Konkordienformel – Solida DeclaratioFC SDArtikel VI

VI. Vom dritten Brauch des Gesetzes

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Concordia Triglotta
  1. Nachdem das Gesetz Gottes nicht allein dazu nützt, dass dadurch äußerliche Zucht und Ehrbarkeit wider die wilden, ungehorsamen Leute erhalten, 2. desgleichen, dass durch solches die Menschen zur Erkenntnis ihrer Sünden gebracht, 3. sondern auch, wenn sie durch den Geist Gottes neugeboren, zu dem Hern bekehrt und also ihnen die Decke Moss aufgedeckt, [dass sie] in dem Gesetz leben und wandeln: hat sich über diesen dritten und letzten [Ge]Brauch des Gesetzes ein Zwiespalt etlicher wenig Theologen zugetragen,

da der eine Teil gelehrt und gehalten, dass die Wiedergebornen den neün Gehorsam, oder in welchen guten Werken sie wandeln sollen, nicht aus dem Gesetz lernen, noch daraus dieselbe Lehre zu treiben sei, weil sie durch den Sohn Gottes freigemacht, seines Geistes Tempel [ge]worden und also frei, gleichwie die Sonne ohne einigen Trieb für sich selbst [von selbst] ihren ordentlichen Lauf vollbringt, also auch sie für sich selbst, aus Eingeben und Trieb des Heiligen Geistes, tun, was Gott von ihnen erfordert.

Dagegen hat der andere Teil gelehrt: obwohl die Rechtgläubigen wahrhaftig durch den Geist Gottes getrieben werden und also nach dem inwendigen Menschen aus einem freien Geist den Willen Gottes tun, so gebrauche doch eben der Heilige Geist das geschriebene Gesetz bei ihnen zur Lehre, dadurch auch die Rechtgläubigen lernen, Gott nicht nach ihren eigenen Gedanken, sondern nach seinem geschriebenen Gesetz und Wort zu dienen, welches eine gewisse Regel und Richtschnur sei eines gottseligen Lebens und Wandels, nach dem ewigen und unwandelbaren Willen Gottes anzurichten.

Zur Erklärung und endlichen Hinlegung [endgültigen Beilegung] dieses Zwiespalts glauben, lehren und bekennen wir einhellig, dass, obwohl die rechtgläubigen und wahrhaftig zu Gott bekehrten und gerechtfertigten Christen vom Fluch des Gesetzes erledigt und freigemacht sind, dass sie sich doch im Gesetz des Hern täglich üben sollen; wie geschrieben steht Ps. 1 und 119: “Wohl dem, der Lust zum Gesetz des Hern hat und redet von seinem Gesetz Tag und Nacht.” Denn das Gesetz ist ein Spiegel, in welchem der Wille Gottes, und was ihm gefälIig, eigentlich abgemalt ist, das man den Gläubigen stets vorhalten und bei ihnen ohne Unterlaß fleißig treiben soll.

Denn obwohl dem Gerechten kein Gesetz gegeben ist, wie der Apostel zeugt, sondern den Ungerechten, so ist doch solches nicht also bloß zu verstehen, dass die Gerechten ohne Gesetz leben sollen. Denn das Gesetz Gottes [ist] ihnen in das Herz geschrieben, und dem ersten Menschen [wurde] gleich nach seiner Erschaffung auch ein Gesetz gegeben, danach er sich verhalten sollte. Sondern die Meinung St. Pauli ist, dass das Gesetz diejenigen, so durch Christum mit Gott versöhnt, mit seinem Fluch nicht beschweren kann, auch die Wiedergebornen mit seinem Zwang nicht quälen dürfe [zu quälen brauche, zu quälen Ursache habe], weil sie nach dem inwendigen Menschen Lust haben an Gottes Gesetz.

Und zwar, wenn die gläubigen und auserwählten Kinder Gottes durch den einwohnenden Geist in diesem Leben vollkömmlich verneürt würden, also dass sie in ihrer Natur und allen derselben Kräften ganz und gar der Sünden ledig wären, bedürften sie keines Gesetzes und also auch keines Treibers, sondern sie täten für sich selbst [von selbst] und ganz freiwillig ohne alle Lehre, Vermahnung, Anhalten oder Treiben des Gesetzes, was sie nach Gottes Willen zu tun schuldig sind, gleichwie die Sonne, der Mond und das ganze himmlische Gestirn seinen ordentlichen Lauf ohne Vermahnung, ohne Anhalten, Treiben, Zwang oder Nötigung für sich selbst unverhindert hat, nach der Ordnung Gottes, die ihnen Gott einmal gegeben hat, ja, wie die lieben Engel einen ganz freiwilligen Gehorsam leisten.

Nachdem aber die Gläubigen in diesem Leben nicht vollkömmlich, ganz und gar, compIetive vel consummative, verneürt werden; denn obwohl ihre Sünde durch den vollkommenen Gehorsam Christi bedeckt [ist], dass sie den Gläubigen zur Verdammnis nicht zugerechnet wird, auch durch den Heiligen Geist die Abtötung des alten Adams und die Verneurung im Geist ihres Gemüts angefangen [ist] so hängt ihnen doch noch immer der alte Adam in ihrer Natur und allen desselben innerlichen und äußerlichen Kräften an;

davon der Apostel geschrieben Röm. 7: “Ich weiß, das in mir, das ist, in meinem Fleisch, wohnet nichts Gutes.” Und abermals: “Ich weiß nicht, was ich tü; denn ich tü nicht, was ich will, sondern das ich hasse, das tü ich.” Item: “Ich sehe ein ander Gesetz in meinen Gliedern, das da widerstrebet dem Gesetz in meinem Gemüte und nimmt mich gefangen in der Sünde Gesetz.” Item: “Das Fleisch gelüstet wider den Geist und den Geist wider das Fleisch; dieselbigen sind widereinander, dass ihr nicht tut, was ihr wollet.”

Darum so bedürfen in diesem Leben die rechtgläubigen, auserwählten und wiedergebornen Kinder Gottes von wegen solcher Gelüste des Fleisches nicht allein des Gesetzes täglicher Lehre und Vermahnung, Warnung und Dräuung, sondern auch oftermals der Strafen, damit sie aufgemuntert [werden] und dem Geist Gottes folgen, wie geschrieben steht Ps. 119: “Es ist mir gut, Her, dass du mich demütigest, auf dass ich deine Rechte lerne.” Und abermals, 1 Kor. 9: “Ich betäube meinen Leib und zähme ihn, dass ich nicht den andern predige und selbst verwerflich werde.” Und abermals, Hebr. 12: “Seid ihr ohne Züchtigung, welcher sie alle sind teilhaftig worden, so seid ihr Bastarde und nicht Kinder,” wie D. Luther solches mit mehr Worten in der Kirchenpostille, im Sommerteil, über die Epistel am 19. Sonntag nach Trinitatis ausführlich erklärt hat.

Es muss aber auch u1nterschiedlich erklärt werden, was das Evangelium zu dem neün Gehorsam der Gläubigen tü, schaffe und wirke, und was hierin, soviel die guten Werke der Gläubigen anlangt, des Gesetzes Amt sei.

Denn das Gesetz sagt wohl, es sei Gottes Wille und Befehl, das wir im neün Leben wandeln sollen, es gibt aber die Kraft und Vermögen nicht, dass wir’s anfangen und tun können, sondern der Heilige Geist, welcher nicht durch das Gesetz, sondern durch die Predigt des Evangelii gegeben und empfangen wird, Gal. 3, erneürt das Herz.

Danach braucht der Heilige Geist das Gesetz dazu, dass er aus demselben die Wiedergebornen lehrt und in den zehn Geboten ihnen zeigt und weist, welches da sei “der wohlgefällige Wille Gottes”, Röm. 12 “in welchen guten Werken sie wandeln sollen, die Gott zuvor bereitet hat,” Eph. 2; vermahnt sie dazu, und da sie in dem [und wenn sie darin] von wegen des Fleisches faul, nachlässig und widerspenstig sind, straft er sie darum durchs Gesetz, also dass er beide Ëmter zusammen führt: er tötet und macht lebendig, er führt in die Hölle und führt wieder heraus; welches Amt ist nicht allein trösten, sondern auch strafen, wie geschrieben steht: “Wenn der Heilige Geist kommt, der wird die Welt” darunter auch der alte Adam ist): “strafen um die Sünde und um die Gerechtigkeit und um das Gericht.”

Sünde aber ist alles, das wider das Gesetz Gottes ist.

Und St. Paulus sagt: “Alle Schrift, von Gott gegeben, ist nütze zur Lehre, zur Strafe” usw., und strafen ist das eigentliche Amt des Gesetzes. Darum, sooft die Gläubigen straucheln, werden sie gestraft durch den Heiligen Geist aus dem Gesetz und durch denselben Geist wieder aufgerichtet und getröstet mit der Predigt des heiligen Evangelii.

Damit aber, soviel möglich, aller Mißverstand verhütet, und der Unterschied zwischen den Werken des Gesetzes und des Geistes eigentlich [genau deutlich] gelehrt und erhalten werde, ist mit [be]sonderem Fleiß zu merken: wenn von guten Werken geredet wird, die dem Gesetz Gottes gemäß sind (denn sonst sind es nicht gute Werke), das hier das Wort: “Gesetz” einerlei heißet [ein und dasselbe bezeichnet], nämlich den unwandelbaren Willen Gottes, nach welchem sich die Menschen in ihrem Leben verhalten sollen.

Der Unterschied aber ist in den Werken von wegen des Unterschieds der Menschen, die nach solchem Gesetz und Willen Gottes sich befleißigen zu halten. Denn solange der Mensch nicht wiedergeboren ist und sich nach dem Gesetz hält und tut die Werke darum, dass sie also geboten sind, aus Furcht [vor] der Strafe oder Gesuch des Lohns der ist noch [so ist er noch] unter dem Gesetz, und seine Werke werden von St. Paulo eigentlich Werke des Gesetzes genennet [genannt], denn sie werden von dem Gesetz erzwungen wie die [wie die der] Knechte; und das sind kainische Heilige.

Wenn aber der Mensch durch den Geist Gottes neugeboren und vom Gesetz freigemacht, das ist von diesem Treiber ledig [ge]worden und von den Geist Christi getrieben wird, so lebt er nach den unwandelbaren Willen Gottes, im Gesetz begriffen und tut alles, soviel er neugeboren ist, aus freiem lustigem Geist, 1 Tim. 1; Röm. 6. 8; und solches heißen nicht eigentlich Werke des Gesetzes, sondern Werke und Früchte des Geistes oder, wie es St. Paulus nennt, “das Gesetz des Gemüts und Gesetz Christi”. Denn solche Leute sind nicht mehr unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade, wie St. Paulus sagt Röm. 8.

Nachdem aber [da aber] die Gläubigen in dieser Welt nicht vollkommen erneürt [werden], sondern der alte Adam hängt ihnen an bis in die Grube so bleibt auch in ihnen der Kampf zwischen den Geist und Fleisch. Darum haben sie wohl Lust an Gottes Gesetz nach dem innerlichen Menschen aber das Gesetz in ihren Gliedern widerstrebt den Gesetz in ihrem Gemüte; dergestalt [daher, aus welche Art und Weise] sie denn nimmer ohne Gesetz und gleichwohl nicht unter, sondern im Gesetz sind, im Gesetz des Herrn leben und wandeln und doch aus Trieb des Gesetzes nichts tun.

Soviel aber den alten Adam belangt, der ihnen noch anhängt, muss derselbe nicht allein mit [dem] Gesetz, sondern auch mit Plagen getrieben werden, der doch alles wider seinen Willen und gezwungen tut, nicht weniger als die Gottlosen durch Dräuungen des Gesetzes getrieben und im Gehorsam gehalten werden, 1 Kor. 9; Röm. 7.

So ist auch solche Lehre des Gesetzes den Gläubigen darum nötig, auf das sie nicht auf eigene Heiligkeit und Andacht fallen und unter dem Schein des Geistes Gottes eigenerwählten Gottesdienst, ohne Gottes Wort und Befehl, anrichten, wie geschrieben steht Deut. I2: “Ihr sollt deren keins tun, ein jeder, was ihn recht dünket, sondern höret die Gebote und Rechte, die ich euch gebiete, und sollet auch nichts dazutun noch davontun.”

So ist auch die Lehre des Gesetzes in und bei den guten Werken der Gläubigen darum vonnöten: denn sonst kann ihm [kann sich] der Mensch gar leicht einbilden, dass sein Werk und Leben ganz rein und vollkommen sei. Aber das Gesetz Gottes schreibt den Gläubigen die guten Werke also vor, das es zugleich wie in einem Spiegel zeigt und weist, das sie in uns in diesem Leben noch unvollkommen und unrein seien, dass wir mit dem lieben Paulo sagen müssen: “Wenn ich mir gleich nichts bewußt bin, so bin ich darum nicht gerechtfertiget.” Also, da Paulus die Neugebornen zu guten Werken vermahnt, hält er ihnen ausdrücklich vor die zehn Gebote, Röm. 13; und dass seine guten Werke unvollkommen und unrein seien, erkennt er aus dem Gesetz, Röm. 7; und David spricht Ps. 119: viam mandatorum tuorum cucurri, “ich wandle auf dem Wege deiner Gebote”; aber “gehe mit deinem Knecht nicht ins Gericht, denn sonst wird kein Lebendiger vor dir gerecht sein”, Ps. 143.

Wie aber und warum die guten Werke der Gläubigen, ob sie gleich in diesem Leben von wegen der Sünde im Fleisch unvollkommen und unrein sind, dennoch Gott angenehm und wohlgefällig sind, solches lehrt nicht das Gesetz, welches einen ganz vollkommenen, reinen Gehorsam, wo er Gott gefallen soll, erfordert. Sondern das Evangelium lehrt, dass unsere geistlichen Opfer Gott angenehm seien durch den Glauben um Christus’ willen, 1 Petr. 2; Hebr. 11.

Solchergestalt sind die Christen nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade, weil die Person von dem Fluch und Verdammnis des Gesetzes durch den Glauben an Christum gefreiet [befreit ist], und weil ihre guten Werke, ob sie gleich noch unvollkommen und unrein, durch Christum Gott angenehm sind, weil sie auch nicht aus Zwang des Gesetzes, sondern aus Verneürung des Heiligen Geistes, von Herzen, willig und Ungezwungen tun, was Gott gefäIlig ist, soviel sie nach den innerlichen Menschen neugeboren sind; gleichwohl aber führen sie einen stetigen Kampf wider den alten Adam.

Denn der alte Adam, als der unstallige, streitige Esel, ist auch noch ein Stück an ihnen, das nicht allein mit des Gesetzes Lehre, Vermahnung, Treiben und Dräün, sondern auch öftermals mit dem Knüttel der Strafen und Plagen in den Gehorsam Christi zu zwingen, bis das Fleisch der Sünde ganz und gar ausgezogen und der Mensch vollkömmlich in der Auferstehung erneürt [ist], da er weder der Predigt des Gesetzes noch seiner Dräuung und Strafen wie auch des Evangelii nicht mehr bedürfen wird, die in dies unvollkommene Leben gehören.

Sondern wie sie Gott von Angesicht zu Angesicht anschaün, also werden sie durch Kraft des einwohnenden Geistes Gottes freiwillig, ungezwungen, ungehindert, ganz rein und völlig mit eitel Freuden den Willen Gottes zu tun und sich an demselben ewig zu erfreün [den Willen Gottes tun und sich an demselben ewig erfreün] .

Demnach verwerfen und verdammen wir als einen schädlichen und christlicher Zucht, auch wahrer Gottseligkeit nachteiligen Irrtum, wenn gelehrt wird, dass das Gesetz obgemeldeter Weise und Maß nicht bei den Christen und Rechtgläubigen, sondern allein bei den Ungläubigen, Unchristen und Unbußfertigen getrieben werden soll.