II. Vom freien Willen
Nachdem ein Zwiespalt nicht allein zwischen den Papisten und den unsern, sondern auch unter etlichen Theologen der Augsburgischen Konfession selbst von dem freien Willen eingefallen [entstanden], wollen wir zuvörderst, worüber der Streit gewesen, eigentlich [deutlich] anzeigen.
Denn weil der Mensch mit seinem freien Willen in vier unterschiedlichen, ungleichen Ständen gefunden und betrachtet werden kann, ist jetzt die Frage nicht, wie es um denselben vor dem Fall geschaffen [beschaffen war], oder was er nach dem Fall vor seiner Bekehrung in äußerlichen Sachen, dies zeitliche Leben belangend, vermöge; wie auch nicht, was er in geistlichen Sachen, nachdem er durch den Geist Gottes wiedergeboren und von demselben regiert wird, oder wenn er von den Toten ersteht, für einen freien Willen haben werde; sondern die Hauptfrage ist einig und allein, was des unwiedergebornen Menschen Verstand und Wille in seiner Bekehrung und Wiedergeburt aus eigenen und nach dem Fall übergebliebenen Kräften vermöge wenn das Wort Gottes gepredigt, und uns die Gnade Gottes angeboten wird, ob er sich zu solcher Gnade bereiten, dieselbe annehmen und das Jawort dazu sagen könnte, Dies ist die Frage, darüber nun etliche viel Jahre in den Kirchen Augsburgischer Konfession unter etlichen Theologen gestritten worden.
Denn der eine Teil hat gehalten und gelehrt obwohl der Mensch aus eigenen Kräften nicht vermöge, Gottes Gebote zu erfüllen, Gott wahrhaftig traün, fürchten und lieben ohne die Gnade des Heiligen Geistes, doch habe er noch so viel natürlicher Kräfte vor der Wiedergeburt übrig, dass er etlichermaßen sich zur Gnade bereiten und das Jawort, doch schwächlich, geben, aber, wenn die Gnade des Heiligen Geistes nicht dazukomme, damit nichts ausrichten könnte, sondern im Kampf daniederliegen musste.
So haben auch die alten und neün Enthusiasten gelehrt, dass Gott die Menschen ohne alle Mittel und Instrument der Kreatur, das ist, ohne die äußerliche Predigt und Gehör Gottes Worts, durch seinen Geist bekehre und zu der seligmachenden Erkenntnis Christi ziehe.
Wider diese beiden Teile haben die reinen Lehrer Augsburgischer Konfession gelehrt und gestritten, dass der Mensch durch den Fall unserer ersten Eltern also verderbt, dass er in göttlichen Sachen, unsere Bekehrung und Seelen Seligkeit belangend, von Natur blind [sei], wenn Gottes Wort gepredigt wird, dasselbe nicht verstehe noch Verstehen könnte, sondern für eine Torheit halte, auch aus ihm [aus sich] selbst sich nicht zu Gott nähere, sondern ein Feind Gottes sei und bleibe, bis er mit der Kraft des Heiligen Geistes durch das gepredigte und gehörte Wort aus lauter Gnade ohne alles sein Zutun bekehrt, gläubig, wiedergeboren und erneürt werde.
Diesen Zwiespalt nach Anleitung Gottes Worts christlich zu erklären und durch seine Gnade hinzulegen [beizulegen], ist unsere Lehre, Glaube und, Bekenntnis, wie nachfolgt:
Dass nämlich in geistlichen und göttlichen Sachen des unwiedergebornen Menschen Verstand, Herz und Wille aus eigenen natürlichen Kräften ganz und gar nichts verstehen, glauben, annehmen, gedenken, wollen, anfangen, verrichten, tun, wirken oder mitwirken könne, sondern sei ganz und gar zum Guten erstorben und verdorben, also dass in des Menschen Natur nach dem Fall vor der Wiedergeburt nicht ein Fünklein der geistlichen Kräfte übriggeblieben noch vorhanden, mit welchem er aus ihm [aus sich] selber sich zur Gnade Gottes bereiten oder die angebotene Gnade annehmen, noch derselben für und von sich selbst fähig sein oder sich dazu applizieren oder schicken könne oder aus seinen eigenen Kräften etwas zu seiner Bekehrung, weder zum ganzen noch zum halben oder zu einigem dem wenigsten oder geringsten Teil, helfen, tun, wirken oder mit[zu]wirken vermöge von ihm [aus sich] selbst als von ihm selbst, sondern sei der Sünde Knecht, Joh. 8, und; des Teufels Gefangener, davon [von dem] er getrieben wird, Eph. 2; 2 Tim. 2. Daher der natürliche freie Wille seiner verkehrten Art und Natur nach allein zu demjenigen, das Gott mißfällig und zuwider ist, kräftig und tätig ist.
Diese Erklärung und Hauptantwort auf die im Eingang dieses Artikels gesetzte Hauptfrage und statum controversiae bestätigen und bekräftigen folgende Gründe des göttlichen Worts, welche, ob sie wohl der hoffärtigen Vernunft und Philosophie zuwider sind, so wissen wir doch, dass dieser verkehrten Welt Weisheit nur Torheit vor Gott ist, und dass don den Artikeln des Glaubens allein aus Gottes Wort soll geurteilt werden.
Denn erstlich des Menschen Vernunft oder natürlicher Verstand, ob er gleich noch wohl ein dunkel Fünklein des [der] Erkenntnis, dass ein Gott sei, wie auch, Röm. 1, von der Lehre des Gesetzes hat, dennoch also unwissend, blind und verkehrt ist, dass, wenn schon die allersinnreichsten und gelehrtesten Leute auf Erden das Evangelium vom Sohn Gottes und Verheißung der ewigen Seligkeit lesen oder hören, dennoch dasselbe aus eigenen Kräften nicht vernehmen, fassen, verstehen noch glauben und für Wahrheit halten können, sondern je größeren Fleiß und Ernst sie anwenden und diese geistlichen Sachen mit ihrer Vernunft begreifen wollen, je weniger sie verstehen oder glauben und solches alles allein für Torheit oder Fabeln halten, ehe sie durch den Heiligen Geist erleuchtet und gelehrt werden.
1 Kor. 2: “Der natürliche Mensch vernimmt nichts vom Geiste Gottes; denn es ist ihm eine Torheit, und kann es nicht begreifen, denn es wird geistlich ergründet.” 1 Kor. 1: “Weil die Welt durch ihre Weisheit Gott in seiner Weisheit nicht erkannte, hat es Gott also gefallen, durch die Predigt des Evangelii, welches die Welt für Torheit hält, die Gläubigen selig zu machen.” Eph. 4: “Die andern Menschen” (die nicht durch Gottes Geist Wiedergeboren sind): “wandeln in der Eitelkeit ihres Sinnes, welcher Verstand verfinstert ist und sind fremde von dem Leben, das aus Gott ist, durch die Unwissenheit, die in ihnen ist, durch die Blindheit ihres Herzens.” Matth. 13: “Mit sehenden Augen sehen sie nicht, und mit hörenden Ohren hören sie nicht; denn sie verstehen es nicht. Euch aber ist [ist’s] gegeben, dass ihr das Geheimnis des Himmelreichs vernehmet.” Röm. 3: “Da ist nicht, der verständig sei, da ist nicht, der nach Gott frage; sie sind allesamt abgewichen und allesamt untüchtig worden; da ist niemand, der Gutes tü, auch nicht einer.” Also nennt die Schrift den natürlichen Menschen in geistlichen und göttlichen Sachen stracks eine Finsternis, Eph. 5; Act. 26. Joh. 1: “Das Licht leuchtet in der Finsternis” (das ist, in der finsteren, blinden Welt, die Gott nicht erkennt noch achtet), “und die Finsternis haben’s nicht begriffen.” Ferner: die Schrift lehrt, dass der Mensch in Sünden nicht allein schwach und krank, sondern ganz erstorben und tot sei, Eph. 2; Kol. 2.
Wie nun der Mensch, so leiblich tot ist, sich nicht kann aus eigenen Kräften bereiten oder schicken, dass er das zeitliche Leben wieder bekomme, also kann der Mensch, so geistlich tot ist in den Sünden, sich nicht aus eigener Macht zur Erlangung der geistlichen und himmlischen Gerechtigkeit und Lebens schicken oder wenden, wo er nicht durch den Sohn Gottes vom Tode der Sünde frei und lebendig gemacht wird.
Also nimmt die Schrift des natürlichen Menschen Verstand, Herzen und willen alle Tüchtigkeit, Geschicklichkeit, Fähigkeit und Vermögen, in geistlichen Sachen etwas Gutes und Rechtes zu gedenken, zu verstehen, können, anfangen, wollen, vornehmen, tun, wirken oder mitwirken, als von ihm selbst. 2 Kor. 3: “wir sind nicht tüchtig, etwas zu gedenken als von uns selber, sondern dass wir tüchtig sind, ist von Gott.” Röm. 3: “sie sind allesamt untüchtig.” Joh. 8: “Meine Rede fähet nicht in euch.” Joh. 1: “Die Finsternis haben’s nicht begriffen oder angenommen.” 1 Kor. 2: “Der natürliche Mensch vernimmt nicht” oder, wie das griechische Wort eigentlich lautet, fähet oder faßt nicht, nimmt nicht an, “was des Geistes ist”, oder ist nicht fähig der geistlichen Sachen;: “denn er hält es für Torheit und kann’s nicht verstehen.”
Viel weniger wird er dem Evangelio wahrhaftig glauben oder das Jawort dazu geben und für Wahrheit halten können. Röm. 8: “Des Fleisches” oder natürlichen Menschen: “Sinn ist eine Feindschaft wider Gott, sintemal er dem Gesetz Gottes nicht untertan ist; denn er vermag es auch nicht.”
Und in Summa bleibt’s ewig wahr, das der Sohn Gottes spricht: “ohne mich könnt ihr nichts tun.” Und Paulus Phil. 2: “Gott ist’s, der in euch wirket beide das wollen und das vollbringen nach seinem Wohlgefallen.” welcher liebliche Spruch allen frommen Christen, die ein kleines Fünklein und sehnen nach Gottes Gnade und der ewigen Seligkeit in ihrem Herzen und ewigen Seligkeit in ihrem Herzen fühlen und empfinden, sehr tröstlich ist, dass sie wissen, dass Gott diesen Anfang der wahren Gottseligkeit in ihrem Herzen angezündet hat und wolle sie in der großen Schwachheit ferner stärken und ihnen helfen, dass sie in wahrem Glauben bis ans Ende beharren.
Hierher gehören auch alle Gebete der Heiligen darin sie bitten, dass sie von Gott gelehrt, erleuchtet und geheiligt werden, und eben damit anzeigen, dass sie dasjenige, so sie von Gott bitten, aus eigenen natürlichen Kräften nicht haben mögen; wie allein im 119. Psalm David mehr als zehnmal bittet, dass ihm Gott wolle Verstand mitteilen, dass er seine göttliche Lehre recht fassen und lernen möge. Dergleichen Gebete sind im Paulo Eph 1, Kol. 1; Phil. 1. Welche Gebete und Sprüche von unserer Unwissenheit und Unvermögen uns nicht der Ursache halben vorgeschrieben sind, dass wir faul und träge werden sollen, Gottes Wort zu lesen, hören und betrachten, sondern dass wir erstlich Gott von Herzen danken, dass er uns aus der Finsternis der Unwissenheit und Gefängnis der Sünde und des Todes durch seinen Sohn freigemacht und durch die Taufe und Heiligen Geist wiedergeboren und erleuchtet hat.
Und nachdem Gott den Anfang durch seinen Heiligen Geist in der Taufe, rechte Erkenntnis Gottes und Glauben, angezündet und gewirkt [hat, sollen wir] ihn ohne Unterlaß bitten, dass er durch denselben Geist und seine Gnade, vermittelst täglicher Übung Gottes Wort zu lesen und zu üben, in uns den Glauben und seine himmlischen Gaben bewahren, von Tag zu Tag stärken und bis an das Ende erhalten wolle. Denn wo Gott nicht selber Schulmeister ist, so kann man nichts, das ihm angenehm und uns und andern heilsam ist, studieren und lernen.
Zum andern zeugt Gottes Wort, dass des natürlichen, unwiedergebornen Menschen Verstand, Herz und Wille in Gottes Sachen ganz und gar nicht allein von Gott abgewandt, sondern auch wider Gott zu allem Bösen gewendet und verkehrt sei; item, nicht alleine schwach, unvermöglich, untüchtig und zum Guten erstorben, sondern auch durch die Erbsünde also jämmerlich verkehrt, durchgiftet und verderbt sei, dass er von Art und Natur ganz böse und Gott widerspenstig und feind und zu allem, das Gott mißfällig und zuwider ist, allzu kräftig, lebendig und tätig sei. Gen. 8: “Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist nur böse von Jugend auf.” Jer. 17: “Des Menschen Herz ist trotzig und verzagt” oder verkehret und voll Elends, “das nicht außugründen ist.” Diesen Spruch erklärt St. Paulus Röm. 3: “Des Fleisches Sinn ist eine Feindschaft wider Gott.” Gal. 5: “Das Fleisch gelüstet wider den Geist; dieselbigen sind widereinander.” Röm. 7: “Wir wissen, dass das Gesetz geistlich ist, ich aber bin fleischlich, unter die Sünde verkauft.” Und bald hernach: “Ich weiß, dass in mir, das ist, in meinem Fleisch, nichts Guts wohnet; denn ich habe Lust an dem Gesetz Gottes nach dem inwendigen Menschen”, so durch den Heiligen Geist Wiedergeboren ist;: “ich sehe aber ein ander Gesetz in meinen Gliedern, das widerstrebet dem Gesetz in meinem Gemüt und nimmt mich gefangen in der Sünden Gesetz.”
So nun im heiligen Paulo und andern Wiedergebornen der natürliche oder fleischliche freie Wille auch nach der Wiedergeburt Gottes Gesetz widerstrebt, viel mehr wird er vor der Wiedergeburt Gottes Gesetz und willen widerspenstig und feind sein; daraus offenbar ist (wie in dem Artikel von der Erbsünde weiter erklärt [ist], darauf wir uns geliebter Kürze halben gezogen [bezogen] haben wollen), dass der freie Wille aus seinen eigenen natürlichen Kräften nicht allein nichts zu seiner selbst Bekehrung, Gerechtigkeit und Seligkeit wirken oder mitwirken noch dem Heiligen Geist, so ihm durch das Evangelium Gottes Gnade und die Seligkeit anbeut [anbietet], folgen, glauben oder das Jawort dazu geben kann, sondern aus angeborner, böser, widerspenstiger Art Gott und seinem Willen feindlich widerstrebt, wo er nicht durch Gottes Geist erleuchtet und regiert wird.
Derhalben auch die Heilige Schrift des unwiedergebornen Menschen Herz einem harten Stein, so dem, der ihn anrührt, nicht weicht, sondern widersteht, und einem ungehobelten Block und wildem, unbändigem Tier vergleicht; nicht dass der Mensch nach dem Fall nicht mehr eine vernünftige Kreatur sei, oder ohne Gehör und Betrachtung des göttlichen Wortes zu Gott bekehrt werde, oder in äußerlichen, weltlichen Sachen nichts Gutes oder Böses verstehen, oder freiwillig tun oder lassen könne.
Denn wie Doktor Luther im 90. Psalm spricht in weltlichen und äußerlichen Geschäften, was die und leibliche Notdurft betrifft, ist der Mensch witzig, vernünftig und fast [sehr] geschäftig; aber in geistlichen und göttlichen Sachen, was der Seelen Heil betrifft, da ist der Mensch wie eine Salssäule, wie Lots Weib, ja wie Klotz und Stein, wie ein tot Bild, das weder Augen noch Mund, weder Sinn noch Herz braucht;
sintemal der Mensch den grausamen, grimmigen Zorn Gottes über die Sünde und Tod nicht steht noch erkennt, sondern fährt immer fort in seiner Sicherheit, auch wissentlich und willig, und kommt darüber in tausend Gefährlichkeit, endlich in den ewigen Tod und Verdammnis und da hilft kein Bitten, kein Flehen, kein Vermahnen, ja auch kein Dräün, Schelten, ja alles Lehren und Predigen ist bei ihm verloren, ehe er durch den Heiligen Geist erleuchtet, bekehrt und wiedergeboren wird,
dazu denn kein Stein oder Block, sondern allein der Mensch erschaffen ist. Und da Gott nach seinem gerechten, gestrengen Gericht die gefallenen bösen Geister gänzlich in Ewigkeit verworfen, hat er doch aus besonderer lauter Barmherzigkeit gewollt, dass die arme, gefallene menschliche Natur wiederum der Bekehrung, der Gnade Gottes und des ewigen Lebens fähig und teilhaftig werden und sein möchte, nicht aus eigener, natürlicher, wirklicher Geschicklichkeit, Tüchtigkeit oder Fähigkeit (denn es ist eine widerspenstige Feindschaft wider Gott), sondern aus lauter Gnade, durch gnädige, kräftige Wirkung des Heiligen Geistes.
Und das heißt D. Luther capacitatem [non activam sed passivam], die er also erklärt, Quando patres liberum arbitrium defendunt, capacitatum libertatis eius praedicant, quod scilicet verti potest ad bonum per gratiam Dei et fieri revera Iiberum, ad quod creatum est. Das ist, wenn die Väter den freien willen verteidigen, reden sie davon, dass er der Freiheit fähig sei dergestalt, dass er durch Gottes Gnade zum Guten bekehrt und wahrhaftig frei könnte werden, dazu er anfangs erschaffen ist. (Tom. 1, p. 236.) Der gleichen auch Augustinus, Iib. 2, contra Iulianum, geschrieben. (Luther über das 6. Kapitel Hoseas; item, in der Kirchenpostille über die Epistel am Christtag, Tit. 3; item, über das Evangelium Dom. 3. post Epiphaniae.)
Aber zuvor und ehe der Mensch durch den Heiligen Geist erleuchtet, bekehrt, wiedergeboren, verneürt und gezogen wird, kann er für sich selbst und aus seinen eigenen natürlichen Kräften in geistlichen Sachen und seiner selbst Bekehrung oder Wiedergeburt etwas anzufangen, wirken oder mitzuwirken gleich so wenig als ein Stein oder Block oder Ton. Denn ob er wohl die äußerlichen Gliedmaßen regieren und das Evangelium hören und etlichermaßen betrachten, auch davon reden kann, wie in den Pharisäern und Heuchlern zu sehen ist, so hält er es doch für Torheit und kann es nicht glauben, [ver]hält sich auch in dem Fall ärger als ein Block, dass er Gottes willen widerspenstig und feind ist, und nicht der Heilige Geist in ihm kräftig ist und den Glauben und andere gottgefällige Tugenden und Gehorsam in ihm anzündet und wirkt.
Wie denn zum dritten die Heilige Schrift die Bekehrung, den Glauben an Christum, die Wiedergeburt, Erneurung und alles, was zu derselben wirklichen Anfang und Vollziehung gehört, nicht den menschlichen Kräften des natürlichen freien Willens, weder zum ganzen noch zum halben noch zu einigem, den wenigsten oder geringsten Teil zugeleget [zulegt], sondern in solidum, das ist, ganz und gar, allein der göttlichen Wirkung und dem Heiligen Geist zuschreibt, wie auch die Apologia sagt.
Die Vernunft und freier Wille vermag etlichermaßen äußerlich ehrbar zu leben; aber neugeboren werden, inwendig ander Herz, Sinn und Mut bekommen, das wirkt allein der Heilige Geist. Der öffnet den Verstand und das Herz, die Schrift zu verstehen und aufs Wort achtzugeben, wie Luk. 24 geschrieben: “Er öffenete ihnen das Verständnis, dass sie die Schrift verstunden.” Item Act. 16: “Lydia hörte zu, welcher tat der Her das Herz auf, dass sie darauf acht hatte, was von Paulo geredet ward.” Er wirkt in uns beide das Wollen und das Vollbringen, Phil. 2; gibt Buße, Act. 5; 2 Tim. 2; wirkt den Glauben, Phil. 1: “Euch ist von Gott gegeben, dass ihr an ihn glaubet.” Eph 2: “Gottes Gabe ist es.” Joh. 6: “Das ist Gottes Werk, dass ihr an den glaubet, den er gesandt hat.” Gibt ein Verständig Herz, sehende Augen und hörende Ohren, Deut. 29; Matth. 13. Ist ein Geist der Wiedergeburt und Erneurung, Tit. 3. Nimmt das harte, steinerne Herz weg und gibt ein neüs, weiches, fleischern Herz, dass wir in seinen Geboten wandeln, Ezech. 11. 36; Deut. 30; Ps. 51. Schafft uns in Christo Jeu zu guten Werken, Eph. 2, und zu neün Kreaturen, 2 Kor. 5; Gal. 6. Und in Summa: “Alle gute Gabe ist von Gott”, Jak. 1. “Niemand kann zu Christo kommen, der Vater ziehe ihn denn”, Joh. 6: “Niemand kennet den Vater, denn wem es der Sohn offenbaren will”, Matth. 11: “Niemand kann Christum einen Hern nennen ohne durch den Heiligen Geist”, 1 Kor. 12. Und: “ohne mich”, spricht Christus, “könnt ihr nichts tun”, Joh. 16. Denn: “alle unsere Tüchtigkeit ist von Gott”, 2 Kor. 3. Und: “was haft du, das du nicht empfangen hast? Was rühmest du dich denn, als der es nicht empfangen hätte?” 1 Kor. 4.
Wie denn besonders von diesem Spruch St. Augustinus schreibt, dass er dadurch überzeugt sei, seine vorige irrige Meinung fallen zu lassen, da er gehalten habe, De Praedestinatione, cap. 3 Gratiam Dei in eo tantum consistere, quod ln praeconio veritatis Dei voIuntas nobis revelatur; ut autrm praedicato nobis evangelio consentiremus, nostrum esse proprium et ex nobis esse. Item erravi (inquit), cum dicerem, nostrum esse credere et velle; Dei autem, dare credentibns et volentibus facuItatem operandi. Das ist: “In dem habe ich geirrt, dass ich gehalten habe, die Gnade Gottes stehe allein darin, dass Gott in der Predigt der Wahrheit seinen Willen offenbare; aber dass wir dem gepredigten Evangelio Beifall tun, das sei unser eigen Werk und stehe in unsern Kräften.” Item spricht St. Augustinus weiter: “Ich habe geirrt, da ich sagte, es stehe in unserer Macht, dem Evangelio zu glauben und [zu] wollen; aber Gottes Werk sei es, zu geben die Kraft denen, die da glauben und wollen, dass sie etwas wirken könnten.”
Diese Lehre ist in Gottes Wort gegründet und der Augsburgischen Konfession, auch andern Schriften, droben vermeldet, gemäß, wie die nachfolgenden Zeugnisse ausweisen.
Im XX. Artikel sagt die Konfession also: “Weil durch den Glauben der Heilige Geist gegeben wird, so wird auch das Herz geschickt, gute Werke zu tun. Denn zuvor, weil es ohne den Heiligen Geist [ist], so ist es zu schwach, dazu ist es in des Teufels Gewalt, der die arme menschliche Natur zu viel Sünden treibt.”
Diese Sprüche zeugen klar, dass die Augsburg Konfession des Menschen willen in geistlichen Sachen gar nicht für frei erkennt, sondern sagt, er sei des Teufels Gefangener; wie sollte er sich denn können aus eigenen Kräften zum Evangelio oder Christo wenden?
Die Apologia (über den 18. Artikel) lehrt vom freien willen also: “Und wir sagen auch, dass die Vernunft etlichermaßen einen freien Willen habe; denn in den Dingen, welche mit der Vernunft zu fassen, haben wir einen freien willen.” Und bald danach: “Solche Herzen, die ohne den Heiligen Geist sind, die sind ohne Gottesfurcht, ohne Glauben, Vertraün, glauben nicht, dass Gott sie erhöre, dass er ihre Sünden vergebe, und dass er ihnen in Nöten helfe; darum sind sie gottlos.
Nun kann ein böser Baum nicht gute Früchte tragen, und ohne Glauben kann Gott niemand gefassen. Darum ob wir gleich nachgeben, dass in unserm Vermögen sei, solche äußerliche Werke zu tun, so sagen wir doch, dass der freie Wille und Vernunft in geistlichen Sachen nichts vermöge” usw. Hieraus [ist] lauter zu sehen, dass die Apologia des Menschen Willen kein Vermögen zuschreibt, weder das Gute anzufangen noch für sich selbst mitzuwirken.
In den schmalkaldischen Artikeln (von der Sünde) werden auch nachfolgende Irrtümer vom freien willen verworfen: “Dass der Mensch habe einen freien Willen, Gutes zu tun und Böses zu lassen” usw. Und bald danach wird auch als ein Irrtum verworfen, wenn gelehrt wird: “Es sei nicht in der Schrift gegründet, dass zu den guten Werken vonnöten sei der Heilige Geist mit seiner Gnade” usw.
Ferner steht in den Schmalkaldischen Artikeln (von der Buße) also: “und diese Buße wahrt bei den Christen bis in den Tod; denn sie beißt sich mit der übrigen Sünde im Fleisch durchs ganze Leben, wie St. Paulus Röm. 7 zeugt, dass er Kämpfe mit dem Gesetz seiner Glieder, und das nicht durch eigene Kräfte, sondern durch die Gabe des Heiligen Geistes, welche folgt auf die Vergebung der Sünden. Dieselbe Gabe reinigt und fegt täglich die übrigen Sünden aus und arbeitet, den Menschen recht rein und heilig zu machen.”
Diese Worte sagen gar nichts von unserm Willen, oder dass derselbe auch in den neugebornen Menschen etwas aus ihm selbst Wirke, sondern schreiben es zu der Gabe des Heiligen Geistes, welche den Menschen reinige und ihn täglich frömmer und heiliger mache, und werden hiervon unsere eigenen Kräfte gänzlich ausgeschlossen.
Im Großen Katechismo D. Luthers steht also geschrieben (über den 3. Artikel des christlichen Glaubens): “Derselben christlichen Kirche bin ich auch ein Stück und Glied, aller Güter, so sie hat, teilhaftig und Mitgenoß, durch den Heiligen Geist dahin gebracht und eingeleibt dadurch, dass ich Gottes Wort gehört habe und noch höre, welches ist der Anfang hineinzukommen.
Denn vorhin, ehe wir dazu”, zur christlichen Kirche, [“ge]kommen, sind wir gar des Teufels gewesen, als die von Gott und Christo nichts gewußt haben. So bleibt der Heilige Geist bei der heiligen Gemeinde der Christenheit bis auf den Jüngsten Tag, dadurch er uns heilet , und braucht sie dazu das Wort zu führen und treiben, dadurch er die Heiligung macht und mehrt, dass wir täglich zunehmen und stark werden im Glauben und seinen Früchten, so er schaffet” usw.
In diesen Worten gedenkt der Katechismus unsers freien Willens oder Zutuns mit keinem Wort, sondern gibt’s alles dem Heiligen Geist, dass er durchs Predigtamt uns in die Christenheit bringe, darinnen heilige und verschaffe, da wir täglich zunehmen im Glauben und guten Werken.
Und obwohl die Neugebornen auch in diesem Leben so fern [so weit] kommen, dass sie das Gute wollen, und es ihnen liebet [lieb ist], auch Gutes tun und in demselben zunehmen, so ist doch solches (wie droben vermeldet) nicht aus unserm Willen und unserm Vermögen, sondern der Heilige Geist, wie Paulus selbst davon redet, wirkt solch Wollen und Vollbringen, Phil. 2. Wie er auch zu [den] Ephesern [am] 2. solch Werk allein Gott zuschreibt, da er sagt: “Wir sind sein Werk, geschaffen in Christo Jeu zu guten Werken, zu welchen uns Gott zuvor bereitet hat, dass wir darinnen wandeln sollen.”
Im Kleinen Katechismo D. Luthers steht also geschrieben: “Ich glaube, dass ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jeum Christum, meinen Hern, glauben oder zu ihm kommen kann, sondern der Heilige Geist hat mich durchs Evangelium berufen, mit seinen Gaben erleuchtet, im rechten Glauben geheiligt und erhalten; gleichwie er die ganze Christenheit auf Erden beruft, sammelt, erleuchtet, heiligt und bei Jeu Christo erhält im rechtem einigen Glauben” usw.
Und in der Auslegung des Vaterunsers, in der andern Bitte, sind diese Worte: “Wie geschieht das?” nämlich dass Gottes Reich zu uns komme. Antwort: “Wenn der himmlische Vater uns seinen Heiligen Geist gibt, dass wir seinem heiligen Wort durch seine Gnade glauben und göttlich leben” usw.
Diese Zeugnisse sagen, dass wir aus eigenen Kräften zu Christo nicht kommen mögen [können], sondern Gott müsse uns seinen Heiligen Geist geben, dadurch wir erleuchtet, geheiligt und also zu Christo durch den Glauben gebracht und bei ihm erhalten werden, und wird weder unsers Willens noch Mitwirkens gedacht.
Hierauf wollen wir einen Spruch setzen, da sich D. Luther nachmals mit einer Protestation, dass er bei solcher Lehre bis an sein Ende zu verharren gedenke, erklärt im Großen Bekenntnis vom heiligen Abendmahl, da er also sagt: “Hiemit verwerfe und verdamme ich als eitel Irrtum alle Lehren, so unsern freien Willen preisen, als die stracks wider solche Hilfe und Gnade unsers Heilandes Jeu Christi strebet [streben] Denn weil außerhalb Christo der Tod und die Sünde unsere Herren und der Teufel unser Gott und Fürst ist, kann da keine Kraft noch Macht, kein Witz noch Verstand sein, damit wir zu der Gerechtigkeit und Leben uns könnten schicken oder [danach] trachten, sondern müssen Verblendete und Gefangene der Sünde und des Teufels eigen sein, zu tun und zu gedenken, was ihnen gefällt, und Gott mit seinen Geboten [zu]wider ist”
In diesen Worten gibt D. Luther, seligen und heiligen Gedächtnisses, unserm freien Willen keine einige Kraft, sich zur Gerechtigkeit zu schicken oder danach zu trachten, sondern sagt, dass der Mensch, verblendet und gefangen, allein des Teufels Willen, und was Gott dem Hern zuwider ist, tü. Darum ist hier kein Mitwirken unsers Willens in der Bekehrung des Menschen, und muss der Mensch gezogen und aus Gott neugeboren werden; sonst ist kein Gedanke in unsern Herzen, der sich zu dem heiligen Evangelio, dasselbe anzunehmen, von sich selbst wenden möchte [könnte] wie auch D. Luther von diesem Handel im Buch De Servo Arbitrio, das ist, Von dem gefangenen Willen des Menschen, wider Erasmum geschrieben und diese Sache wohl und gründlich ausgeführt und erhalten [dargetan, bewiesen] und nachmals in der herrlichen Auslegung des ersten Buchs Mose, und besonders über das 26. Kapitel, wiederholt und erklärt hat; inmaßen daselbst er auch etliche andere sonderbare durch Erasmum neben eingeführte Disputationen, als de absoluta necessitate etc., wie er solches gemeint und verstanden haben wolle, wider allen Mißverstand und Verkehrung zum besten und fleißigsten verwahrt hat; darauf wir uns auch gezogen [bezogen haben wollen] und andere dahin weisen. [In der Auslegung Luthers zu 1 Mos. 26, 9 heißt es u. a.: “Libet autem ex hoc loco captare occasionem disputandi de dubitatione, de Deo et voluntate Dei. Audio enim, spargi passim sceIeratas voces inter nobiIes et magnates de praedestinatione sive praescientia divina. Sic enim Ioquuntur: Si sum praedestinatus, sive bene, sive male egero, salvabor. Si non sum praedestinatus, damnabor, nuIla ratione hanita operum. Contra has impias voces Iibenter multis disputarem, si possem per incertam valetudinem, quia, si sunt verae voces, ut ipsis quidem videtur, tum plane tollitur incarnatio Filii Dei, passio et resurrectio, et quidquid fecit pro saIute mundi. Quid fecit pro salute mundi. Quid proderunt prophetae ac tota Scriptura Sacra? quid sacramenta? Abiiciamus ergo et concuIcemus ista omnia.”—“Opponenda est autem cogitationibus istis vera et firma cognitio Christi, sicut saepe moneo, imprimis utile et necessarium esse, ut cognitio Dei certissima sit in nobis et firma animi assensione apprehensa haereat; alioqui inanis erit fides nostra. Si enim non stat promissionibus suis Deus, tum de nostra salute actum est; cum e contra haec nostra consolatio sit, tametsi nos mutemur, ut ad immutabilem tamen confugiamus. Sic enim de se affirmat, Mal. 3, 6: ‘Ego Dominus et non mutor’; et Rom. 11, 29: ‘Sine pönitentia enim sunt dona et vocatio Dei.’ Sic igitur in libello De Servo Arbitrio et alibi docui, esse distinguendum, quando agitur de notitia, vel potius de subiecto divinitatis. Aut enim disputandum est de Deo abscondito aut de Deo revelato. De Deo, quatenus non est revelatus, nulla est fides, nulla scientia et cognitio nulla. Atque ibi tenendum est, quod dicitur: Quae supra nos, nihil ad nos. Eiusmodi enim cogitationes, quae supra aut extra revelationem Dei sublimius aliquid rimantur, prorsus diabolicae sunt, quibus nihil amplius proficitur, quam ut nos ipsos in exitium praecipitemus, quia obiiciunt obiectum impervestigabile, videlicet Deum non revelatum. Quin potius retineat Deus sua decreta et mysteria in abscondito: non est, cur ea manifestari nobis tantopere laboremus. Moses etiam petebat, ut ostenderet ipsi Deus faciem suam. Sed respondet Dominus Ex. 33, 20: ‘Posteriora mea tibi ostendam, faciem autem meam videre non poteris.’ Est enim curiositas ista ipsum peccatum originis, quo impellimur, ut ad Deum affectemus viam naturali speculatione. Sed est ingens peccatum, et conatus inutilis et irritus. Sic enim inquit Christus Ioh. 6, 65; 14, 6: ‘Nemo venit ad Patrem nisi per me.’ Ideo quando ad Deum non revelatum accedimus, ibi nulla fides, nullum verbum neque ulla cognitio est, quia est invisibilis Deus, quem tu non facies visibilem.”—“Haec studiose et accurate sic monere et tradere volui, quia post meam mortem multi meos libros proferent in medium et inde omnis generis errores et deliria sua confirmabunt. Scripsi autem inter reliqua, esse omnia absoluta et necessaria; sed simul addidi, quod aspiciendus sit Deus revelatus, sicut in Psalmo canimus: ‘Er heisst Iesus Christ, der Herr Zebaoth, und ist kein ander Gott’, Iesus Christus est Dominus Zebaoth, nec est alius Deus, et alias saepissime. Sed istos locos omnes transibunt, et eos tantum arripient de Deo abscondito. Vos igitur, qui nunc me auditis, memineritis, me hoc docuisse, non esse inquirendum de praedestinatione Dei absconditi, sed ea acquiescendum esse, quae revelatur per vocationem et per ministerium Verbi. Ibi enim potes de fide et salute tua certus esse ac dicere: Ego credo in Filium Dei, qui dixit: ‘Qui credit in Filium, habet vitam aeternam’, Ioh. 3, 36. Ergo in eo non est damnatio aut ira, sed beneplacitum Dei Patris. Haec eadem autem alibi quoque in libris meis protestatus sum, et nunc etiam viva voce trado: ideo sum excusatus.” E. opp. exeg. 6, 290. 292. 300.]
Derhalben ist es unrecht gelehrt, wenn man vorgibt, dass der unwiedergeborne Mensch noch so viel Kräfte habe, dass er begehre, das Evangelium anzunehmen, sich mit demselben zu trösten, und also der natürliche menschliche Wille in der Bekehrung etwas mitwirke. Denn solche irrige Meinung ist der heiligen göttlichen Schrift, der christlichen Augsburgischen Konfession, derselben Apologia, den Schmalkaldischen Artikeln, dem Großen und Kleinen Katechismo Lutheri und andern dieses vortrefflichen, hocherleuchteten Theologen Schriften zuwider.
Weil aber diese Lehre vom unvermögen und Bosheit unsers natürlichen freien Willens und von unserer Bekehrung und Wiebergeburt, dass sie allein Gottes und nicht unserer Kräfte Werk sei, beides von Enthusiasten und Epikurern unchristlich mißbraucht wird, und viele Leute durch solche Reden wüst und wild und zu allen christlichen Übungen im Beten, Lesen und christlicher Betrachtung faul und träge werden, indem sie sagen weil sie aus ihren eigenen natürlichen Kräften sich nicht vermögen, zu Gott [zu] bekehren, wollen sie Gott immerzu gänzlich widerstreben oder warten, bis sie Gott mit Gewalt wider ihren Willen bekehre; oder weil sie in diesen geistlichen Sachen nichts tun können, sondern alles allein des Heiligen Geistes Wirkung sei, so wollen sie weder Wort noch Sakrament achten, hören oder lesen, sondern warten, bis ihnen Gott vom Himmel ohne Mittel seine Gaben eingieße, dass sie eigentlich bei sich selbst fühlen und merken können, dass sie Gott bekehrt habe;
Andere, kleinmütige Herzen auch in schwere Gedanken und Zweifel fallen möchten, ob sie Gott erwählt habe und durch den Heiligen Geist solche seine Gaben in ihnen auch wirken wolle, weil sie keinen starken, brennenden Glauben und herzlichen Gehorsam, sondern eitel Schwachheit, Angst und Elend empfinden:
So wollen wir jetzt ferner aus Gottes Wort berichten, wie der Mensch zu Gott bekehrt werde, wie und durch was Mittel (nämlich durch das mündliche Wort und die heiligen Sakramente) der Heilige Geist in uns kräftig sein und wahre Buße, Glauben und neü geistliche Kraft und Vermögen zum Guten in unsern Herzen wirken und geben wolle, und wie wir uns gegen solche Mittel verhalten und dieselben brauchen sollen.
Gottes Wille ist’s nicht, dass jemand verdammt werde, sondern dass alle Menschen sich zu ihm bekehren und ewig selig werden. Hesek. 33: “So wahr ich lebe, will ich nicht den Tod des Sünders, sondern dass er sich bekehre und lebe.” Denn: “also hat Gott die Welt geliebet, dass er seinen eingebornen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben”.
Derhalben läßt Gott aus unermeßlicher Güte und Barmherzigkeit sein göttlich ewig Gesetz und den wunderbarlichen Rat von unserer Erlösung, nämlich das heilige, alleinseligmachende Evangelium von seinem ewigen Sohn, unserm einigen Heiland und Seligmacher Jeu Christo, öffentlich predigen, dadurch er ihm [sich] eine ewige Kirche aus dem menschlichen Geschlecht sammelt und in der Menschen Herzen wahre Buße und Erkenntnis der Sünden, wahren Glauben an den Sohn Gottes, Jeum Christum, wirkt; und will Gott durch dieses Mittel, und nicht anders, nämlich durch sein heiliges Wort, so man dasselbe predigen hört oder liest und die Sakramente nach seinem Wort gebraucht, die Menschen zur ewigen Seligkeit berufen, zu sich ziehen, bekehren, wiedergebären und heiligen.
1 Kor. 1: “Weil die Welt durch ihre Weisheit Gott [in seiner Weisheit] nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch törichte Predigt selig zu machen die, so daran glauben.” Act. 10: “Petrus wird dir das Wort sagen, dadurch du und dein ganzes Haus selig wirst.” Röm. 10: “Der Glaube kommt aus der predigt, das predigen aber durch Gottes Wort.” Joh. 17: “Heilige sie, Vater, in deiner Wahrheit. Dein Wort ist die Wahrheit. Ich bitte aber für alle, die durch ihr Wort an mich glauben werden.” Derhalben der ewige Vater vom Himmel herab von seinem lieben Sohn und allen, so in seinem Namen Buße und Vergebung der Sünden predigen, ruft: “Den sollt ihr hören”, Matth. 17.
Diese predigt sollen nun alle die hören, die da wollen selig werden. Denn die Predigt Gottes Worts und das Gehör desselben sind des Heiligen Geistes Werkzeuge, bei, mit und durch welche er kräftig wirken und die Menschen zu Gott bekehren und in ihnen beides das Wollen und das Vollbringen wirken will.
Dieses Wort kann der Mensch, so auch noch nicht zu Gott bekehrt und wiedergeboren ist, äußerlich hören und lesen; denn in diesen äußerlichen Dingen, wie oben gesagt, hat der Mensch auch nach dem Fall etlichermaßen einen freien Willen, dass er zur Kirche gehen, der Predigt zuhören oder nicht zuhören mag [kann].
Durch dieses Mittel, nämlich die predigt und Gehör :seines Wortes, wirkt Gott und bricht unsere Herzen und zeucht [zieht] den Menschen, dass er durch die Predigt des Gesetzes seine Sünde und Gottes Zorn erkennt und wahrhaftiges Schrecken, Reü und Leid im Herzen empfindet, und durch die Predigt und Betrachtung des heiligen Evangelii von der gnadenreichen Vergebung der Sünden in Christo ein Fünklein des Glaubens in ihm angezündet wird, [so dass er] die Vergebung der Sünden um Christi willen annimmt und sich mit der Verheißung des Evangelii tröstet; und wird also der Heilige Geist (welcher dieses alles wirkt) in das Herz gegeben.
Obwohl nun beides, des Predigers Pflanzen und Begießen und des Zuhörers Laufen und Wollen, umsonst wäre, und keine Bekehrung darauf folgen würde, wo nicht des Heiligen Geistes Kraft und Wirkung dazukäme, welcher durch das gepredigte, gehörte Wort die Herzen erleuchtet und bekehrt, dass die Menschen solchem Wort glauben und das Jawort dazu geben, so soll doch weder Prediger noch Zuhörer an dieser Gnade und Wirkung des Heiligen Geistes zweifeln, sondern gewiß sein, wenn das Wort Gottes nach dem Befehl und Willen Gottes rein und lauter gepredigt [wird], und die Menschen mit Fleiß und Ernst zuhören und dasselbe betrachten, dass gewißlich Gott mit seiner Gnade gegenwärtig sei und gebe, wie gemeldet, das der Mensch sonst aus seinen eigenen Kräften weder nehmen noch geben kann.
Denn von der Gegenwärtigkeit, Wirkung und Gaben des Heiligen Geistes soll und kann man nicht allewege ex sensu, wie und wann man’s im Herzen empfindet, urteilen, sondern, weil es oft mit großer Schwachheit verdeckt wird und zugeht, sollen wir aus und nach der Verheißung gewiß sein, dass das gepredigte, gehörte Wort Gottes sei ein Amt und Werk des Heiligen Geistes, dadurch er in unsern Herzen gewißlich kräftig ist und wirkt, 2 Kor. 2.
Da aber ein Mensch die predigt nicht hören noch Gottes Wort lesen will, sondern das Wort und die Gemeinde Gottes verachtet und stirbt also und verdirbt in seinen Sünden, der kann weder Gottes ewiger Wahl sich trösten noch seine Barmherzigkeit erlangen; denn Christus, in dem wir erwählt sind, allen Menschen seine Gnade im Wort und heiligen Sakramenten anbeut [anbietet] und ernstlich will, dass man es hören soll, und hat verheißen, wo zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind und mit seinem heiligen Wort umgehen, will er mitten unter ihnen sein.
Da aber ein solcher Mensch Verachtet des Heiligen Geistes Werkzeug und will nicht hören, so geschieht ihm nicht unrecht, wenn der Heilige Geist ihn nicht erleuchtet, sondern in der Finsternis seines Unglaubens stecken und verderben läßt, davon geschrieben steht: “Wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne versammelt ihre Jungen unter ihre Flügel, und ihr habt nicht gewollt.” Matth. 23.
Und in diesem Fall mag man wohl sagen, dass der Mensch nicht sei ein Stein oder Block. Denn ein Stein oder Block widerstrebt dem nicht, der ihn bewegt, versteht auch nicht und empfindet nicht, was mit ihm gehandelt wird, wie ein Mensch Gott dem Hern widerstrebt mit seinem Willen so lange, bis er bekehrt wird. Und ist gleichwohl wahr, dass ein Mensch vor der Bekehrung dennoch eine vernünftige Kreatur ist, welche einen Verstand und Willen hat, doch nicht einen Verstand in göttlichen Sachen oder einen Willen, etwas Gutes und Heilsames zu wollen. Jedoch kann er zu seiner Bekehrung (wie droben auch gemeldet) ganz und gar nichts tun und ist in solchem Fall viel ärger denn ein Stein und Block; denn er widerstrebt dem Wort und Willen Gottes, bis Gott ihn vom Tode der Sünde erweckt, erleuchtet und verneürt.
Und obwohl Gott den Menschen nicht zwingt, dass er müsse fromm werden (denn welche allezeit dem Heiligen Geist widerstreben und sich für und für auch der erkannten Wahrheit widersetzen, wie Stephanus von den verstockten Juden redet Act. 7, die werden nicht bekehrt), jedoch zeucht [zieht] Gott der Her den Menschen, welchen er bekehren will, und zeucht ihn also, dass aus einem verfinsterten Verstand ein erleuchteter Verstand und aus einem widerspenstigen Willen ein gehorsamer Wille wird. Und das nennt die Schrift: “ein neüs Herz erschaffen”.
Derhalben kann auch nicht recht gesagt werden, dass der Mensch vor seiner Bekehrung einen modum agendi oder eine Weise, nämlich etwas Gutes und Heilsames in göttlichen Sachen zu wirken, habe. Denn weil der Mensch vor der Bekehrung “tot ist in Sünden”, Eph 2, so kann in ihm seine Kraft sein, etwas Gutes in göttlichen Sachen zu wirken, und hat also auch keinen modum agendi oder Weise, in göttlichen Sachen zu wirken.
Wenn man aber davon redet, wie Gott in dem Menschen wirke, so hat gleichwohl Gott der Her einen modum agendi oder Weise zu wirken in einem Menschen, als in einer vernünftigen Kreatur, und eine andere zu wirken in einer andern, unvernünftigen Kreatur oder in einem Stein und Block. Jedoch kann nichtsdestoweniger dem Menschen vor seiner Bekehrung kein modus agendi oder einige Weise, in geistlichen Sachen etwas Gutes zu wirken, zugeschrieben werden.
Wenn aber der Mensch bekehrt worden und also erleuchtet ist und sein Wille verneürt, alsdann so will der Mensch Gutes (sofern er neugeboren oder ein neür Mensch ist) und “hat Lust am Gesetz Gottes nach dem innerlichen Menschen”, Röm. 7, und tut forthin so viel und so lange Gutes, soviel und lange er vom Geist Gottes getrieben wird, wie Paulus sagt: “Die vom Geist Gottes getrieben werden, die sind Gottes Kinder.”
Und ist solcher Trieb des Heiligen Geistes nicht eine coactio oder ein Zwang, sondern der bekehrte Mensch tut freiwillig Gutes, wie David sagt: “Nach deinem Sieg wird [dir] dein Volk williglich opfern.” Und bleibt gleichwohl auch in wiedergebornen, das St. Paulus geschrieben Röm. 7: “Ich habe Lust an Gottes Gesetz nach dem inwendigen Menschen; ich sehe aber einander Gesetz in meinen Gliedern, das da widerstreitet dem Gesetz in meinem Gemüt und nimmt mich gefangen in der Sünde Gesetz, welches ist in meinen Gliedern.” Item: “So diene ich nun mit dem Gemüt dem Gesetz Gottes, aber mit dem Fleisch dem Gesetz der Sünde,” Item Gal. 5: “Das Fleisch gelüstet wider den Geist und den Geist wider das Fleisch; dieselbigen sind widereinander, dass ihr nicht tut, was ihr wollt.”
Daraus denn folgt, alsbald der Heilige Geist, wie gesagt, durchs Wort und [die] heiligen Sakramente solch sein Werk der Wiedergeburt und Erneurung in uns angefangen hat, so ist es gewiß, dass wir durch die Kraft des Heiligen Geistes mitwirken können und sollen, obwohl noch in grosser Schwachheit; solches aber nicht aus unsern fleischlichen, natürlichen Kräften, sondern aus den neün Kräften und Gaben, so der Heilige Geist in der Bekehrung in uns angefangen hat;
wie St. Paulus ausdrücklich und ernstlich vermahnt, dass wir: “als Mithelfer die Gnade Gottes nicht vergeblich empfangen”; welches denn anders nicht denn also soll verstanden werden, das der bekehrte Mensch so viel und lange Gutes tü, soviel und lange ihn Gott mit seinem Heiligen Geist regiert, leitet und führt; und sobald Gott seine gnädige Hand von ihm abzöge, könnte er nicht einen Augenblick in Gottes gehorsam bestehen [verharren]. Da es aber also wollte verstanden werden, dass der bekehrte Mensch neben dem Heiligen Geist dergestalt mitwirkte, wie zwei Pferde miteinander einen Wagen ziehen, könnte solches ohne Nachteil der göttlichen Wahrheit keineswegs zugegeben werden.
Darum ist ein großer Unterschied zwischen den getauften und ungetauften Menschen. Denn weil nach der Lehre St. Pauli, Gal. 3: “alle die, so getauft sind, Christum angezogen” [haben] und also wahrhaftig wiedergeboren [sind], haben sie nun arbitrium liberatum, das ist, wie Christus sagt, sie sind wiederum freigemacht, der Ursache: denn sie nicht allein das Wort hören, sondern auch demselben, obwohl in grosser Schwachheit, Beifall tun und [es] annehmen können.
Denn weil wir in diesem Leben allein die Erstlinge des Geistes empfangen, sind die Wiedergeburt nicht vollkommen, sondern in uns allein angefangen [ist], bleibt der Streit und Kampf des Fleisches wider den Geist auch in den Auserwählten und wahrhaftig wiedergebornen Menschen, da unter den Christen nicht allein ein grosser Unterschied gespürt, das einer schwach, der andere stark im Geist [ist], sondern es befindet’s auch ein jeder Christ bei sich selbst, das er zu einer Zeit freudig im Geist, zur andern Zeit furchtsam und erschrocken, zu einer Zeit brünstig in der Liebe, stark im Glauben und in der Hoffnung, zur andern Zeit kalt und schwach sich befindet.
Da aber [wenn aber] die Getauften wider das Gewissen gehandelt, die Sünde in ihnen [in sich] herrschen lassen und also den Heiligen Geist in ihnen selbst betrübt und verloren [haben], dürfen sie zwar nicht wieder getauft, sondern müssen wiederum belehrt werden, inmaßen hievor [wie vorhin] notdürftig vermeldet worden.
Denn das ist einmal wahr, dass in wahrhaftige Bekehrung müsse eine Ënderung, neü Regung und Bewegung im Verstand, Willen und Herzen geschehen, dass nämlich das Herz die Sünde erkenne, vor Gottes Zorn sich fürchte, von der Sünde sich abwende, die Verheißung der Gnade in Christ erkenne und annehme, gute geistliche Gedanken, christlichen Vorsatz und Fleiß habe und wider da Fleisch streite. Denn wo der keines geschieht oder ist, da ist auch keine wahre Bekehrung.
Weil aber die Frage ist de causa efficiente, das ist, wer solches in uns wirke, und woher der Mensch das habe und wie er dazu komme, so berichtet diese Lehre weil die natürlichen Kräfte des Menschen dass nichts tun oder helfen können, 1 Kor. 2; 2 Kor. 3, dass Gott aus unermesslicher Güte und Barmherzigkeit uns zuvorkomme und sein heilige Evangelium, dadurch der Heilige Geist solche Bekehrung und Verneurung in uns wirken und ausrichten will, predigen lasse und durch die Predigt und Betrachtung seines Wortes den Glauben und andere gottselige Tugenden in uns anzündet, da es Gaben und Wirkungen des Heiligen Geistes allein seien;
und weist uns diese Lehre zu den Mitteln, dadurch der Heilige Geist solches anfangen und wirken will, erinnert auch, wie dieselben Gaben erhalten, gestärkt und gemehrt werden, und vermahnt, dass wir dieselbe Gnade Gottes an uns nicht sollen lassen vergeblich sein, sondern fleißig üben, in Betrachtung, wie schwere Sünde es sei, solche Wirkung des Heiligen Geistes [zu] hindern und [ihr zu] widerstreben.
Aus dieser gründlichen Erklärung der ganzen Lehre vom freien Willen können nun auch zum letzten die eingefallenen Fragen, darüber nun etliche viel Jahre in den Kirchen Augsburgischer Konfession gestritten worden (An homo ante, in, post conversionem Spiritui Sancta repugnet veI pure passive sie habeat; an homo convertatur ut truncus; an Spiritus Sanctus detur repugnantibus, et an conversio hominis fiat per modum coactionis; das ist: ob der Mensch vor, in oder nach seiner Bekehrung dem Heiligen Geist widerstrebe, und ob er ganz und gar nichts tü, sondern allein leide, was Gott in ihm wirkt; item, ob der Mensch in der Verkehrung sich halte und sei wie ein Bloch; item, ob der Heilige Geist gegeben werde denen, die ihm widerstreben; item ob die Bekehrung geschehe durch einen Zwang, dass Gott die Menschen wider ihren Willen zu ihrer Bekehrung mit Gewalt zwinge, geurteilt [beurteilt] und die Gegenlehre und Irrtümer erkannt, ausgesetzt, gestraft und verworfen werden, als:
l. Erstlich der Stoicorum und Manichäer Unsinnigkeit, das alles, was geschieht, müsse also geschehen, et hominem coactum omnia facere, das ist, das der Mensch alles aus Zwang tü, und dass des Menschen Wille auch in äußerlichen Werken keine Freiheit oder Vermögen habe, äußerliche Gerechtigkeit und ehrliche Zucht etlichermaßen zu leisten und die äußerlichen Sünden und Laster zu meiden, oder das der [dass des] Menschen Wille, zu bösen äußerlichen Taten, Unzucht, Raub und Mord usw. gezwungen werde.
- Danach der groben Pelagianer Irrtum, das der freie Wille aus eigenen natürlichen Kräften, ohne den Heiligen Geist, sich selbst zu Gott bekehren, dem Evangelio glauben und Gottes Gesetz mit [dem] Herzen gehorsam sein und mit diesem seinem freiwilligen Gehorsam Vergebung der Sünden und ewiges Leben verdienen könne.
- Zum dritten der Papisten und Schullehrer [Scholastiker] Irrtum, die es ein wenig subtiler gemacht und gelehrt haben, dass der Mensch aus seinen natürlichen Kräften könne den Anfang zum Guten und zu seiner selbst Bekehrung machen, und dass alsdann der Heilige Geist, weil der Mensch zum Vollbringen zu schwach [sei], dem aus eigenen natürlichen Kräften angefangenen Guten zu Hilfe komme.
- Zum vierten der Synergisten Lehre, welche vorgeben, dass der Mensch nicht allerdings in geistlichen Sachen zum Guten erstorben, sondern übel verwumdet und halb tot [sei]. Derhalben, obwohl der freie Wille zu schwach sei, den Anfang zu machen und sich selbst aus eigenen Kräften zu Gott zu bekehren und dem Gesetz Gottes mit [dem] Herzen gehorsam zu sein, dennoch, wenn der Heilige Geist den Anfang macht und uns durch das Evangelium beruft und seine Gnade, Vergebung der Sünden und ewige Seligkeit anbeut [anbietet], dass alsdann der freie Wille aus seinen eigenen natürlichen Kräften Gott begegnen und etlichermasen etwas, obwohl wenig und schwächlich, dazu tun, helfen und mitwirken, sich zur Gnade Gottes schicken und applizieren und dieselbe ergreifen, annehmen und dem Evangelio glauben, auch in [der] Fortsetzung und Erhaltung dieses Werks aus seinen eigenen Kräften neben dem Heiligen Geist mitwirken könne.
Dagegen aber ist oben nach der Länge erwiesen, das solche Kraft, nämlich facultas applicandi sie ad gratiam, das ist, natürlich sich zur Gnade zu schicken, nicht aus unsern eigenen natürlichen Kräften, sondern allein durch des Heiligen Geistes Wirkung herkomme.
- Ferner: diese der Päpste und Mönche Lehren, dass der Mensch könne nach der Wiedergeburt das Gesetz Gottes in diesem Leben gänzlich erfüllen und durch diese Erfüllung des Gesetzes vor Gott gerecht sei und das ewige Leben verdiene.
- Dagegen sind auch mit allem Ernst und Eisen die Enthusiasten zu strafen und keineswegs in der Kirche Gottes zu dulden, welche dichten [wähnen], dass Gott ohne alle Mittel, ohne Gehör des göttlichen Wortes und ohne Gebrauch der heiligen Sakramente, den Menschen zu sich ziehe, erleuchte, gerecht und selig mache.
- Ferner: die da dichten, das Gott in der Bekehrung und Wiedergeburt ein neüs Herz und neün Menschen also schaffe, das des alten Adams Substanz und Wesen und besonders die vernünftige Seele ganz vertilgt, und ein neüs Wesen der Seele aus nichts erschaffen werde. Diesen Irrtum straft St. Augustinus ausdrücklich im 25. Psalm, da er den Spruch Pauli: Disponite veterem hominem, “Leget den alten Menschen ab” usw., anzeucht [anzieht] und erklärt mit diesen Worten: Ne aliquis arbitretur, deponendam esse aIiquam substantiam, exposuit, quid esset : Deponite veterem homininem et induite novum, cum dicit in consequentibus : quapropter deponentes mendacium, loquimini veritatem. Ecce, hoc est deponere veterem hominem et induere novum etc. Das ist: “Damit nicht jemand dafürhalten möchte, als müsste die Substanz oder Wesen des Menschen abgelegt werden, hat er selbst erklärt, was da sei, den alten Menschen ablegen und den neün anziehen, da er in nachfolgenden Worten sagt: ‘Darum leget ab die Lügen und redet die Wahrheit.’ Siehe, das ist den alten Menschen ablegen und den neün anziehen.”
- Ferner: wo diese Reden unerklärt gebraucht werden, dass des Menschen Wille vor, in und nach der Bekehrung dem Heiligen Geist widerstrebe, und dass der Heilige Geist werde gegeben denen, so ihm widerstreben.
Denn aus vorgehender Erklärung ist öffentlich, wo durch den Heiligen Geist gar keine Veränderung zum Guten im Verstande, Willen und Herzen geschieht, und der Mensch der Verheißung ganz nicht glaubt und von Gott zur Gnade nicht geschickt gemacht wird, sondern ganz und gar dem Wort widerstrebt, dass da keine Bekehrung geschehe oder sein könne. Denn die Bekehrung ist eine solche Veränderung durch des Heiligen Geistes Wirkung in des Menschen Verstand, Willen und Herzen, dass der Mensch durch solche Wirkung des Heiligen Geistes könne die angebotene Gnade annehmen. Und zwar alle die, so des Heiligen Geistes Wirkungen und Bewegungen, die durchs Wort geschehen, widerspenstig, verharrlich widerstreben, die empfangen nicht, sondern betrüben und verlieren den Heiligen Geist.
Nun bleibt gleichwohl auch in den Wiedergebornen eine Widerspenstigkeit, davon die Schrift meldet, dass: “das Fleisch gelüstet wider den Geist”, item: “die fleischlichen Lüste wider die Seele streiten”, und dass “das Gesetz in den Gliedern widerstrebe dem Gesetz im Gemüte”, Röm. 7.
Derhalben der Mensch, so nicht wiedergeboren ist, Gott gänzlich widerstrebt und ist ganz und gar ein Knecht der Sünde. Der Wiedergeborne aber hat Lust an Gottes Gesetz nach dem inwendigen Menschen, steht aber gleichwohl in seinen Gliedern der Sünde Gesetz, welches widerstrebt dem Gesetz im Gemüt; derhalben so dient er mit dem Gemüt dem Gesetz Gottes, aber mit dem Fleisch dem Gesetz der Sünde, Röm. 7. Auf solche Weise kann und soll die rechte Meinung gründlich, deutlich und bescheidentlich [vorsichtig und auf verständige Weise] erklärt und gelehrt werden.
Was [so]dann belangt die Reden Chrysostomi und Basil:Trahit Deus, sed Volentem trahit; tantum velis, et Deus praeoccurrit; item der Schullehrer Rede: Hominis voluntas in conversione non est otiosa, Sed agit aliquid, das ist: “Gott zeucht [zieht], er zeucht aber den, der da will”; item: “Wolle allein, so wird dir Gott [zu=] vorkommen”; item: “Des Menschen Wille ist nicht müssig in der Bekehrung, sondern wirkt etwas”, welche Reden zur Bestätigung des natürlichen freien Willens in der Bekehrung des Menschen wider die Lehre von der Gnade Gottes eingeführt [worden]: ist aus hiebevor gesetzter Erklärung offenbar, dass sie der Form gesunder Lehre nicht ähnlich, sondern derselben zuwider und demnach, wenn von der Bekehrung zu Gott geredet [wird], billig zu meiden [sind].
Denn die Bekehrung unsers verderbten Willens, welche anders nichts denn eine Erweckung desselben von dem geistlichen Tode [ist], ist einig und allein Gottes Werk (wie auch die Auserweckung in der leiblichen Auferstehung des Fleisches allein Gott zugeschrieben werden soll), inmaßen droben ausführlich angezeigt und mit offenbarlichen Zeugnissen der Heiligen Schrift erwiesen worden.
Wie aber Gott in der Bekehrung aus Wderspenstigen und Unwilligen durch das Ziehen des Heiligen Geistes Willige mache, und dass nach solcher Bekehrung des Menschen wiedergeborner Wille in täglicher Übung der Buße nicht müßig gehe sondern in allen Werken des Heiligen Geistes, die er durch uns tut, auch mitwirke, ist droben genugsam erklärt worden.
Also auch, wenn Lutherus spricht, dass sich der Mensch zu seiner Bekehrung pure passive [ver=] halte, das ist, ganz und gar nichts dazu tü, sondern nur leide, was Gott in ihm wirkt, ist seine Meinung nicht, dass die Bekehrung geschehe ohne die Predigt und Gehör des göttlichen Wortes, ist auch die Meinung nicht, dass in der Bekehrung vom Heiligen Geist gar keine neü Bewegung in uns erweckt und keine geistliche Wirkung angefangen werden; sondern er meint, dass der Mensch von sich selbst oder aus seinen natürlichen Kräften nichts vermöge oder helfen könne zu seiner Bekehrung, und dass die Bekehrung nicht allein zum Teil, sondern ganz und gar sei eine Wirkung, Gabe und Geschenk und Werk des Heiligen Geistes allein, der sie durch seine Kraft und Macht, durchs Wort, im Verstand, Willen und Herzen des Menschen, tamquam in subiecto patiente, das ist, da der Mensch nichts tut oder wirkt, sondern nur leidet, ausrichte und wirke; nicht als ein Bild in einen Stein gehaün oder ein Siegel ins Wachs, welches nichts drum weiß, solches auch nicht empfindet noch will, gedrückt wird, sondern also und auf die Weise, wie kurz zuvor erzählt und erklärt ist.
Weil auch in den Schulen die Jugend de tribus causis efficientibus, concurrentibus in conversione hominis non renati, das ist, mit der Lehre von den drei wirklichen [bewirkenden] Ursachen der Bekehrung des unwiedergebornen Menschen zu Gott, heftig irregemacht worden, welchergestalt dieselben nämlich das gepredigte und gehörte Wort Gottes, der Heilige Geist und des Menschen Wille zusammenkommen, ist abermals aus hiervor gesetzter Erklärung offenbar, dass die Bekehrung zu Gott allein Gottes des Heiligen Geistes Werk sei, welcher der rechte Meister ist, der allein solches in uns wirkt, dazu er die Predigt und das Gehör seines heiligen Wortes als sein ordentlich Mittel und Werkzeug gebraucht. Des unwiedergebornen Menschen Verstand aber und Wille ist anders nichts denn allein subiectum convertendum, das ist, der bekehrt werden soll, als eines geistlich toten Menschen Verstand und Wille, in dem der Heilige Geist die Bekehrung und Erneurung wirkt, zu welchem Werk des Menschen Wille, so bekehrt soll werden, nichts tut, sondern lasst allein Gott in ihm wirken, bis er wiedergeboren und alsdann auch mit dem Heiligen Geist in andern nachfolgenden guten Werken wirkt, was Gott gefällig ist, aus Weise und Maß, wie droben ausführlich erklärt worden.