Konkordienformel – Solida DeclaratioFC SDArtikel I

I. Von der Erbsünde

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Concordia Triglotta

Und erstlich hat sich unter etlichen Theologen Augsburgischer Konfession ein Zwiespalt von der Erbsünde zugetragen, was eigentlich dieselbe sei. Denn ein Teil hat gestritten weil durch Adams Fall ist ganz verderbt menschlich Natur und Wesen, dass nunmehr nach dem Fall des verderbten Menschen Natur, Substanz, Wesen oder ja das [der] vornehmste, höchste Teil seines Wesens, als die vernünftige Seele in ihrem höchsten Grad oder vornehmsten Kräften, die Erbsünde selbst sei, welche Natur oder Personsünde genennet [genannt] worden, darum dass es nicht ein Gedanke, Wort oder Werk, sondern die Natur selbst sei, daraus als der Wurzel alle andern Sünden entspringen, und sei derwegen jetzt nach dem Fall, weil die Natur durch die Sünde verderbt, ganz und gar kein Unterschied zwischen des Menschen Natur oder Wesen und zwischen der Erbsünde.

Der andere Teil aber hat dagegen gelehrt, dass die Erbsünde eigentlich nicht sei des Menschen Natur, Substanz oder Wesen, das ist, des Menschen Leib oder Seele, welche auch jetzt nach dem Fall in uns Gottes Geschöpf und Kreaturen sind und bleiben, sondern sei etwas in des Menschen Natur, Leib, Seele und allen seinen Kräften, nämlich eine greuliche, tiefe, unaussprechliche Verderbung derselben, also dass der Mensch der Gerechtigkeit, darin er anfangs erschaffen, mangelt und in geistlichen Sachen zum Guten erstorben; und zu allem Bösen verkehrt [ist], und dass von wegen solcher Verderbung und angeborner Sünde, so in der Natur steckt, aus dem Herzen alle wirklichen Sünden herfließen, und müsse also ein Unterschied gehalten werden zwischen des verderbten Menschen Natur und Wesen oder seinem Leib und Seele, welches Gottes Geschöpf und Kreaturen an uns auch nach dem Fall sind, und zwischen der Erbsünde, welche ein Werk des Teufels ist, dadurch die Natur verderbt worden.

Nun ist dieser Streit von der Erbsünde nicht ein unnötiges Gezänk, sondern wenn diese Lehre aus und nach Gottes Wort recht geführt und von allen pelagianischen und manichäischen Irrtümern abgesondert wird, so werden wie die Apologia spricht) des Hern Christi Wohltaten und sein teures Verdienst, auch die Gnadenwirkung des Heiligen Geistes desto besser erkannt und mehr gepreiset; es wird auch Gott seine Ehre gegeben, wenn Gottes Werk und Geschöpf am Menschen von des Teufels Werk, dadurch die Natur verderbt [ist], recht unterschieden wird.

Derwegen, diesen Zwiespalt christlich und nach Gottes Wort zu erklären und die rechte, reine Lehre von der Erbsünde zu erhalten, wollen wir aus vorgemeldeten Schriften die thesin und antithesin, das ist. rechte Lehre und Gegenlehre, in kurze Hauptstücke fassen.

  1. Und erstlich ist’s wahr, dass Christen für Sünde halten und erkennen nicht allein die wirkliche Übertretung der Gebote Gottes, sondern dass auch die greuliche, schreckliche Erbsünde, durch welche die ganze Natur verderbt [ist], vor allen Dingen wahrhaftig für Sünde soll gehalten und erkennet [erkannt] werden, ja für die Hauptsünde. welche eine Wurzel und Brunnqüll ist aller wirklichen Sünden;

und wird von D. Luthero eine Natur oder Personsünde genennet [genannt], da mit anzuzeigen da gleich [wenngleich] der Mensch nichts Böses gedächte, redete over wirkte, welches doch nach dem Fall unserer ersten Eltern in diesem Leben menschlicher Natur unmöglich, dass gleich wohl seine Natur und Person sündig, das ist, durch die Erbsünde als mit einem geistlichen Aussatz durch und durch, ganz und gar, vor Gott vergiftet und verderbt sei; um welcher Verderbung willen und von wegen des Falles des ersten Menschen die Natur oder Person von Gottes Gesetz beklagt [angeklagt] und verdammt wird, also dass wir von Natur Kinder des Zorns, des Todes und der Verdammnis sind, wo wir nicht durch das: Verdienst Christi davon erlöst werden.:

  1. Zum andern ist das auch klar und wahr, wie der neunzehnte Artikel in der Augsburgischen Konfession lehrt, dass Gott nicht ist ein Schöpfer, Stifter oder Ursache der Sünde, sondern aus Anstiftung des Teufels durch eine n Menschen ist die Sünde (welche ist ein Werk des Teufels) in die Welt [ge]kommen. Röm. 5; 1 Joh. 3. Und noch heutzutage in dieser Verderbung schafft und macht Gott in uns die Sünde nicht, sondern mit der Natur, welche Gott heutzutage an den Menschen schafft und macht, wird die Erbsünde durch fleischliche Empfängnis und Geburt von Vater und Mutter als sündlichem Samen mit fortgepflanzt.
  1. Zum dritten, was dieser Erbschade sei, weiß und kennt keine Vernunft nicht, sondern es muss, wie die Schmalkaldischen Artikel reden, aus der Schrift Offenbarung gelernt und geglaubt werden. Und in der Apologia wird dasselbe kürzlich in diese Hauptstücke gefaßt:

I. Dass dieser Erbschade sei die schuld, dass wir allesamt von wegen des ungehorsams Adams und Evas in Gottes Ungnade und Kinder des Zorns von Natur sind, wie der Apostel zu den Römern am 5 Kapitel zeugt.

  1. Zum andern, dass es auch eine gänzliche Darbung [Entbehrung] oder Mangelung der angeschaffenen Erbgerechtigkeit im Paradies oder des Bildes Gottes, nach welchem der Mensch anfänglich in Wahrheit, Heiligkeit und Gerechtigkeit geschaffen, und zugleich ein Unvermögen und Untüchtigkeit zu allen Gottessachen [sei], oder wie die lateinischen Worte lauten. Descriptio peccati originalis detrahit naturae non renovatae et dona et vim seu facuItatem et actus inchoandi et efficiendi spiritualia. Das ist: die Beschreibung der Erbsünde benimmt der unverneürten Natur die Gaben, Kraft und alle Wirkung, in geistlichen Dingen etwas anzufangen und zu wirken.
  1. Dass die Erbsünde (an der menschlichen Natur) nicht allein sei ein solcher gänzlicher Mangel alles Guten in geistlichen, göttlichen Sachen, sondern dass sie zugleich auch sei anstatt des verlornen Bildes Gottes in dem Menschen eine tiefe, böse, greuliche, grundlose, unerforschliche und unaussprechliche Verderbung der ganzen Natur und aller Kräfte, besonders der höchsten, vornehmsten Kräfte der Seele im Verstand, Herzen und Willen, dass dem Menschen nunmehr nach dem Fall angeerbt wird eine angeborne böse Art und inwendige Unreinigkeit des Herzens, böse Lust und Neigung,

dass wir alle von Art und Natur solch Herz, Sinn und Gedanken aus Adam ererben, welches nach seinen höchsten Kräften und Licht der Vernunft natürlich stracks wider Gott und seine höchsten Gebote gestellt und geartet, ja eine Feindschaft wider Gott ist, was besonders göttliche, geistliche Sachen belangt. Denn sonst in natürlichen, äußerlichen Sachen, so der Vernunft unterworfen, hat der Mensch noch etlichermaßen Verstand, Kraft und Vermögen, obwohl gar sehr geschwächt, welches doch alles auch durch die Erbsünde vergiftet und verunreinigt wird, dass es vor Gott nichts taugt.

  1. Die Strafe und Pön der Erbsünde, so Gott auf Adams Kinder und auf die Erbsünde gelegt, ist der Tod, die ewige Verdammnis, auch ander leiblich und geistlich, zeitlich und ewig Elend, Tyrannei und Herrschaft des Teufels, dass die menschliche Natur dem Reich des Teufels unterworfen und unter des Teufels Gewalt dahingegeben und unter seinem Reich gefangen [ist]. der manchen großen, weisen Menschen in der Welt schrecklichem Irrtum, Ketzerei und anderer Blindheit betäubt und verführt und sonst die Menschen zu allerlei Lastern dahinreißt.
  1. Zum fünften, derselbe Erbschade ist so groß und greulich, dass er allein um des Hern Christi willen in den Getauften und Gläubigen vor Gott zugedeckt und vergeben muss werden. Es muss auch und kann die dadurch verrückte [verkehrte], verderbte menschliche Natur allein durch des Heiligen Geistes Wiedergeburt und Erneurung geheilt werden, welches doch in diesem Leben nur angefangen, aber allererst in jenem Leben VolIkommen sein wird.

Diese Punkte, so hier allein summarischer Weise abgezogen, werden in obgemeldeten Schriften der gemeinen Bekenntnis [des gemeinen Bekenntnisses] unserer christlichen Lehre ausführlicher erklärt.

Solche Lehre aber muss nun also erhalten und verwahrt werden, dass sie nicht abweiche entweder auf die pelagianische oder auf die manichäische Seite. Derhalben soll auch kürzlich gemeldet werden, welche Gegenlehre von diesem Artikel in unsern Kirchen ausgesetzt [verurteilt] und verworfen werde.

  1. Und erstlich, wider die alten und neün Pelagianer, werden gestraft und verworfen diese falschen opiniones und Lehren, als wäre die Erbsünde allein ein reatus oder Schuld von wegen fremder Verwirkung, ohne einige unserer Natur Verderbung.
  1. Ferner: als wären die sündlichen bösen Lüste nicht Sünde, sondern conditiones oder angeschaffene und wesentliche Eigenschaften der Natur.
  1. Oder als wäre der obgemeldete Mangel und Schade nicht eigentlich und wahrhaftig vor Gott solche Sünde, darum [um derentwillen] der Mensch außer Christo ein Kind des Zorns und der Verdammnis, auch im Reich und unter der Gewalt des Satans sein müsste.
  1. Es werden auch ausgesetzt und verworfen diese und dergleichen pelagianische Irrtümer, als dass die Natur auch nach dem Fall unverderbt und besonders in geistlichen Sachen ganz gut und rein und in ihren naturalibus, das ist, in ihren natürlichen Kräften, vollkommen sein solle.
  1. Oder dass die Erbsünde nur von außen ein schlechter, [ge]ringschätziger, eingesprengter Fleck oder anstiegender [von außen sich aussetzender] Makel, vel corruptio tantum accidentium aut qualitatum, das ist, eine Verderbung allein etlicher zufälligen Dinge, an des Menschen Natur wäre, dabei und darunter die Natur gleichwohl ihre Güte und Kraft auch zu geistlichen Sachen habe und behalte.
  1. Oder dass die Erbsünde nicht eine Beraubung oder Mangelung, sondern nur ein äußerliches Hindernis solcher geistlichen guten Kräfte wäre, als wenn ein Magnet mit Knoblauchsaft bestrichen wird, dadurch seine natürliche Kraft nicht weggenommen, sondern allein gehindert wird; oder dass dieselbige [derselbe] Makel wie ein Fleck vom Angesicht oder Farbe von der Wand leichtlich könne abgewischt werden.
  1. Gleichfalls werden auch gestraft und verworfen, so da lehren, es sei wohl die Natur durch den Fall sehr geschwächt und verderbt, habe aber gleichwohl nicht ganz und gar alles Gute, was zu göttlichen, geistlichen Sachen gehört, verloren, sei auch nicht [es verhalte sich mit der Natur auch nicht], wie man in unsern Kirchen singt: “Durch Adams Fall ist ganz verderbt menschlich Natur und Wesen”, sondern [unsere Natur] habe noch aus und von der natürlichen Geburt, wie klein, wenig und gering es auch sei, dennoch etwas Gutes, als Fähigkeit, Geschicklichkeit, Tüchtigkeit oder Vermögen, in geistlichen Sachen etwas anzufangen, wirken oder mit[zu]wirken.

Denn was äußerliche, zeitliche, weltliche Sachen und Händel, so der Vernunft unterworfen, belangt, davon soll im nachfolgenden Artikel Erklärung geschehen.

Diese und dergleichen Gegenlehre wird darum gestraft und verworfen; denn Gottes Wort lehrt, dass die verderbte Natur aus und von ihr selbst in geistlichen, göttlichen Sachen nichts Gutes, auch nicht das wenigste, als gute Gedanken, vermöge, und nicht allein das, sondern dass sie aus und für sich selbst vor Gott nichts anderes denn sündigen könne. Gen. 6 und 8.

Also muss auch diese Lehre auf der andern Seite vor dem manichäischen Irrtum verwahrt werden. Derhalben werden auch diese und dergleichen irrige Lehren verworfen, als dass jetzt, nach dem Fall, die menschliche Natur anfangs rein und gut geschaffen, und danach von außen die Erbsünde (als etwas Wesentliches) durch den Satan in die Natur eingegossen und eingemengt werde, wie Gift unter Wein gemengt wird.

Denn obwohl in Adam und Eva die Natur erstlich rein, gut und heilig geschaffen, so ist doch durch den Fall die Sünde nicht also in ihre Natur [ge]kommen, wie die Manichäer geschwärmt haben, als hätte der Satan etwas wesentliches Böses geschaffen oder gemacht und mit ihrer Natur vermengt; sondern da aus Verleitung des Satans durch den Fall, nach Gottes Gericht und Urteil, der Mensch zur Strafe die angeschaffene Erbgerechtigkeit verloren, ist durch solche Privation oder Mangel, Darbung [Entbehrung] und Verwundung, so durch den Satan geschehen, die menschliche Natur also, wie droben gesagt, verkehrt und verderbt, dass mit demselben Mangel und Verderbung jetzt die Natur allen Menschen, so natürlicherweise von Vater und Mutter empfangen und geboren werden, angeerbt wird.

Denn nach dem Fall wird die menschliche Natur nicht erstlich rein und gut geschaffen und danach allererst durch die Erbsünde verderbt, sondern im ersten Augenblick unserer Empfängnis ist der Same, daraus der Mensch formiert wird, sündig und verderbt. So ist auch die Erbsünde nicht etwas für sich selbst, in oder außer des verderbten Menschen Natur selbständig, wie sie auch des verderbten Menschen eigen Wesen, Leib oder Seele oder der Mensch selber nicht ist.

Es kann und soll auch die Erbsünde und die dadurch verderbte menschliche Natur nicht also unterschieden werden, als wäre die Natur vor Gott rein, gut, heilig und unverderbt, aber allein die Erbsünde, so darin wohnt, wäre böse.

Ferner: wie Augustinus von den Manichäern schreibt, als ob nicht der verderbte Mensch selber von wegen der angebornen Erbsünde sündigte, sondern etwas anderes und Fremdes im Menschen, und dass also Gott durchs Gesetz nicht die Natur, als durch die Sünde verderbt, sondern nur allein die Erbsünde darin anklage und verdamme. Denn wie droben in thesi, das ist, in Erklärung der reinen Lehre von der Erbsünde, gesetzt, ist die ganze Natur des Menschen, so natürlicherweise von Vater und Mutter geboren wird, an Leib und Seele, in allen Kräften durch und durch auf das alleräußerste (was ihre im Paradies angeschaffene Güte, Wahrheit, Heiligkeit und Gerechtigkeit betrifft und anlangt) durch die Erbsünde verderbt und verkehrt. Non tamen in aliam substantiam genere aut specie diversam, priori aboIit, transmutata est. Das ist. Jedoch ist sie nicht ganz und gar vertilgt oder in eine andere Substanz verwandelt, welche nach ihrem Wesen unserer Natur nicht gleich und also mit uns nicht eines Wesens sein sollte.

Es wird auch von wegen solcher Verderbung die ganze verderbte Natur des Menschen durchs Gesetz angeklagt und verdammt, wo nicht die Sünde um Christi willen vergeben wird.

Es beklagt [verklagt] aber und verdammt das Gesetz unsere Natur nicht darum, dass wir Menschen von Gott erschaffen sind, sondern darum, dass wir sündig und böse sind, wie auch nicht darum und sofern die Natur und das Wesen auch nach dem Fall in uns ein Werk, Geschöpf und Kreatur Gottes ist, sondern darum und sofern sie durch die Sünde vergiftet und verderbt ist.

Obwohl aber die Erbsünde die ganze menschliche Natur wie ein geistlich Gift und Aussatz (wie Lutherus redet) vergiftet und verderbt hat, dass man in unserer verderbten Natur augenscheinlich nicht zeigen und weisen kann die Natur besonders für sich und die Erbsünde auch besonders für sich, so ist doch gleichwohl nicht ein Ding die verderbte Natur oder das Wesen des verderbten Menschen, Leib und Seele oder der Mensch selber, von Gott erschaffen (darin die Erbsünde wohnt, dadurch auch Natur, Wesen oder der ganze Mensch verderbet); wie auch in dem äußerlichen Aussatz der Menschen Natur oder Wesen wohnt und dieselbe verderbt; wie auch in dem äußerlichen Aussatz der Leib, so aussätzig ist, und der Aussatz an oder im Leibe nicht ein Ding sind, wenn man eigentlich reden will, sondern es muss ein Unterschied gehalten werden auch zwischen unserer Natur, wie sie von Gott erschaffen und erhalten wird, darin die Sünde wohnt, und zwischen der Erbsünde, so in der Natur wohnt die beiden müssen und können auch unterschiedlich nach der Heiligen Schrift betrachtet, gelehrt und geglaubt werden.

Und solchen Unterschied zu erhalten, dringen und zwingen die vornehmsten Artikel unsers christlichen Glaubens. Als erstlich im Artikel von der Schöpfung zeugt die Schrift, dass Gott nicht allein vor dem Fall [die] menschliche Natur geschaffen habe, sondern dass sie auch nach dem Fall eine Kreatur und Werk Gottes sei. Deut. 32; Jes. 45. 54. 64; Act. 17; Apok. 4.

“Deine Hände” (spricht Hiob): “haben mich gearbeitet und gemacht alles, was ich um und um bin; und versenkest mich so gar. Gedenke doch, dass du mich aus Leimen gemacht hast und würdest [wirst] mich wieder zur Erde machen. Hast du mich nicht wie Milch gemolken und wie Käse lassen gerinnen? Du hast mir Haut und Fleisch angezogen, mit Beinen und Adern hast du mich zusammengefüget. Leben und Wohltat hast du an mir getan, und dein Aussehen bewahret meinen Atem”, Hiob 10.

“Ich danke dir” (spricht David), “dass ich wunderbarlich gemacht bin; wunderbarlich sind deine Werke, und das erkennet meine Seele wohl. Es war dir mein Gebein nicht verhohlen, da ich im Verborgenen gemacht ward, da ich gebildet ward unten in der Erde. Deine Augen sahen mich, da ich noch unbereitet war, und waren alle Tage auf dein Buch geschrieben, die noch werden sollten und derselben keiner da war”, Psalm 139.

Im Prediger Salomonis steht geschrieben: “Denn der Staub muss wieder zur Erde kommen, wie er gewesen ist, und der Geist wieder zu Gott, der ihn gegeben hat”, Eccl. 12.

Diese Sprüche zeugen lauter [klar], dass Gott auch nach dem Fall des Menschen Schöpfer sei und ihm Leib und Seele erschaffe. Darum kann der verderbte Mensch nicht ohne allen Unterschied die Sünde selbst sein, sonst wäre Gott ein Schöpfer der Sünde; wie auch unser Kleiner Katechismus in der Auslegung des ersten Artikels bekennt, da geschrieben : “Ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat samt allen Kreaturen, mir Leib und imd Seele, Augen, Ohren und alle Glieder, Vernunft und alle Sinne gegeben hat und noch erhält.” Desgleichen im Großen Katechismo steht also geschrieben : “Das meine und glaube ich, dass ich Gottes Geschöpf bin, das ist, dass er mir gegeben hat und ohne Unterlaß erhält Leib, Seele und Leben, Gliedmaßen klein und groß, alle Sinne, Vernunft und Verstand” usw. Obwohl dieselbe Kreatur und das Werk Gottes durch die Sünde jämmerlich verderbt ist; denn die Massa, daraus Gott jetzt den Menschen formiert und macht, ist in Adam verderbt und verkehrt und wird also auf uns geerbt.

Und hier sollen billig fromme, christliche Herzen die unaussprechliche Güte Gottes bedenken, dass solche Verderbte, Verkehrte, sündliche Massam Gott nicht alsbald von sich wirft ins höllische Feür, sondern daraus formiert und macht die jetzige menschliche Natur, so durch die Sünde jämmerlich verderbt [ist], auf dass er sie durch seinen lieben Sohn von Sünden reinigen, heiligen und selig machen möge.

Aus diesem Artikel findet sich nun der Unterschied unwidersprechlich und klar. Denn die Erbsünde kommt nicht von Gott her; Gott ist nicht ein Schöpfer oder Stifter der Sünde. Es ist auch die Erbsünde nicht eine Kreatur oder Werk Gottes, sondern sie ist des Teufels Werk.

Wenn nun ganz und gar kein Unterschied sein sollte zwischen der Natur und dem Wesen unsers Leibes und Seele, so durch die Erbsünde verderbt, und zwischen der Erbsünde, dadurch die Natur verderbt ist, so würde folgen, dass entweder Gott, weil er ist ein Schöpfer dieser unserer Natur, auch die Erbsünde schaffte und machte, welche auch also sein Werk und Kreatur sein würde, oder, weil die Sünde ein Werk Des Teufels ist, dass der Satan ein Schöpfer wäre dieser unserer Natur, unsers Leibes und Seele, welche auch ein Werk oder Geschöpf des Satans sein müsste, wenn ohne allen Unterschied unsere verderbte Natur die Sünde selbst sein sollte; welches beides wider den Artikel unsers christlichen Glaubens ist.

Derwegen und auf dass Gottes Geschöpf und Werk am Menschen von des Teufels Werk unterschieden möge werden, sagen wir, dass es Gottes Geschöpf sei, dass der Mensch Leib und Seele hat; item, dass es Gottes Werk sei, dass der Mensch etwas gedenken [denken], reden, tun und wirken könne; denn: “in ihm leben, weben und sind wir”, Act. 17. Dass aber die Natur verderbt [ist], Gedanken, Worte und Werke böse sind, das ist anfänglich ein Werk des Satans, der durch die Sünde Gottes Werk in Adam also verderbt hat, welches daher [von Adam her] auf uns geerbt wird.

Zum andern, im Artikel von der Erlösung zeugt die Schrift gewaltig, dass Gottes Sohn unsere menschliche Natur ohne Sünde angenommen, also dass er uns, seinen Brüdern, allenthalben gleich [ge]worden sei, ausgenommen die Sünde, Hebr. 2. Unde veteres dixerunt Christum nobis, fratribus suis, consubstantialem esse secundum assumptam naturam, quia naturam, quae, excepto peccato, eiusdem generis, speciei et substantiae cum nostra est, assumpsit et contrariam sententiam manifeste haereseos damnarunt. Das ist, daher alle alten rechtgläubigen Lehrer gehalten, dass Christus nach der angenommenen Menschheit mit uns, seinen Brüdern, eines Wesens sei; denn er hat seine menschliche Natur, welche unserer menschlichen Natur in ihrem Wesen und allen wesentlichen Eigenschaften durchaus (allein die Sünde ausgenommen) gleich ist, an sich genommen, und haben die Gegenlehre als öffentliche Ketzerei verdammt.

Wenn nun kein Unterschied wäre zwischen der Natur oder dem Wesen des verderbten Menschen und zwischen der Erbsünde, so müsste folgen, dass Christus entweder unsere Natur nicht angenommen, weil er die Sünde nicht hätte angenommen, oder, weil er unsere Natur angenommen, dass er auch die Sünde hätte angenommen, welches beides wider die Schrift ist. Weil aber Gottes Sohn unsere menschliche Natur und nicht die Erbsünde an sich genommen, so ist hieraus klar, dass die menschliche Natur (auch nach dem Fall) und die Erbsünde nicht ein Ding sei [seien], sondern unterschieden werden müssen.

Zum dritten, im Artikel von der Heiligung zeugt die Schrift, dass Gott den Menschen von der Sünde abwasche, reinige, heilige, und dass Christus sein Volk von ihren Sünden selig mache. So kann ja die Sünde der Mensch selber nicht sein; denn den Menschen nimmt Gott um Christus willen zu Gnaden aus, aber der Sünde bleibt er in Ewigkeit Feind. Ist [Es ist] derhalben unchristlich und abscheulich, zu hören, dass die Erbsünde im Namen der heiligen Dreifaltigkeit getauft, geheiligt und selig gemacht werde, und dergleichen Reden mehr (damit [mit Anführung welcher] wir einfältige Leute nicht verärgern wollen), so in der neün Manichäer Schriften zu finden.

Zum vierten, im Artikel von der Auserstehung zeugt die Schrift, dass eben dieses unsers Fleisches Substanz, aber ohne Sünde, auferstehen [werde], und dass wir im ewigen Leben eben diese Seele, aber ohne Sünde, haben und behalten werden.

Wenn nun ganz und gar kein Unterschied wäre zwischen unserm verderbten Leib und Seele und zwischen der Erbsünde, so würde wider diesen Artikel des christlichen Glaubens folgen, dass entweder dies unser Fleisch am Jüngsten Tage nicht auferstehen [werde], und dass wir im ewigen Leben nicht dies Wesen unsers Leibes und Seele, sondern eine andere Substanz (oder eine andere Seele) haben würden, weil wir da werden ohne Sünde sein; oder dass auch die Sünde auferstehen und im ewigen Leben in den Auserwählten sein und bleiben würde.

Hieraus ist klar, dass diese Lehre (mit allem, so ihr anhängt und daraus folgt), müsse verworfen werden, da vorgegeben und gelehrt wird, dass die Erbsünde des verderbten Menschen Natur, Substanz, Wesen, Leib oder Seele selbst sei, also dass ganz und gar kein Unterschied zwischen unserer verderbten Natur, Substanz und Wesen und zwischen der Erbsünde sein solle. Denn die vornehmsten Artikel unsers christlichen Glaubens zeugen stark und gewaltig, warum ein Unterschied zwischen der Natur oder Substanz des Menschen, so durch die Sünde verderbt, und zwischen der Sünde, damit und dadurch der Mensch verderbt ist, soll und muss gehalten werden.

Und dies sei genug zur einfältigen Erklärung der Lehre und Gegenlehre (in thesi et antithesi) von diesem Streit, soviel die Hauptsache an ihr selbst belangt, an diesem Ort, da nicht ausführlich disputiert [wird], sondern artikelweise nur die vornehmsten Hauptstücke gehandelt werden.

Was aber die Wörter und Weise zu reden anlangt, ist das Beste und Sicherste, dass man das Vorbild der gesunden Worte, wie in der Heiligen Schrift und in den obgemeldeten Büchern von diesem Artikel geredet wird, [ge]brauche und behalte.

Es sollen auch aequivocationes vocabuIorum, das ist, die Wörter und Reden, so in mancherlei Verstand gezogen und gebraucht werden, Wortgezänke zu verhüten, fleißig und unterschiedlich erklärt werden. Als, wenn man sagt Gott schafft die Natur der Menschen, da wird durch das Wort: “Natur” verstanden das Wesen, Leib und Seele der Menschen. Oft aber nennt man die Art oder Unart eines Dinges seine Natur, als wenn man sagt der Schlange Natur ist, dass sie sticht und vergiftet. Also spricht Lutherus, dass Sünde und sündigen des verderbten Menschen Art und Natur sei.

Also heißt Erbsünde eigentlich die tiefe Verderbung unserer Natur, wie sie in [den] Schmalkaldischen Artikeln beschrieben wird. Zuzeiten aber wird das Konkretum oder Subjektum, das ist, der Mensch selber mit Leib und Seele, darin die Sünde ist und steckt, mitbegriffen, darum dass der Mensch durch die Sünde verderbt, vergiftet und sündig ist, als wenn Lutherus spricht: “Deine Geburt, deine Natur und dein ganzes Wesen ist Sünde”, das ist, sündig und unrein.

Natursünde, personsünde, wesentliche Sünde erklärt Lutherus selber, dass er es also meine, dass nicht allein die Worte, Gedanken und Werke Sünde sei [seien], sondern dass die ganze Natur, Person und Wesen des Menschen durch die Erbsünde zu Grund [bis auf den Grund] gänzlich verderbt sei.

Was aber die lateinischen Worte substantia und accidens anlangt, soll der einfältigen Kirche [soll die Kirche, die eben zum großen Teil aus einfältigen, schlichten, ungelehrten Leuten besteht], weil solche Worte dem gemeinen Manne unbekannt, mit denselben in öffentlichen Predigten billig verschont werden. Wenn aber die Gelehrten unter sich oder bei andern, welchen solche Worte nicht unbekannt, sich derselben in diesem Handel gebrauchen, inmaßen [wie] Eusebius, Ambrosius und besonders Augustinus, wie auch andere vornehme Kirchenlehrer mehr, aus Not, diese Lehre wider die Ketzer zu erklären, getan, so nehmen sie vor eine immediatam divisionem, das ist, [sie nehmen] vor eine solche Teilung, dazwischen kein Mittel ist [eine Teilung nach dem kontradiktorischen Gegensatz, die kein tertium interveniens. kein zwischen die Gegensätze sich einschiebendes drittes, zuläßt], dass alles, was da ist, müsse entweder substantia, das ist, ein selbständig Wesen, oder accidens, das ist, ein zufälliges Ding, sein, das nicht für sich selbst wesentlich besteht, sondern in einem andern selbständigen Wesen ist und davon kann unterschieden werden; welche Teilung auch Cyrillus und Basilius gebrauchen.

Und weil unter andern dieses auch ein ungezweifelter, unwidersprechlicher Grundspruch in der Theologia ist, dass eine jede substantia oder selbständiges Wesen, sofern es eine Substanz ist, entweder Gott selber oder ein Werk und Geschöpf Gottes sei, so hat Augustinus in vielen Schriften wider die Manichäer mit allen wahrhaftigen Lehrern wohlbedacht und mit Ernst die Rede peccatum originis est substantia vel natura, das ist, die Erbsünde ist des Menschen Natur oder Wesen, verdammt und verworfen; nach welchem [dem Augustin folgend haben nach ihm] alle Gelehrten und Verständigen allezeit gehalten, dass dasjenige, so nicht für sich selbst besteht, noch ein Teil ist eines andern selbständigen Wesens, sondern in einem andern Ding wandelbarlich ist, nicht eine substantla, das ist, etwas Selbständiges, sondern ein accidens, das ist, etwas Zufälliges, sei. Also pflegt Augustinus beständig auf diese Weise zu reden die Erbsünde sei nicht die Natur selbst, sondern ein accidens vitium in natura, das ist, ein zufälliger Mangel und Schaden in der Natur.

Wie man denn auf solche Weise auch in unsern Schulen und Kirchen nach der Dialektika vor diesem Zank frei und unverdächtig geredet hat und deswegen weder von D. Luther noch einigem rechtschaffenen Lehrer unserer reinen evangelischen Kirchen jemals gestraft worden [ist].

Weil denn die unwidersprechliche Wahrheit ist, dass alles, was da ist, entweder eine Substanz oder ein accidens, das ist, entweder ein selbständiges Wesen oder etwas zufälliges in demselben ist, inmaßen kurz hiervor [kurz zuvor] mit Zeugnissen der Kirchenlehrer angezeigt und erwiesen [ist], und kein Rechtverständiger [kein wahrhaft Verständiger] jemals daran gezweifelt [hat], so dringet die Not, und kann hier keiner vorüber, wenn jemand fragen wollte, ob die Erbsünde eine Substanz, das ist, ein solches Ding, das für sich selbst bestehe und nicht in einem andern ist, oder ein accidens, das ist, ein solch Ding sei, das nicht für sich besteht, sondern in einem andern ist und für sich nicht bestehen noch sein kann so muss er und heraus bekennen, dass die Erbsünde keine Substanz, sondern ein Akzidens sei.

Darum auch der Kirche Gottes zum beständigen Frieden in dieser Zwiespaltung [in diesem Zwiespalt] nimmermehr geholfen, sondern die Uneinigkeit vielmehr gestärkt und erhalten [wird], wenn die Kirchendiener im Zweifel stecken bleiben, ob die Erbsünde eine Substanz oder Akzidens sei und also recht und eigentlich genennet [genannt] werde.

Demnach, soll den Kirchen und Schulen dieses ärgerlichen und hochschädlichen Streits zu Grund [gründlich] abgeholfen werden, [so] ist vonnöten, dass männiglich deshalben eigentlich berichtet werde [dass jedermann hierüber genau belehrt werde].

Wenn aber weiter gefragt wird, was denn die Erbsünde für ein Akzidens sei, das ist eine andere Frage, darauf kein Philosophus, kein Papist, kein Sophist, ja keine menschliche Vernunft, wie scharf auch dieselbe immermehr sein mag, die rechte Erklärung geben kann, sondern aller Verstand und Erklärung muss allein aus Heiliger Schrift genommen werden, welche bezeugt, dass die Erbsünde sei ein unaussprechlicher Schaden und eine solche Verderbung menschlicher Natur, dass an derselben und allen ihren innerlichen und äußerlichen Kräften nichts Reines noch Gutes geblieben, sondern alles zumal verderbet [alles durch und durch verderbt sei], dass der Mensch durch die Erbsünde wahrhaftig vor Gott geistlich tot und zum Guten mit allen seinen Kräften erstorben sei.

Dergestalt denn [auf solche Weise wird] durch das Wort accidens die Erbsünde nicht verkleinert, wenn es nach Gottes Wort also erklärt wird, in maßen D. Luther in seiner lateinischen Auslegung über das dritte Kapitel des ersten Buchs Mose wider die Verkleinerung der Erbsünde mit großem Ernst geschrieben hat; sondern solch Wort dient allein dazu, den Unterschied zwischen dem Werk Gottes (welches ist unsere Natur, unangesehen, dass sie verderbt ist) und zwischen des Teufels Werk (welches ist die Sünde, die im Werk Gottes steckt und desselben allertiefste und unaussprechliche Verderbung ist) anzuzeigen.

Also hat auch Lutherus in diesem Handel das Wort quaIitas gebraucht und nicht verworfen, daneben aber auch mit besonderem Ernst und großem Eifer auf das allerfleißigste erklärt und männiglich [jedermann] eingebildet, was es für eine greuliche Qualität und accidens sei, dadurch die menschliche Natur nicht schlecht verunreinigt, sondern so tief verderbt ist, dass nichts Reines noch unverderbt in derselben geblieben; wie seine Worte über den 90. Psalm lauten: Sive igitur peccatum originis qualitatem sive morbum vocaverimus, profecto extremum malum est non solum pati aeternam iram et mortem, sed ne agnoscere quidem, quae pateris. Das ist, wir nennen die Erbsünde eine Qualität oder Seuche, so ist sie fürwahr der äußerste schaden, dass wir nicht allein den ewigen Zorn Gottes und den ewigen Tod leiden sollen, sondern auch nicht verstehen was wir leiden. Und abermals über das erste Buch Mose, Kap. 3: Qui isto veneno peccati originis a planta pedis usque ad verticem infecti sumus, siquidem in natura adhuc integra accidere. Das ist, wir sind durch das Gift der Erbsünde von der Fußsohle an bis auf die Scheitel [den Scheitel] vergiftet, weil solches noch in der vollkommenen Natur uns zugefallen.