XI. Von der ewigen Vorsehung und Wahl Gottes
Obwohl unter den Theologen Augsburgischer Konfession noch gänzlich keine öffentliche, ärgerliche und weitläuftige Zwiespaltung von der ewigen Wahl der Kinder Gottes vorgefallen [ist], jedoch, nachdem dieser Artikel an andern Orten in ganz beschwerlichen Streit gezogen und auch unter den unsern etwas davon erregt worden [ist], dazu von den Theologen nicht allewege gleiche Reden geführt [sind], derhalben, vermittelst göttlicher Gnade auch künftiglich bei unsern Nachkommen, soviel an uns, Uneinigkeit und Trennung in solchem vorzukommen [vorzubeugen], haben wir desselben Erklärung auch hierher setzen wollen, aus dass männiglich [jedermann] wissen möge, was auch von diesem Artikel unsere einhellige Lehre, Glaube und Bekenntnis sei.
Denn die Lehre von diesem Artikel, wenn sie aus und nach dem Vorbilde des göttlichen Wortes geführt [wird], man nicht kann noch soll für unnütz oder unnötig, viel weniger für ärgerlich oder schädlich halten, weil die Heilige Schrift des Artikels nicht an einem Ort allein etwa ungefähr gedenkt, sondern an vielen Orten denselben gründlich handelt und treibt.
So muss man auch um Mißbrauchs oder Mißverstandes willen die Lehre des göttlichen Wortes nicht unterlassen oder verwerfen, sondern eben derhalben, allen Mißbrauch und Mißverstand abzuwenden, soll und muss der rechte Verstand aus Grund der Schrift erklärt werden. Und steht demnach die einfältige Summa und Inhalt der Lehre von diesem Artikel aus nachfolgenden Punkten.
Erstlich ist der Unterschied zwischen der ewigen Vorsehung Gottes und [der] ewigen Wahl seiner Kinder zu der ewigen Seligkeit mit Fleiß zu merken. Denn praescientia vel praevisio dies ist, dass Gott alles vorher sieht und weiß, ehe es geschieht, welches man die Vorsehung Gottes nennt) geht über alle Kreaturen, gute und böse, dass er nämlich alles zuvor sieht und weiß, was da ist oder sein wird, was da geschieht oder geschehen wird, es sei gut oder böse, weil vor Gott alle Dinge, sie seien vergangen oder zukünftig, unverborgen und gegenwärtig sind. Wie geschrieben steht Matth. 10: “Kauft man nicht zween Sperlinge um einen Pfennig? Noch fällt derselben keiner auf die Erde ohne euren Vater.” Und Ps. 139: “Deine Augen sahen mich, da ich noch unbereitet war, und waren alle Tage auf dein Buch geschrieben, die noch werden sollten, und derselben keiner da war,” Item Jes.37: “Ich kenne deinen Außug und Einzug und dein Toben wider mich.”
Die ewige Wahl Gottes aber vel praedestinatio, das ist, Gottes Verordnung zur Seligkeit, geht nicht zumal über die Frommen und Bösen, sondern allein über die Kinder Gottes, die zum ewigen Leben erwählt und verordnet sind, ehe der Welt Grund gelegt ward; wie Paulus spricht Eph 1: “Er hat uns erwählet in Christo Jeu und verordnet zur Kindschaft.”
Die Vorsehung Gottes (praescientia) sieht und weiß zuvor auch das Böse, aber nicht also, dass es Gottes gnädiger Wille wäre, dass es geschehen sollte; sondern was der verkehrte, böse Wille des Teufels und der Menschen vornehmen und tun werde und wolle, das sieht und weiß Gott alles zuvor und hält seine praescientia, das ist, Vorsehung, auch in den bösen Händeln oder Werken ihre Ordnung, dass von Gott dem Bösen, welches Gott nicht will, sein Ziel und Maß gesetzt wird, wie fern es gehen und wie lang es währen solle, wann und wie er’s hindern und strafen wolle; welches doch alles Gott der Her also regiert, dass es zu seines göttlichen Namens Ehre und seiner Auserwählten Heil gereichen [muss], und die Gottlosen darob zuschanden werden müssen.
Der Anfang aber und Ursache des Bösen ist nicht Gottes Vorsehung (denn Gott schafft und wirkt das Böse nicht, hilft und befördert’s auch nicht), sondern des Teufels und der Menschen böser, verkehrter Wille; wie geschrieben steht Hos. 13: “Isräl, du bringest dich in Unglück; aber dein Heil siehet allein bei mir.” Item: “Du bist nicht ein Gott, dem gottlos Wesen gefalle”, Ps 5.
Die ewige Wahl Gottes aber sieht und weiß nicht allein zuvor der Auserwählten Seligkeit, sondern ist auch aus gnädigem Willen und Wohlgefallen Gottes in Christo Jeu eine Ursache, so da unsere Seligkeit, und was zu derselben gehört, schafft, wirkt, hilft und befördert; daraus auch unsere Seligkeit also gegründet ist, dass: “die Pforten der Hölle nichts dawider vermögen sollen”; wie geschrieben steht: “Meine Schafe wird mir niemand aus meiner Hand reißen.” Und abermals: “und es wurden gläubig, soviele ihrer zum ewigen Leben verordnet waren.” Matth. 16; Joh. 10; Act. 13.
Dieselbe ewige Wahl oder Verordnung Gottes zum ewigen Leben ist auch nicht also bloß in dem heimlichen, unerforschlichen Rat Gottes zu betrachten, als hielte solche nicht mehr in sich oder gehörte nicht mehr dazu, wäre auch nicht mehr dabei zu bedenken, denn dass Gott zuvor ersehen [habe], welche und wie viele selig, welche und wie viele verdammt sollten werden, oder dass er allein solche Musterung gehalten: Dieser soll selig, jener soll verdammt werden; dieser soll beständig bleiben, jener soll nicht beständig bleiben.
Denn daraus nehmen und fassen ihrer viele seltsame, gefährliche und schädliche Gedanken, entweder Sicherheit und Unbußfertigkeit oder Kleinmütigkeit und Verzweiflung daher zu verursachen und zu stärken, dass sie in beschwerliche Gedanken fallen und reden: Weil Gott seine Auserwählten zur Seligkeit vorsehen [versehen] hat, ehe der Welt Grund gelegt ward, Eph 1, und Gottes Vorsehen nicht fehlen noch von jemand gehindert oder geändert werden kann, Jes. 14; Röm. 9; bin ich denn zur Seligkeit vorsehen, so kann mir’s daran nicht schaden, ob ich gleich ohne Buße allerlei Sünde und Schande treibe, Wort und Sakrament nicht achte, weder mit Buße, Glauben, Gebet oder Gottseligkeit mich bekümmere, sondern ich werde und muss doch selig werden, denn Gottes Vorsehung muss geschehen; bin ich aber nicht vorsehen, so hilft es doch nicht, wenn ich mich gleich zum Worte hielte, Buße täte, glaubte usw., denn Gottes Vorsehung kann ich nicht hindern oder ändern.
Und solche Gedanken fallen auch wohl gottseligen Herzen ein, wenn sie gleich aus Gottes Gnade Buße, Glauben und guten Vorsatz haben dass sie gedenken: Wenn du aber nicht von Ewigkeit zur Seligkeit vorsehen bist, so ist’s doch alles umsonst, und besonders wenn sie auf ihre Schwachheit sehen und aus die Exempel derer, so nicht verharrt, sondern wieder abgefallen sind.
Wider diesen falschen Wahn und Gedanken soll man nachfolgenden klaren Grund, der gewiß ist und nicht fehlen kann, setzen, nämlich: Weil alle Schrift, von Gott eingegeben, nicht zur Sicherheit und Unbußsertigkeit, sondern zur Strafe, Züchtigung und Besserung dienen soll, 2 Tim. 3; item, weil alles in Gottes Wort darum uns vorgeschrieben ist, nicht dass wir dadurch in Verzweiflung getrieben sollen werden, sondern dass wir durch Geduld und Trost der Schrift Hoffnung haben, Röm. 15: so ist ohne allen Zweifel in keinem Wege das der gesunde Verstand oder rechte Gebrauch der Lehre von der ewigen Vorsehung Gottes, dass dadurch entweder Unbußsertigkeit oder Verzweiflung verursacht oder gestärkt werden. So führt auch die Schrift diese Lehre nicht anders denn also, dass sie uns dadurch zum Wort weist, Eph 1; 1 Kor. 1, zur Buße vermahnt, 2 Tim. 3, zur Gottseligkeit anhält, Eph 1; Joh. 15, den Glauben stärkt und unserer Seligkeit uns vergewissert, Eph 1; Joh. 10; 2 Thess. 2.
Derwegen, wenn man von der ewigen Wahl oder vom der Prädestination und Verordnung der Kinder Gottes zum ewigen Leben recht und mit Frucht gedenken oder reden will, soll man sich gewöhnen, dass man nicht von der bloßen, heimlichen, verborgenen, unausforschlichen Vorsehung Gottes spekuliere, sondern [betrachte,] wie der Rat, Vorsatz und Verordnung Gottes in Christo Jeu, der das rechte, wahre Buch des Lebens ist, durch das Wort uns geoffenbart wird,
nämlich, dass die ganze Lehre vom dem Vorsatz, Rat, Willen und Verordnung Gottes, belangend unsere Erlösung, Beruf, Gerecht= und Seligmachung, zusammengefaßt werde; wie Paulus also diesen Artikel handelt und erklärt Röm. 8; Eph 1, wie auch Christus in der Parabel Matth. 22, nämlich, dass Gott in seinem Vorsatz und Rat verordnet habe.
- Dass wahrhaftig das menschliche Geschlecht erlöst und mit Gott versöhnt sei durch Christum, der uns mit seinem unschuldigen Gehorsam, Leiden und sterben Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, und das ewige Leben verdient habe.
- Dass solch Verdienst und Wohltaten Christi durch sein Wort und Sakrament uns sollen vorgetragen, dargereicht und ausgeteilt werden.
- Dass er mit seinem Heiligen Geist durch das Wort, wenn es gepredigt, gehört und betrachtet wird, in uns wolle kräftig und tätig sein, die Herzen zu wahrer Buße bekehren und im rechten Glauben erhalten.
- Dass er alle die, so in wahrer Buße durch rechten Glauben Christum annehmen, gerecht machen, sie zu Gnaden, zur Kindschaft und Erbschaft des ewigen Lebens annehmen wolle.
- Dass er auch, die also gerechtfertigt, heiligen wolle in der Liebe, wie St. Paulus Eph. 1 sagt.
- Dass er sie auch in ihrer großen Schwachheit wider Teufel, Welt und Fleisch schützen und auf seinen Wegen regieren und führen, da sie straucheln, wieder ausrichten, in Kreuz und Anfechtung trösten und erhalten wolle.
- Dass er auch in ihnen das gute Werk, so er angefangen hat, stärken, mehren und sie bis ans Ende erhalten wolle, wo sie [wenn sie] an Gottes Wort sich halten, fleißig beten, an Gottes Güte bleiben und die empfangenen Gaben treulich brauchen.
- Dass er endlich dieselben, so er erwählt, berufen und gerecht gemacht hat, auch im ewigen Leben ewig selig und herrlich machen wolle.
Und hat Gott in solchem seinem Rat, Vorsatz und Verordnung nicht allein insgemein die Seligkeit bereitet, sondern hat auch alle und jede Personen der Auserwählten, so durch Christum sollen selig werden, in Gnaden bedacht, zur Seligkeit erwählt, auch verordnet, dass er sie auf die Weise, wie jetzt gemeldet, durch seine Gnade, Gaben und Wirkung dazu bringen, helfen, fördern, stärken und erhalten wolle.
Dieses alles wird nach der Schrift in der Lehre von der ewigen Wahl Gottes zur Kindschaft und ewigen Seligkeit begriffen, soll auch darunter verstanden und nimmer ausgeschlossen noch unterlassen werden, wenn man redet von dem Vorsatz, Vorsehung, Wahl und Verordnung Gottes zur Seligkeit. Und wenn also nach der Schrift die Gedanken von diesem Artikel gefaßt werden, so kann man sich durch Gottes Gnade einfältig darein richten.
Es gehört auch dies zu fernerer Erklärung und heilsamem [Ge]Brauch der Lehre von der Vorsehung Gottes zur Seligkeit: weil allein die Auserwählten selig werden, deren Namen geschrieben stehen im Buch des Lebens, wie man das wissen, woraus und wobei erkennen könne, welche die Auserwählten sind, die sich dieser Lehre zum Trost annehmen können und sollen.
Und hiervon sollen wir nicht urteilen nach unserer Vernunft, auch nicht nach dem Gesetz oder aus einigem äußerlichen Schein; auch sollen wir uns nicht unterstehen, den heimlichen, verborgenen Abgrund göttlicher Vorsehung zu [er]forschen, sondern auf den geoffenbarten Willen Gottes achtgeben. Denn: “er hat uns offenbaret und wissen lassen das Geheimnis seines Willens und hat dasselbige hervorgebracht durch Christum, dass es geprediget werden”, Eph 1; 2 Tim. 1.
Dasselbe aber wird uns also geoffenbart, wie Paulus spricht Röm 8: “Die Gott versehen, erwählet und verordnet hat, die hat er auch berufen.” Nun beruft Gott nicht ohne Mittel, sondern durch das Wort, wie er denn befohlen hat, zu predigen Buße und Vergebung der Sünden. Dergleichen bezeugt auch St. Paulus, da er geschrieben: “Wir sind Botschafter an Christus’ Statt, und Gott vermahnet durch uns: Lasset euch versöhnen mit Gott!” 2 Kor. 5. Und die Gäste, welche der König zu seines Sohnes Hochzeit haben will, läßt er durch seine ausgesandten Diener berufen, Matth. 22, etliche zur ersten, etliche zur andern, dritten, sechsten, neunten, auch wohl zur elften Stunde, Matth. 20.
Derhalben, wenn wir unsere ewige Wahl zur Seligkeit nützlich betrachten wollen, müssen wir in alle Wege steif und fest darüber halten, dass, wie die Predigt der Buße, also auch die Verheißung des Evangelii universalis [sei], das ist, über alle Menschen gehe, Luk. 24. Darum Christus befohlen hat, zu predigen in seinem Namen Buße und Vergebung der Sünden unter allen Völker. Denn Gott hat die Welt geliebet und derselben seinen Sohn gegeben, Joh. 3. Christus hat der Welt Sünde getragen, Joh. 1: sein Fleisch gegeben für der Welt Leben, Joh. 6; sein Blut ist die Versöhnung für der ganzen Welt Sünde, 1 Joh. 2. Christus spricht: Kommet alle zu mir, die ihr beladen seid, ich will euch erquicken, Matth. 11. Gott hat alles beschlossen unter dem [unter den] Unglauben, als dass er sich aller erbarme, Röm 11. Der Her will nicht, dass jemand verloren werde, sondern dass sich jedermann zur Buße kehre, 2 Petr. 3: Er ist aller zumal ein Her, reich über alle, die ihn anrufen, Röm. 10. Die Gerechtigkeit kommt durch den Glauben an Christum zu allen und aus alle, die glauben, Röm 3. Das ist der Wille des Vaters, dass alle, die an Christum glauben, das ewige Leben haben sollen, Joh. 6 Also ist Christus Befehl, dass insgemein allen, denen Buße gepredigt wird, auch diese Verheißung des Evangelii soll vorgetragen werden, Luk.24; Mark.16.
Und solchen Beruf Gottes, so durch die Predigt des Worts geschieht, sollen wir für kein Spiegelfechten halten, sondern wissen, dass dadurch Gott seinen Willen offenbart, dass er in denen, die er also beruft, durchs Wort wirken wolle, dass sie erleuchtet, bekehrt und selig werden mögen. Denn das Wort, dadurch wir berufen werden, ist ein Amt des Geistes, das den Geist gibt oder dadurch der Geist gegeben wird, 2 Kor. 3, und eine Kraft Gottes, selig zu machen, Röm. 1. Und weil der Heilige Geist durchs Wort kräftig sein, stärken, Kraft und Vermögen geben will, so ist Gottes Wille, dass wir das Wort annehmen, glauben und demselben folgen sollen.
Daher werden die Auserwählten also beschrieben Joh. 10: “Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben.” Und Eph. 1: “Die nach dem Vorsatz verordnet sind zum Erbteil”, die hören das Evangelium, glauben an Christum, beten und danken, werden geheiligt in der Liebe, haben Hoffnung, Geduld und Trost im Kreuz, Röm. 8; und ob dies alles gleich sehr schwach in ihnen ist, haben sie doch Hunger und Durst nach der Gerechtigkeit, Math. 5.
Also: “gibt der Geist Gottes den Auserwählten Zeugnis, dass sie Kinder Gottes sind; und da sie nicht wissen, was sie beten sollen, wie sichs gebührt, vertritt er sie mit unaussprechlichem Seufzen”, Röm. 8.
So zeugt auch die Heilige Schrift, dass Gott, der uns berufen hat, so getreu sei, wenn er das gute Werk in uns angefangen hat, dass er’s auch bis ans Ende erhalten und vollführen wolle, wo wir uns nicht selbst von ihm abkehren, sondern das angefangene Wesen bis ans Ende fest behalten, dazu er denn seine Gnade verheißen hat, 1 Kor. 1; Phil. 1; 2 Petr. 3; Hebr. 3.
Mit diesem geoffenbarten Willen Gottes sollen wir uns bekümmern, demselben folgen und uns desselben befleißigen, weil der Heilige Geist durchs Wort, dadurch er uns beruft, Gnade, Kraft und Vermögen dazu verleiht, und den Abgrund der verborgenen Vorsehung Gottes nicht forschen, wie Luk. 13 geschrieben, da einer fragt: “HErr, meinest du, dass wenig selig werden?” antwortet Christus: “Ringet ihr danach, dass ihr durch die enge Pforte eingehet.” Also spricht Lutherus: “Folge du der Epistel zu’n Römern in ihrer Ordnung, bekummere dich zuvor mit Christo und seinem Evangelio, dass du deine Sünde und seine Gnade erkennest, danach mit der Sünde streite, wie Paulus vom ersten bis ins achte Kapitel lehrt; danach, wenn du im achten Kapitel in Anfechtung unter Kreuz und Leiden kommen wirst, das wird dich lehren im neunten, zehnten und elften Kapitel die Vorsehung, wie tröstlich die sei” usw.
Dass aber: “viele berufen sind und wenige auserwählt”, kommt nicht daher, das es mit Gottes Beruf, so durchs Wort geschieht die Meinung haben sollte, als spräche Gott: Ëußerlich, durchs Wort, berufe ich euch wohl alle, denen ich mein Wort gebe, zu meinem Reich, aber im Herzen meine ich’s nicht mit allen, sondern nur mit etlichen wenigen; denn es ist meine Wille, dass der größte Teil von denen, so ich durchs Wort berufe, nicht sollen erleuchtet und bekehrt werden, sondern verdammt sein und bleiben, ob ich mich gleich durchs Wort im Beruf anders gegen sie erkläre. Hoc enim esset Deo contradictorias voluntates affingere.
Das ist, solchergestalt würde gelehrt, dass Gott, der doch die ewige Wahrheit ist, selbst [sich selbst] zuwider sein sollte; so doch Gott solche Untugend, da man sich eines Dinges erklärt und ein anderes im Herzen gedenkt und meint, auch an Menschen straft, Ps. 5 und 12.
Dadurch uns auch der nötige, tröstliche Grund gänzlich ungewiß und zunichte gemacht [wird], da wir täglich erinnert und vermahnt werden, dass wir allein aus Gottes Wort, dadurch er mit uns handelt und uns beruft, lernen und schließen sollen, was sein Wille gegen uns sei; und was uns solches [Wort Gottes] zusagt und verheißt, dass wir das gewiß glauben und daran nicht zweifeln sollen.
Derhalben auch Christus die Verheißung des Evangelii nicht allein läßt insgemein vortragen, sondern dieselbe durch die Sakramente, die er als Siegel der Verheißung angehängt, [versiegelt] und damit einen jeden [einem jeden] Gläubigen insonderheit bestätigt.
Darum behalten wir auch, wie die Augsburgische Konfession articulo 11. sagt, die Privatabsolution und lehren, dass es Gottes Gebot sei, dass wir solcher Absolution glauben und für gewiß halten sollen, dass wir so wahrhaftig, wenn wir dem Wort der Absolution glauben, Gott versöhnt werden, als hätten wir eine Stimme vom Himmel gehört, wie die Apologia diesen Artikel erklärt; welcher Trost uns ganz und gar genommen [würde], wenn wir nicht aus dem Beruf, der durchs Wort und durch die Sakramente geschieht, von Gottes willen gegen uns schließen sollten.
Es würde uns auch der Grund umgestoßen und genommen, dass der Heilige Geist bei dem gepredigten, gehörten, betrachteten Wort gewißlich gegenwärtig und dadurch kräftig sein und wirken wolle. Derhalben hat’s die Meinung in keinem Wege, davon hievor Meldung geschehen, dass nämlich diejenigen die Auserwählten sein sollten, wenn sie gleich das Wort Gottes verachten, von sich stoßen, lästern und verfolgen, Matth. 22, Act. 13, oder wenn sie es hören, ihre Herzen verstocken, Hebr. 4, dem Heiligen Geist widerstreben, Act. 7, ohne Buße in Sünden verharren, Luk. 14, an Christum nicht wahrhaftig glauben, Mark. 16, nur einen äußerlichen Schein führen, Matth. 7 und 22, oder außer Christo andere Wege zur Gerechtigkeit und Seligkeit suchen, Röm. 9.
Sondern wie Gott in seinem Rat verordnet hat, dass der Heilige Geist die Auserwählten durchs Wort berufen, erleuchten und bekehren, und dass er alle die, so durch rechten Glauben Christum annehmen, gerecht und selig machen wolle, also hat er auch in seinem Rat beschlossen, dass er diejenigen, so durchs Wort berufen werden, wenn sie das Wort von sich stoßen und dem Heiligen Geist, der in ihnen durchs Wort kräftig sein und wirken will, widerstreben und darin verharren, sie [dass er sie] verstocken, verwerfen und verdammen wolle. Und also [und so] sind viele berufen und wenige auserwählt.
Denn wenig nehmen das Wort an und folgen ihm; der größte Haufe verachtet das Wort und will zu der Hochzeit nicht kommen. Solcher Verachtung des Wortes ist nicht die Ursache Gottes Vorsehung, sondern des Menschen verkehrter Wille, der das Mittel und Werkzeug des Heiligen Geistes, so ihm Gott durch den Beruf vorträgt, von sich stößt oder verkehrt und dem Heiligen Geist, der durchs Wort kräftig sein will und wirkt, widerstrebt; wie Christus spricht: “Wie oft habe ich dich versammeln wollen, und du hast nicht gewollt.” Matth. 23.
Also: “nehmen ihrer viele das Wort mit Freuden an, aber danach fallen sie wieder ab”, Luk. 8. Die Ursache aber ist nicht, als wollte Gott ihnen, in welchen er das gute Werk angefangen, die Gnade zur Beständigkeit nicht geben; denn das ist wider St. Paulum, Phil. 1; sondern die Ursache ist: weil sie sich mutwillig von dem heiligen Gebot wieder abwenden, den Heiligen Geist betrüben und verbittern, in den Unflat der Welt sich wieder einsteckten, dem Teufel die Herberge des Herzens wieder schmücken, mit welchen das letzte ärger wird denn das erste, 2 Petr. 2; Luk. 11; Hebr. 10.
Und so fern ist uns das Geheimnis der Vorsehung in Gottes Wort geoffenbart, und wenn wir dabei bleiben und uns daran halten, so ist es gar eine nützliche, heilsame, tröstliche Lehre; denn sie bestätigt gar gewaltig den Artikel, dass wir ohne alle unsere Werke und Verdienst, lauter aus Gnaden, allein um Christus’ willen gerecht und selig werden. Denn vor der Zeit der Welt, ehe wir gewesen sind, ja ehe der Welt Grund gelegt [ward], da wir ja nichts Gutes haben tun können, sind wir nach Gottes Vorsatz aus Gnaden in Christo zur Seligkeit erwählt, Röm. 9; 2 Tim. 1.
Es werden auch dadurch alle opiniones und irrige Lehren von den Kräften unsers natürlichen Willens ernieder=[danieder=]gelegt, weil Gott in seinem Rat vor der Zeit der Welt bedacht und verordnet hat, dass er alles, was zu unserer Bekehrung gehört, selbst mit der Kraft seines Heiligen Geistes durchs Wort in uns schaffen und wirken wolle.
Es gibt auch also diese Lehre den schönen, herrlichen Trost, dass Gott eines jeden Christen Bekehrung, Gerechtigkeit und Seligkeit so hoch ihm [so hoch sich hat] angelegen sein lassen und es so treulich damit gemeint, dass er, ehe der Welt Grund gelegt, darüber Rat gehalten und in seinem Vorsatz verordnet hat, wie er mich dazu bringen und darin erhalten wolle; item, dass er meine Seligkeit so wohl und gewiß habe verwahren wollen, weil sie durch Schwachheit und Bosheit unsers Fleisches aus unsern Händen leichtlich könnte verloren oder durch List und Gewalt des Teufels und der Welt daraus gerissen und genommen werden, dass er dieselbe in seinem ewigen Vorsatz, welcher nicht fehlen oder umgestoßen werden kann, verordnet und in die allmächtige Hand unsers Heilandes Jeu Christi, daraus uns niemand reißen kann, zu bewahren gelegt hat, Joh. 10;
daher auch Paulus sagt Röm. 8: “Weil wir nach dem Vorsatz Gottes berufen sind, wer will uns denn scheiden von der Liebe Gottes in Christo?”
Es gibt auch diese Lehre in Kreuz und Anfechtungen herrlichen Trost, nämlich dass Gott in seinem Rat vor der Zeit der Welt bedacht und beschlossen habe, dass er uns in allen Nöten beistehen, Geduld verleihen, Trost geben, Hoffnung wirken und einen solchen Ausgang verschaffen wolle, dass es uns seliglich sein möge.
Ferner: wie Paulus dies gar tröstlich handelt Röm. 8, dass Gott in seinem Vorsatz vor der Zeit der Welt verordnet habe, durch was Kreuz und Leiden er einen jeden seiner Auserwählten gleich wollte machen dem Ebenbilde seines Sohnes, und dass einem jeden sein Kreuz zum besten dienen solle und müsse, weil sie nach dem Vorsatz berufen sind; daraus Paulus für gewiß und ungezweifelt geschlossen, dass weder Trübsal noch Angst, weder Tod noch Leben usw. uns scheiden können von der Liebe Gottes in Christo Jesu.
Es gibt auch dieser Artikel ein herrlich Zeugnis, dass die Kirche Gottes wider alle Pforten der Hölle sein und bleiben werde, und lehrt auch, welches die rechte Kirche Gottes sei, dass wir uns an dem großen Ansehen der falschen Kirche nicht ärgern, Röm. 9.
Es werden auch aus diesem Artikel mächtige Vermahnungen und Warnungen genommen, als Luk. 7: “Sie verachten Gottes Rat wider sich selbst.” Luk. 14: “Ich sage euch, dass der Männer keiner mein Abendmahl schmecken wird.” Item: “Viele sind berufen, aber wenige auserwählet.” Item: “Wer Ohren hat zu hören, der höre”, und: “Sehet zu, wie ihr höret!” Also kann die Lehre von diesem Artikel nützlich, tröstlich und seliglich gebraucht werden.
Es muss aber mit [be]sonderem Fleiß Unterschied gehalten werden zwischen dem, was in Gottes Wort ausdrücklich hiervon offenbart oder nicht geoffenbart. Denn über das [außer dem], davon bisher gesagt, so hiervon in Christo offenbart [ist], hat Gott von diesem Geheimnis noch viel verschwiegen und verborgen und allein seiner Weisheit und Erkenntnis vorbehalten, welches wir nicht erforschen noch unsern Gedanken hierin folgen, schließen oder grübeln, sondern uns an das geoffenbarte Wort halten sollen; welche Erinnerung zum höchsten vonnöten [ist].
Denn damit hat unser Vorwitz immer viel mehr Lust sich zu bekümmern als mit dem, das Gott uns in seinem Wort davon offenbart hat, weil wir’s nicht zusammenreimen können, welches uns auch zu tun nicht befohlen ist.
Also ist daran kein Zweifel, dass Gott gar wohl und aufs allergewisseste vor der Zeit der Welt zuvor ersehen habe und noch wie, welche von denen, so berufen werden, glauben oder nicht glauben werden; item, welche von den Bekehrten beständig, welche nicht beständig bleiben werden; welche nach dem Fall wiederkehren, welche in Verstockung fallen werden. So ist auch die Zahl, wie viele derselben beiderseits sein werden, Gott ohne allen Zweifel bewußt und bekannt.
Weil aber solches Geheimnis Gott seiner Weisheit vorbehalten und uns im Wort davon nichts offenbart, viel weniger solches durch unsere Gedanken zu erforschen uns befohlen, sondern [uns] ernstlich davon abgehalten hat, Röm. 11, sollen wir mit unsern Gedanken nicht folgern, schließen noch darin grübeln, sondern uns an sein geoffenbartes Wort, darauf er uns weiset, halten.
Also weiß auch Gott ohne allen Zweifel und hat einem jeden Zeit und Stunde seines Berufs, Bekehrung bestimmt; weil aber uns solches nicht geoffenbart [ist], haben wir Befehl, dass wir immer mit dem Wort anhalten, die Zeit aber und Stunde Gott befehlen sollen, Act. 1.
Gleichfalls, wenn wir sehen, dass Gott sein Wort an einem Ort gibt, am andern nicht gibt, von einem Ort hinwegnimmt, am andern bleiben läßt; item, einer wird verstockt, verblendet, in verkehrten Sinn gegeben, ein anderer, so wohl in gleicher Schuld, wird wiederum bekehrt usw.; in diesen und dergleichen Fragen setzt uns Paulus
ein gewisses Ziel, wie fern wir gehen sollen, nämlich dass wir bei einem Teil erkennen sollen Gottes Gericht. Denn es sind wohlverdiente Strafen der Sünden, wenn Gott an einem Lande oder Volk die Verachtung seines Wortes also straft, dass es auch über die Nachkommen geht, wie an den Juden zu sehen;
dadurch Gott den Seinen an etlichen Landen und Personen seinen Ernst zeigt, was wir alle wohl verdient hätten, würdig und wert wären, weil wir uns gegen Gottes Wort übel verhalten und den Heiligen Geist oft schwerlich [schwer] betrüben; auf dass wir in Gottesfurcht leben und Gottes Güte ohne und wider unser Verdienst an und bei uns, denen er sein Wort gibt und läßt, die er nicht verstockt und verwirft, erkennen und preisen.
Denn weil unsere Natur durch die Sünde verderbt [ist], Gottes Zorn und der Verdammnis würdig und schuldig, so ist uns Gott weder Wort, Geist oder Gnade schuldig; und wenn er’s aus Gnaden gibt, so stoßen wir es oft von uns und machen uns unwürdig des ewigen Lebens, Act. 13. Und solch sein gerechtes, wohlverschuldetes Gericht läßt er schaün an etlichen Ländern, Völkern und Personen, auf dass wir, wenn wir gegen ihnen [gegen sie] gehalten und mit ihnen verglichen [werden], desto fleißiger Gottes lautere, unverdiente Gnade an den Gefäßen der Barmherzigkeit erkennen und preisen lernen.
Denn denen geschieht nicht unrecht, so gestraft werden und ihrer Sünden Sold empfangen; an den andern aber, da Gott sein Wort gibt und erhält, und dadurch die Leute erleuchtet, bekehrt und erhalten werden, preist Gott seine lautere Gnade und Barmherzigkeit, ohne ihr Verdienst.
Wenn wir so fern in diesem Artikel gehen, so bleiben wir auf der rechten Bahn, wie geschrieben steht Hoseä 13: “Isräl, dass du verdirbest, die Schuld ist dein; dass dir aber geholfen wird, das ist lauter meine Gnade.”
Was aber in dieser Disputation zu hoch [ist] und aus diesen Schranken laufen will, da sollen wir mit Paulo den Finger auf den Mund legen, gedenken und sagen: “Wer bist du, Mensch, der du mit Gott rechten willst?”
Denn dass wir in diesem Artikel nicht alles ausforschen und ausgründen können noch sollen, bezeugt der hohe Apostel Paulus, welcher, da er von diesem Artikel aus dem [ge]offenbarten Wort Gottes viel disputiert, sobald er dahin kommt, dass er anzeigt, was Gott von diesem Geheimnis seiner verborgenen Weisheit vorbehalten [habe], drückt er’s nieder und schneidet’s ab mit nachfolgenden Worten: “O welch eine Tiefe des Reichtums, beide der Weisheit und Erkenntnis Gottes. Wie gar unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege. Denn wer hat des Hern Sinn erkannt?” nämlich außer und über dem, was er in seinem Wort uns offenbart hat.
Demnach soll diese ewige Wahl Gottes in Christo und nicht außerhalb oder ohne Christum betrachtet werden. Denn “in Christo”, zeugt der heilige Apostel Paulus, “sind wir erwählet, ehe der Welt Grundfeste geleget war”, wie geschrieben steht: “Er hat uns geliebet in dem Geliebten.” Solche Wahl aber wird offenbar vom Himmel durch das gepredigte Wort, da der Vater spricht: “Das ist mein lieber Sohn, an dem ich ein Wohlgefallen habe; den sollt ihr hören” und Christus spricht: “Kommet zu mir alle, die ihr beschweret seid; ich will euch erquicken.” Und vom Heiligen Geist sagt Christus: “Er wird mich verklären und euch erinnern alles, was ich euch gesagt habe.”
Dass also die ganze heilige Dreifaltigkeit, Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist, alle Menschen auf Christum weisen als auf das Buch des Lebens, in dem sie des Vaters ewige Wahl suchen sollen. Denn das ist von Ewigkeit bei dem Vater beschlossen: wen er wolle selig machen, den wolle er durch Christum selig machen, wie er selber spricht: “Niemand kommt zum Vater denn durch mich”; und abermals: “Ich bin die Tür; so jemand durch mich eingehet, der wird selig werden.” Eph 1; Luk. 3; Matth. 11; Joh. 16. 14. 10.
Christus aber, als der eingeborne Sohn Gottes, der in des Vaters Schoß ist, hat uns der Vater Willen und also auch unsere ewige Wahl zum ewigen Leben verkündigt, nämlich da er sagt : “Tut Buße und glaubet dem Evangelio; denn das Reich Gottes ist nahe herbeikommen.” Ferner: er sagt: “Das ist der Wille des, der mich gesandt hat, dass, wer den Sohn siehet und glaubet an ihn, habe das ewige Leben,” und abermals: “Also hat Gott die Welt geliebet” usw. Mark. 1; Joh. 3.
Diese Predigt, will der Vater, dass alle Menschen hören und zu Christo kommen sollen, die auch Christus nicht von sich treibt, wie geschrieben steht: “Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen”, Joh. 6.
Und auf dass wir zu Christo mögen kommen, wirkt der Heilige Geist durch das Gehör des Wortes den wahrhaftigen Glauben, wie der Apostel zeugt, da er spricht: “So kommt nun der Glaube aus dem Gehör Gottes Worts”, wenn dasselbe lauter und rein gepredigt wird, Röm. 10.
Derhalben, welcher Mensch selig werden will, der soll sich selber nicht bemühen oder plagen mit den Gedanken von dem heimlichen Rat Gottes, ob er auch zum ewigen Leben erwählt und verordnet sei, damit der leidige Satan fromme Herzen pflegt anzufechten und zu vexieren. Sondern sie sollen Christum hören, welcher ist das Buch des Lebens und der ewigen Wahl Gottes zum ewigen Leben aller Kinder Gottes; der bezeugt allen Menschen ohne Unterschied, dass Gott wolle, das alle Menschen zu ihm kommen, die mit Sünden beschwert und beladen sind, auf dass sie erquickt und selig werden.
Nach dieser seiner Lehre sollen sie von ihren Sünden abstehen, Buße tun, seiner Verheißung glauben und sich ganz und gar auf ihn verlassen; und weil wir das aus eigenen Kräften von uns selbst nicht vermögen, will solches, nämlich Buße und Glauben, der Heilige Geist in uns wirken durchs Wort und durch die Sakramente.
Und dass wir solches mögen vollführen, darin verharren und beständig bleiben, sollen wir Gott um seine Gnade anrufen, die er uns in der heiligen Taufe zugesagt hat, und nicht zweifeln, er werde uns dieselbe vermöge seiner Verheißung mitteilen; wie er versprochen hat Luk. 11: “Wo bittet unter euch ein Sohn den Vater um Brot, der ihm einen Stein dafür biete; [und so er um einen Fisch bittet, der ihm eine Schlange für den Fisch biete;] oder so er um ein Ei bittet, der ihm einen Skorpion dafür biete? So denn ihr, die ihr arg seid, könnet euren Kindern Gutes geben, viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten.”
Und nachdem der Heilige Geist in den Auserwählten, die gläubig [ge]worden sind, wohnt als in seinem Tempel, der in ihnen nicht müßig ist, sondern treibt die Kinder Gottes zum Gehorsam der Gebote Gottes, sollen die Gläubigen gleichergestalt auch nicht müßig sein, noch viel weniger dem Treiben des Geistes Gottes sich widersetzen, sondern in allen christlichen Tugenden, in aller Gottseligkeit, Bescheidenheit, Mäßigkeit, Geduld, brüderlicher Liebe sich üben und allen Fleiß tun, dass sie ihren Beruf und Erwählung festmachen, damit sie desto weniger daran zweifeln, je mehr sie des Geistes Kraft und Stärke in ihnen [in sich] selbst befinden.
Denn der Geist Gottes den Auserwählten Zeugnis gibt, dass sie Gottes Kinder sind, Röm 8. Und ob sie gleich etwan [bisweilen] in so tiefe Anfechtung geraten, dass sie vermeinen, sie empfinden seine Kraft des inwohnenden Geistes Gottes mehr, und sagen mit David Ps. 31: “Ich sprach in meinem Zagen: Ich bin von deinen Augen verstoßen”, so sollen sie doch wiederum mit David darauf sagen, unangesehen, was sie in ihnen selbst befinden, wie denn gleich folgt, ibidem: “Dennoch hörest [hörtest] du meines Flehens Stimme, da ich zu dir schrie.”
Und weil unsere Wahl zum ewigen Leben nicht aus unserer Frömmigkeit oder Tugend, sondern allein auf Christus’ Verdienst und [den] gnädigen Willen seines Vaters gegründet ist, der sich selbst nicht verleugnen kann, weil er in seinem Willen und Wesen unwandelbar ist: derhalben, wenn seine Kinder aus dem Gehorsam treten und straucheln, läßt er sie durchs Wort wieder zur Buße rufen, und will der Heilige Geist dadurch in ihnen zur Bekehrung kräftig sein; und wenn sie in wahrer Buße durch rechten Glauben sich wieder zu ihm bekehren, will er das alte Vaterherz immer erzeigen allen denen, die sich ob [die sich vor] seinem Wort fürchten und von Herzen wieder zu ihm bekehren; wie geschrieben steht Jer.3: “Wenn sich ein Mann von seinem Weibe scheiden läßt, und sie zeucht [zieht] von ihm und nimmt einen andern Mann, darf er sie auch wieder annehmen? Ist’s nicht also, dass das Land verunreiniget würde? Du aber hast mit viel Buhlern gehuret; doch komm wieder zu mir, spricht der Her.”
Dass aber gesagt wird Joh. 6, “niemand komme zu Christo, der Vater ziehe ihn denn”, ist recht und wahr. Aber der Vater will das nicht tun ohne Mittel, sondern hat dazu sein Wort und Sakramente als ordentliche Mittel und Werkzeuge verordnet; und [es] ist weder des Vaters noch des Sohnes Wille, dass ein Mensch die Predigt seines Wortes nicht hören oder verachten und auf das Ziehen des Vaters ohne Wort und Sakramente warten solle. Denn der Vater zeucht [zieht] wohl mit der Kraft seines Heiligen Geistes, jedoch, seiner gemeinen Ordnung nach, durch das Gehör seines heiligen göttlichen Wortes als mit einem Netze, dadurch die Auserwählten aus dem Rachen des Teufels gerissen werden,
dazu sich ein jeder armer Sünder verfügen, dasselbe mit Fleiß hören und an dem Ziehen des Vaters nicht zweifeln soll; denn der Heilige Geist will mit seiner Kraft bei dem Wort sein und dadurch wirken; und das ist das Ziehen des Vaters.
Dass aber nicht alle die, so es gehört, glauben und derhalben so viel desto tiefer verdammt werden, [davon] ist nicht die Ursache, dass ihnen Gott die Seligkeit nicht gegönnt hätte, sondern sie selbst sind schuldig [schuld] dran, die solchergestalt das Wort gehört [haben], nicht zu lernen, sondern dasselbe allein zu verachten, zu lästern und zu schänden, und dass sie dem Heiligen Geist, der durchs Wort in ihnen wirken wollte, widerstrebt haben, wie es eine Gestalt [Bewandtnis] zur Zeit Christi mit den Pharisäern und ihrem Anhang gehabt.
So unterscheidet der Apostel mit [be]sonderem Fleiß das Werk Gottes, der allein Gefäße der Ehre macht, und das Werk des Teufels ist des Menschen, der sich selbst aus Eingebung des Teufels, und nicht Gottes, zum Gefäß der Unehre gemacht hat. Denn also steht geschrieben Röm. 9: “Gott hat mit großer Geduld getragen die Gefäße des Zorns, die da zugerichtet sind zur Verdammnis, auf dass er kundtäte den Reichtum seiner Herrlichkeit an den Gefäßen der Barmherzigkeit, die er bereitet hat zur Seligkeit.”
Da denn der Apostel deutlich sagt, Gott habe die Gefäße des Zorns mit großer Geduld getragen, und sagt nicht, er habe sie zu Gefäßen des Zorns gemacht; denn da es sein Wille gewesen wäre, hätte er keiner großen Geduld dazu bedörfet [bedurft]. Dass sie aber bereitet sind zur Verdammnis, daran sind der Teufel und die Menschen selbst, und nicht Gott, schuldig.
Denn alle Bereitung zur Verdammnis ist vom Teufel und Menschen, durch die Sünde, und ganz und gar nicht von Gott, der nicht will, dass ein Mensch verdammt werde: wie sollte er denn einen Menschen zur Verdammnis selbst bereiten? Denn wie Gott nicht ist eine Ursache der Sünde, also ist er auch keine Ursache der Strafe, der Verdammnis, sondern die einige [die alleinige] Ursache der Verdammnis ist die Sünde; denn: “der Sünde Sold ist der Tod”. Und wie Gott die Sünde nicht will, auch keinen Gefallen an der Sünde hat, also will er auch nicht in Tod des Sünders, hat auch keinen Gefallen über ihrer [an ihrer] Verdammnis; denn er “will nicht, dass jemand verloren werde, sondern dass sich jedermann zur Buße bekehre”, 2 Petr. 3; wie geschrieben steht Ezech. 18 und 33: “Ich habe keinen Gefallen am Tode des Sterbenden. So wahr, als ich lebe, will ich nicht den Tod des Sünders, sondern dass er sich bekehre und lebe.”
Und St. Paulus bezeugt mit lauteren [klaren] Worten, dass aus den Gefäßen der Unehre Gefäße der Ehre durch Gottes Kraft und und Wirken mögen, da er also schreibt 2 Tim. 2: “So nun jemand sich reiniget von solchen Leuten, der wird ein geheiliget Faß sein, zu Ehren, dem Hausherrn bräuchlich, und zu allen guten Werken bereitet.” Denn wer sich reinigen soll, der muss zuvor unrein und demnach ein Gefäß der Unehre gewesen sei. Aber von den Gefäßen der Barmherzigkeit sagt er klar, dass der Her selbst sie bereitet habe zur Herrlichkeit, welches er nicht sagt von den Verdammten, die sich selbst (und nicht Gott) zu Gefäßen der Verdammnis bereitet haben.
Es ist auch mit Fleiß zu bedenken: wenn Gott Sünde mit Sünden, das ist, diejenigen, so bekehrt gewesen, von wegen folgender ihrer Sicherheit, Unbußfertigkeit und mutwilligen Sünden, hernach mit Verstockung und Verblendung straft, dass solches nicht dahin gezogen werden solle, als wäre es Gottes wohlgefälliger Wille niemals gewesen, dass solche Leute zur Erkenntnis der Wahrheit kommen [sollten] und selig würden. Denn es ist beides Gottes offenbarter Wille:Erstlich, dass Gott alle, so Buße tun und an Christum glauben, zu Gnaden aufnehmen wolle.Zum andern, dass er auch die, so sich mutwillig von dem heiligen Gebot abwenden und in den Unflat der Welt wieder einflechten, 2 Petr. 2, dem Satan das Herz schmücken, Luk. 11, den Heiligen Geist schänden, Hebr. 10, strafen wolle, und da sie drin verharren, dass sie verstockt, verblendet und ewig verdammt sollen werden.
Demnach auch Pharao (von dem geschrieben steht: “Eben darum habe ich dich erwecket, dass meine Kraft an dir erscheine und mein Name verkündiget würde in allen Landen”) nicht darum zugrund [ge]gangen, dass Gott ihm die Seligkeit nicht gegönnt haben sollte, oder sein wohlgefälliger Wille gewesen wäre, dass er sollte verdammt und verloren werden; denn Gott will nicht, dass jemand verloren werde, hat auch keinen Gefallen am Tode des Sünders, sondern will, dass er sich bekehre und lebe, Ezech. 33.
Dass aber Gott Pharaos Herz verhärtet, dass nämlich Pharao immer fort und fort sündigt, und je mehr er vermahnt [wird], je verstockter er wird, das ist eine Strafe seiner vorgehenden Sünde und greulichen Tyrannei gewesen, die er an den Kindern Isräl viel und mancherlei, ganz unmenschlich und wider das Anklagen seines Herzens geübt hat. Und weil ihm Gott sein Wort predigen und seinen Willen verkündigen ließ, und aber [und dennoch] Pharao sich mutwillig stracks wider alle Vermahnung und Warnung auflehnte, hat Gott die Hand von ihm abgezogen, und ist also das Herz verhärtet und verstockt [worden], und hat Gott sein Gericht an ihm erzeigt; denn er anders nichts denn des höllischen Feürs schuldig war.
Wie denn der heilige Apostel das Exempel Pharaos auch anders nicht einführt, denn hiermit die Gerechtigkeit Gottes zu erweisen, die er über die Unbußfertigen und Verächter seines Wortes erzeigt, keineswegs aber dahin gemeint noch Verstanden [hat], dass Gott ihm oder einigem Menschen die Seligkeit nicht gönnete, sondern [ihn] also in seinem heimlichen Rat zur ewigen Verdammnis verordnet [hätte], dass er nicht sollte können oder mögen selig werden.
Durch diese Lehre und Erklärung von der ewigen und seligmachenden Wahl der auserwählten Kinder Gottes wird Gott seine Ehre ganz und völlig gegeben, dass er aus lauter Barmherzigkeit in Christo, ohne alle unser Verdienst oder gute Werke uns selig mache, nach dem Vorsatz seines Willens, wie geschrieben steht Eph. 1: “Er hat uns verordnet zur Kindschaft gegen ihn selbst durch Jeum Christum nach dem Wohlgefallen seines Willens, zu Lob seiner Herrlichkeit und Gnade, durch welche er uns hat angenehm gemacht in dem Geliebten.”
Darum es falsch und unrecht, wenn gelehrt wird, dass nicht allein die Barmherzigkeit Gottes und [das] anerheiligste Verdienst Christi, sondern auch in uns eine Ursache der Wahl Gottes sei, um welcher willen Gott uns zum ewigen Leben erwählt habe. Denn nicht allein, ehe wir etwas Gutes getan, sondern auch, ehe wir geboren werden, hat er uns in Christo erwählt, ja, ehe der Welt Grund gelegt war, und: “auf dass der Vorsatz Gottes bestünde nach der Wahl, ward zu ihm gesagt, nicht aus Verdienst der Werke, sondern aus Gnaden des Berufers, also: Der Größte soll dienstbar werden dem Kleineren”. Wie denn geschrieben steht: “Ich habe Jakob geliebet, aber Esau habe ich gehasset”, Röm. 9; Gen. 25; Mal. 1.
Desgleichen gibt diese Lehre niemand Ursache weder zur Kleinmütigkeit noch zu einem frechen, wilden Leben, wenn die Leute gelehrt werden, dass sie die ewige Wahl in Christo und seinem heiligen Evangelio, als in dem Buch des Lebens, suchen sollen, welches keinen bußfertigen Sünder ausschleußt [auschließt], sondern zur Buße und Erkenntnis ihrer Sünden und zum Glauben an Christum alle armen, beschwerten und betrübten Sünder lockt und ruft und den Heiligen Geist zur Reinigung und Erneurung verheißt
und also den allerbeständigsten Trost den betrübten, angefochtenen Menschen gibt, dass sie wissen, dass ihre Seligkeit nicht in ihrer Hand stehe (sonst würden sie dieselbe viel leichtlicher, als Adam und Eva im Paradies geschehen, ja alle Stunden und Augenblicke verlieren), sondern in der gnädigen Wahl Gottes, die er uns in Christo geoffenbart hat, aus des Hand uns niemand reißen wird, Joh. 10; 2 Tim. 2.
Demnach, welcher die Lehre von der gnädigen Wahl Gottes also führt, dass sich die betrübten Christen derselben nicht trösten können, sondern dadurch zur Verzweiflung verursacht [werden], oder die Unbußfertigen in ihrem Mutwillen gestärkt werden, so ist ungezweifelt gewiß und wahr, dass dieselbe Lehre nicht nach dem Wort und Willen Gottes, sondern nach der Vernunft und Anstiftung des leidigen Teufels getrieben werde.
Denn, wie der Apostel zeugt Röm. 15, “alles, was geschrieben ist, das ist uns zur Lehre geschrieben, auf dass wir durch Geduld und Trost der Schrift Hoffnung haben”. Da uns aber durch die Schrift [wenn uns aber durch Anführung von Stellen aus der Schrift] solcher Trost und Hoffnung geschwächt oder gar genommen [wird], so ist gewiß, dass sie wider des Heiligen Geistes Willen und Meinung verstanden und ausgelegt werde.
Bei dieser einfältigen, richtigen, nützlichen Erklärung, die in Gottes [ge]offenbartem Willen beständigen guten Grund hat, bleiben wir, fliehen und meiden alle hohen, spitzigen Fragen und Disputationes; und was diesen einfältigen, nützlichen Erklärungen zuwider ist, das verwerfen und verdammen wir.
Und so viel von den zwiespaltigen Artikeln, die unter den Theologen Augsburgischer Konfession nun viel Jahre disputiert [sind], darin sich etliche geirrt, und darüber schwere controversiae, das ist, Religionsstreite, entstanden.
Aus welcher unserer Erklärung Freund und Feind und also männiglich [jedermann] klar abzunehmen [vermag], dass wir nicht bedacht [sind], um zeitlichen Friedens, Ruhe und Einigkeit wissen etwas der ewigen, unwandelbaren Wahrheit Gottes (wie auch solches zu tun in unserer Macht nicht steht) zu begeben [etwas von der Wahrheit Gottes nachzugeben, preißugeben], welcher Friede und Einigkeit, da sie wider die Wahrheit und zur Unterdrückung derselben gemeint, auch keinen Bestand haben würde; noch viel weniger gesinnet [sind], Verfälschung der reinen Lehre und öffentliche verdammte Irrtümer zu schmücken und zu decken;
sondern zu solcher Einigkeit herzliche Lust und Liebe tragen und dieselbe unsers Teils nach unserm äußersten vermögen zu befördern von Herzen geneigt und begierig [sind], durch welche Gott seine Ehre unverletzt [bleibt], der göttlichen Wahrheit des heiligen Evangelii nichts begeben, dem wenigsten Irrtum nichts eingeräumt, die armen Sünder zu wahrhaftiger, rechter Buße gebracht, durch den Glauben aufgerichtet, im neün Gehorsam gestärkt und also allein durch das einige Verdienst Christi gerecht und ewig selig werden.