [verstanden] werden.
Desgleichen ist’s auch zu tun um den Artikel der christlichen Freiheit, welchen zu erhalten der Heilige Geist durch den Mund des heiligen Apostels seiner Kirche, wie jetzt gehört, so ernstlich befohlen hat. Denn sobald derselbe geschwächt und Menschengebote mit Zwang der Kirche als nötig ausgedrungen werden, als wäre Unterlassung derselben Unrecht und Sünde, ist der Abgötterei der Weg schon bereitet, dadurch nachmals Menschengebote gehäuft [werden] und für einen Gottesdienst, nicht allein den Geboten Gottes gleichgehalten, sondern auch über dieselben gesetzt werden.
So werden auch durch solch Nachgeben und Vergleichen in äußerlichen Dingen, da man zuvor in der Lehre nicht christlich vereinigt [ist], die Abgöttischen in ihrer Abgötterei gestärkt, dagegen die Rechtgläubigen betrübt, geärgert und in ihrem Glauben geschwächt, welches beides ein jeder Christ bei seiner Seelen Heil und Seligkeit zu meiden schuldig ist; wie geschrieben steht: “Wehe der Welt der Ërgernis halben.” Item: “Wer den Geringsten ärgert deren, die an mich glauben, dem wäre besser, dass ihm ein Mühlstein an seinem Hals hinge, und er ersäufet würde im Meer, da es am tiefsten ist”, Matth. 18.
Besonders aber ist zu bedenken, das Christus sagt: “Wer mich bekennet vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater”, Matth. 10.
Dass aber solches je und allwege der vornehmsten Lehrer der Augsburgischen Konfession Glaube und Bekenntnis von solchen Mitteldingen gewesen, in deren Fußtapfen wir getreten, und durch Gottes Gnade bei solchem ihrem Bekenntnis gedenken zu verharren, weisen nachfolgende Zeugnisse aus, so aus den Schmalkaldischen Artikeln gezogen, welche Anno 37 usw, gestellt und unterschrieben worden.
Aus den Schmalkaldischen Artikeln.
Anno 1537 usw.
Die Schmalkaldischen Artikel (Von der Kirche) sagen hiervon also: “Wir gestehen ihnen” (den päpstischen Bischöfen): “nicht, dass sie die Kirche seien, und [sie] sind es auch nicht, und [wir] wollen es auch nicht hören, was sie uns unter dem Namen der Kirche gebieten und verbieten. Denn es weiß, Gott Lob, ein Kind von sieben Jahren, was die Kirche sei, nämlich die Heiligen, Gläubigen und die Schäflein, die ihres Hirten Stimme hören.” Und kurz zuvor (Von der Weihe und Vokation): “Wenn die Bischöfe rechte Bischöfe wollten sein und sich der Kirche und des Evangelii annehmen, so möchte man ihnen das um der Liebe und Einigkeit willen (doch nicht aus Not) lassen gegeben sein, dass sie uns und unsere Prediger ordinierten und konfirmierten, doch hintangesetzt alle Larven und Gespenst unchristlichen Wesens oder Gepränges. Nun sie aber nicht rechte Bischöfe sind oder auch nicht sein wollen, sondern weltliche Herren und Fürsten, die weder predigen noch lehren noch taufen noch kommunizieren noch einiges Werk oder Amt der Kirche treiben wollen, dazu diejenigen, die zu solchem Amt berufen, vertreiben, verfolgen und verdammen, so muss dennoch die Kirche um ihretwillen nicht ohne Diener bleiben.”
Und unter dem Artikel von des Papsts Primat oder Herrschaft sagen die Schmalkaldischen Artikel also: “Darum, sowenig wir den Teufel selbst für einen Herrn oder Gott anbeten können, so wenig können wir auch seinen Apostel, den Papst oder Antichrist, in seinem Regiment zum Haupt oder Herrn leiden; denn Lügen und Mord, Leib und Seele zu verderben ewiglich, das ist sein päpstisch Regiment eigentlich.”
Und in der Schrift von der Gewalt und Obrigkeit des Papsts, welche den Schmalkaldischen Artikeln angehängt und von den damals anwesenden Theologen auch mit eigenen Händen unterschrieben [ist], stehen diese Worte: “Niemand soll die Kirche beschweren mit eigenen Satzungen, sondern hie soll es also heißen, dass keines Gewalt noch Ansehen mehr gelte denn das Wort Gottes.”
Und bald danach: “Weil nun dem also ist, sollen alle Christen auf das fleißigste sich hüten, dass sie solcher gottlosen Lehre, Gotteslästerung und unbilliger Täuberei [Wüterei] sich nicht teilhaftig machen, sondern sollen vom Papst und seinen Gliedern oder Anhang als von des Antichrists Reich weichen und es verfluchen, wie Christus befohlen hat: ‘Hutet euch vor den falschen Propheten’; und Paulus gebeut, dass man falsche Prediger meiden und als einen Greül verfluchen soll. Und 2 Kor. 6 spricht er: ‘Ziehet nicht am fremden Joch mit den Ungläubigen; denn was hat das Licht für Gemeinschaft mit der Finsternis?’
“Schwer ist es, dass man von so viel Landen und Leuten sich trennen und eine [be]sondere Lehre führen will; aber hie steht Gottes Befehl, dass jedermann sich soll hüten und nicht mit denen einhellig sein, so unrechte Lehre führen oder mit Wüterei zu erhalten gedenken.”
So hat auch D. Luther in einem sonderlichen Bedenken, was man von den Zeremonien insgemein und insonderheit von Mitteldingen halten soll, tom 3 Ien. fol. 523, ausführlich die Kirche Gottes erinnert, inmaßen auch Anno 30 usw. geschehen, wie in tom. 5 Ien. deutsch zu finden [ist].
Aus welcher Erklärung jedermänniglich Verstehen kann, was einer christlichen Gemeinde und jedem Christenmenschen, insonderheit zur Zeit des Bekenntnisses, besonders den Predigern mit unverletztem Gewissen in Mitteldingen zu tun oder zu lassen [gebührt], damit Gott nicht erzürnt, die Liebe nicht verletzt, die Feinde Gottes Worts nicht gestärkt noch die Schwachgläubigen verärgert werden.
- Demnach verwerfen und verdammen wir als unrecht, wenn Menschengebote für sich selbst als ein Gottesdienst oder Stück desselben gehalten werden.
- Wir verwerfen und verdammen auch als unrecht, wenn solche Gebote mit Zwang als notwendig der Gemeinde Gottes aufgedrungen werden.
- Wir verwerfen und verdammen auch als unrecht derer Meinung, so da halten, dass man zur Zeit der Verfolgung den Feinden des heiligen Evangelii (das zum Abbruch der Wahrheit dient) in dergleichen Mitteldingen möge willfahren oder sich mit ihnen vergleichen.
- Gleichfalls halten wir auch für strafwürdige Sünde, wo zur Zeit der Verfolgung entweder in Mitteldingen oder in der Lehre, und was sonst zur Religion gehört, um der Feinde des Evangelii willen im Werk und mit der Tat dem christlichen Bekenntnis zuwider und entgegen etwas gehandelt wird.
- Wir verwerfen und verdammen auch, wenn solche Mitteldinge dergestalt abgeschafft werden, als sollte es der Gemeinde Gottes nicht freistehen, jeder Zeit und Orts, derselben Gelegenheit nach, wie es der Kirche am nützlichsten, sich eines oder mehr [mehrerer] in christlicher Freiheit zu gebrauchen.
Solchergestalt werden die Kirchen von wegen Ungleichheit der Zeremonien, da in christlicher Freiheit eine weniger oder mehr derselben hat, einander nicht verdammen, wenn sie sonst in der Lehre und allen derselben Artikeln, auch rechtem Gebrauch der heiligen Sakramente miteinander einig [sind], nach dem wohlbekannten Spruch: Dissonantia ieiunii non dissolvit consonantiam fidei, “Ungleichheit des Fastens soll die Einigkeit des Glaubens nicht trennen”.