Artikel XV. Von menschlichen Satzungen in der Kirche
Im fünfzehnten Artikel lassen sie ihnen gefallen, da wir sagen, die Zeremonien und Satzungen soll man halten in der Kirche, die man mit gutem Gewissen ohne Sünde halten kann und die zu guter Ordnung und Frieden dienen. Das andere Stück verdammen sie, da wir sagen, dass die Satzungen, welche aufgerichtet sind, Gott zu versöhnen und Vergebung der Sünden zu erlangen, stracks wider das Evangelium sind.
Obwohl wir in der Konfession vom Unterschied der Speisen und von Satzungen viel gesagt haben, so müssen wir es doch kurz hier wiederholen.
Obwohl wir gedacht, dass die Widersacher andere Ursachen suchen würden, die menschlichen Satzungen zu schützen, so hätten wir doch nicht gemeint, dass sie diesen Artikel, nämlich: durch Menschentraditionen verdient niemand Vergebung der Sünden, verdammen sollten. Weil aber derselbe ganze Artikel unverschämt verdammt ist, so haben wir eine leichte, schlechte Sache.
Denn das is öffentlich jüdisch, das heißt öffentlich mit des Teufels Lehren das Evangelium unterdrücken. Denn die Heilige Schrift und Paulus nennen solche Satzungen dann erst rechte Teufelslehre, wenn man sie dafür rühmt, dass sie sollen dienen, dadurch Vergebung der Sünden zu erlangen. Denn da sind sie stracks wider Christum, wider das Evangelium, wie Feür und Wasser widereinander sind.
Das Evangelium lehrt, dass wir durch den Glauben an Christum ohne Verdienst Vergebung der Sünden erlangen und Gott versöhnt werden. Die Widersacher aber setzen einen andern Mittler, nämlich Menschengesetze, durch die wollen sie Vergebung der Sünden erlangen, durch die wollen sie den Zorn Gottes versöhnen. Aber Christus sagt klar: “Sie dienen mir vergeblich durch Menschengebote.”
Droben haben wir reichlich angezeigt, dass wir durch den Glauben vor Gott gerecht werden, wenn wir glauben, dass wir einen gnädigen Gott haben, nicht durch unsere Werke, sondern durch Christum. Nun ist’s gar gewiß, dass solches das reine Evangelium sei. Denn Paulus sagt klar zu den Ephesern am 2. Kapitel: “ohne Verdienst seid ihr selig worden, und das nicht aus euch, denn Gottes Gabe ist es; nicht aus den Werken.”
Nun sagen die Widersacher, die Leute verdienen Vergebung der Sünden durch solche menschliche Satzungen und Werke. Was ist das anders, denn über Christum einen andern Mittler, einen andern Versöhner stellen und setzen?
Paulus sagt zu den Galatern: “Ihr seid von Christo abgefallen, so ihr durchs Gesetz wollt gerecht werden”, das ist, so ihr haltet, dass ihr durchs Gesetz vor Gott gerecht werdet, so ist euch Christus nichts nütze. Denn was bedürfen diejenigen des Mittlers Christi, die durch die Werke des Gesetzes vertraün, Gott zu versöhnen?
Gott hat Christum dargestellt, dass er um desselben willen, nicht um unserer Gerechtigkeit willen, uns will gnädig sein. Aber sie halten, dass Gott um ihrer Werke willen und um solcher Traditionen willen uns gnädig sei.
So nehmen sie nun und rauben Christo seine Ehre, und ist kein Unterschied zwischen den Zeremonien des Gesetzes Mosis und solchen Satzungen, soviel es diese Sache belangt. Paulus verwirft Mosis Zeremonien eben darum, darum er auch Menschengebote verwirft, nämlich dass es die Juden für solche Werke hielten, dadurch man Vergebung der Sünden verdiente. Denn dadurch ward Christus untergedrückt. Darum verwirft er die Werke des Gesetzes und Menschengebote zugleich und streitet dieses [dringt darauf], dass noch um unserer Werke, sondern um Christus’ willen, ohne Verdienst, verheißen sei Vergebung der Sünden, doch also, dass wir sie durch den Glauben fassen. Denn die Verheißung kann man nicht anders denn durch den Glauben fassen.
So wir nun durch den Glauben Vergebung der Sünden erlangen, so wir durch den Glauben einen gnädigen Gott haben um Christus’ willen, so ist es ein großer Irrtum und Gotteslästerung, dass wir durch solche Satzungen sollten Vergebung der Sünden erlangen.
Wenn sie hier nun sagen wollten, dass wir nicht durch solche Werke Vergebung der Sünden erlangen, sondern wenn wir durch den Glauben jetzt Vergebung haben, so sollen wir danach durch solche Werke verdienen, dass uns Gott gnädig sei; da streitet aber Paulus wider zu den Galatern am 23. Kapitel, da er sagt: “Sollten wir aber, die da sich durch Christum gerecht zu werden, auch noch selber Sünder erfunden werden, so wäre Christus ein Sündendiener”; item: “Zu eines Menschen Testament soll niemand einen Zusatz machen.” Darum soll man auch zu dem Testament Gottes, da er uns verheißt, er will uns gnädig sein um Christus’ willen, nichts zutun oder dieses anflicken, als verdienten wir erst, dass uns Gott um solcher Werke willen gnädig sein müsse.
Und wenngleich noch jemand wollte solche Werke aufrichten oder erwählen, damit Gott zu versöhnen, Vergebung der Sünden zu verdienen, wie wollte der gewiß werden, dass die Werke Gott gefielen, so er keinen Gottesbefehl noch Wort davon hat?
Wie wollte er die Gewissen und Herzen versichern, wie sie mit Gott stehen; item,. dass die Werke Gott gefallen, wenn kein Gotteswort noch =Befehl da ist? Es verbieten die Propheten allenthalben, eigenerwählte, sonderliche Gottesdienste anzurichten ohne Gottes Wort und Befehl, Hesek. am 20.: “Wandelt nicht in Geboten eurer Väter und haltet ihre Sitten nicht und werdet nicht unrein von ihren Götzen. Ich bin der Her, eür Gott. In meinen Geboten wandelt und haltet meine Rechte und Sitten und tut dieselbigen.”:
So die Menschen Macht haben, Gottesdienste anzurichten, dass wir dadurch Sünden bezahlen und fromm werden vor Gott, so müssen aller Heiden Gottesdienste, alle Abgötterei aller gottlosen Könige in Isräl, Jerobeams und anderer, auch gut sein; denn es ist kein Unterschied. Steht bei Menschen die Macht, Gottesdienste aufzurichten, dadurch man möge Seligkeit verdienen, warum sollten der Heiden und Isräliten selbsterwählte Gottesdienste unrecht sein?
Denn darum sind der Heiden und Isräliten Dienste verworfen, dass sie wähnen wollten, solche Dienste gefielen Gott, und wußten nichts vom höchsten Gottesdienst, der da heißt Glaube.
Ferner: woher sind wir gewiß dass solche Gottesdienste und Werke ohne Gottes Wort vor Gott gerecht machen, so kein Mensch Gottes Willen anders erfahren oder wissen kann denn allein durch die Wort? Wie, wenn solche Gottesdienste Gott der Herr nicht allein verachtet, sondern auch für einen Greül hält? Wie dürfen denn die Widersacher sagen, dass sie vor Gott gerecht machen? Ohne Gottes Wort kann je niemand das sagen. Paulus sagt zu den Römern: “Alles, was nicht aus dem Glauben geschieht, das ist Sünde.” So nun dieselben Gottesdienste keinen göttlichen Befehl haben, so müssen die Herzen im Zweifel stehen, ob sie Gott gefallen.
Und was bedarf diese öffentliche Sache vieler Worte? Wenn die Widersacher diese Gottesdienste also verteidigen, als seien es Werke, dadurch man Vergebung der Sünden und Seligkeit verdient, so richten sie öffentliche antichristische Lehre und Reich an. Denn das Reich Antichristi ist eigentlich ein solch neür Gottesdienst, durch Menschen erdichtet, dadurch Christus verworfen wird, wie Mahomets Reich selbsterwählte Gottesdienste hat, eigenen Werke, dadurch sie vor Gott vermeinen heilig und fromm zu werden, und halten nicht, dass man allein durch den Glauben an Christum gerecht werde. Also wird das Papsttum auch ein Stück vom Reich Antichristi, so es lehrt, durch Menschengebote Vergebung der Sünden zu erlangen und Gott [zu] versöhnen. Denn da wird Christo seine Ehre genommen, wenn sie lehren, dass wir nicht durch Christum, ohne Verdienst gerecht werden, durch den Glauben, sondern durch solche Gottesdienste, besonders wenn sie lehren, dass solch selbsterwählter Gottesdienst nicht allein nütze sei, sondern auch nötig. Wie sie denn oben im achten Artikel halten, da sie das verdammen, dass wir gesagt, zu rechter Einigkeit der Kirche sei nicht not, dass allenthalben gleichförmige Menschensatzungen seien.
Daniel, im 11. Kapitel, malt das Reich Antichristi also ab, dass er anzeigt, dass solche neü Gottesdienste, von Menschen erfunden, werden die Politia und das rechte Wesen des antichristischen Reichs sein. Denn also sagt er: “Den Gott Maosim wird er ehren, und dem Gott, den seine Väter nicht erkannt haben, wird er mit Gold, Silber und Edelgestein dienen.” Da beschreibt er solche neü Gottesdienste. Denn er sagt von einem solchen Gott, davon die Väter nichts gewußt haben.
Denn die heiligen Väter, obwohl sie auch Zeremonien und Satzungen gehabt, so haben sie doch nicht dafürgehalten, dass solche Zeremonien nütz und nötig wären zur Seligkeit, so haben sie doch damit Christum nicht unterdrückt, sondern haben gelehrt, dass uns Gott um Christus’ willen gnädig sei, nicht um solcher Gottesdienste willen. Aber dieselben Satzungen haben sie gehalten von wegen leiblicher Übung, als die Feste, dass das Volk wüßte, wann es sollte zusammenkommen, dass in den Kirchen alles ordentlich und züchtiglich um guter Exempel willen zuginge, dass auch das gemeine, grobe Volk in einer feinen Kinderzucht gehalten würde. Denn solche Unterschiede der Zeit und solche mancherlei Gottesdienste dienen, das Volk in Zucht zu behalten und zu erinnern der Historien.
Diese Ursachen haben die Väter gehabt, menschliche Ordnung zu erhalten. Und auf die Weise fechten wir’s auch nicht an, dass man gute Gewohnheit halte. Und wir können uns nicht genugsam wundern, dass die Widersacher wider alle Schrift der Apostel, wider das Alte und Neü Testament lehren dürfen, dass wir durch solche Gottesdienste sollen ewiges Heil und Vergebung der Sünden erlangen. Denn was ist das anders, denn wie Daniel sagt, “Gott ehren mit Gold, Silber und Edelgestein”, das ist, halten, dass Gott uns gnädig werde durch mancherlei Kirchenschmuck, durch Fahnen, Kerzen, wie denn unzählig sind bei solchen Menschensatzungen.
Paulus zu den Kolossern schreibt, dass solche Satzungen haben einen Schein der Weisheit. Und [es] hat auch einen großen Schein, als sei es fast heilig; denn Unordnung steht übel, und solche ordentliche Kinderzucht ist nützlich in der Kirche usw. Weil aber menschliche Vernunft nicht versteht, was Glauben ist, so fallen diejenigen, so nach der Vernunft richten, von Stund’ an darauf und machen ein solch Werk daraus, das uns gen Himmel helfen solle und Gott versöhnen. Also haben [sind] die Irrtümer und schädliche Abgötterei eingerissen bei den Isräliten.
Darum machten sie auch einen Gottesdienst über den andern, wie bei unserer Zeit ein Altar über den andern, eine Kirche über die andere gestiftet ist.
Also richtet auch die menschliche Vernunft von andern leiblichen Übungen, als von Fasten usw. Denn Fasten dient dazu, den alten Adam zu zähmen; da fällt bald die Vernunft drauf und macht ein Werk daraus, das Gott versöhne; wie Thomas schreibt, “Fasten sei ein Werk, das da tauge, Schuld gegen Gott außulöschen und ferner zu verhüten”. Das sind die klaren Worte Thomä. Also dieselben Gottesdienste, welche sehr gleißen, haben einen großen Schein und ein groß Ansehen der Heiligkeit vor den Leuten. Und dazu helfen nun die Exempel der Heiligen, da sie sprechen, St. Franziskus hat eine Kappe getragen und dergleichen. Hier sehen sie allein die äußerliche Übung an, nicht das Herz und Glauben.
Und wenn nun die Leute also durch so großen und prächtigen Schein der Heiligkeit betrogen werden, so folgt dann unzählige Fahr [Gefahr] und Unrat daraus, nämlich dass Christi Erkenntnis und das Evangelium vergessen wird, und dass man alles Vertraün auf solche Werke setzt. Darüber so werden durch solche heuchlerische Werke die rechten guten Werke, die Gott in [den] zehn Geboten fordert, ganz unterdrückt (welches schrecklich ist zu hören). Denn die Werke müssen allein geistlich, heilig, vollkommen Leben heißen und werden dann weit vorgezogen den rechten, heiligen guten Werken, da ein jeder nach Gottes Gebot in seinem Beruf zu wandeln, die Obrigkeit fleißig, treulich zu regieren, die Hausväter, die ehelichen Leute, Weib und Kind, Gesinde in christlicher Zucht zu halten schuldig sind; item, da eine Magd, ein Knecht seinem Herrn treulich zu dienen pflichtig ist.
Dieselben Werke hält man nicht für göttlich, sondern für weltlich Wesen, also dass viele Leute darüber ihnen [sich] ein schwer Gewissen gemacht. Denn man weiß je, dass etliche ihren Fürstenstand verlassen, etliche den Ehestand, und sind in Klöster gegangen, heilig und geistlich zu werden.
Und ist über den [außer dem] Irrtum noch der Jammer dabei, dass, wenn die Leute in dem Wahn sind, dass solche Satzungen nötig seien zur Seligkeit, die Gewissen ohne Unterlaß in Unruhe und Qual sind, dass sie ihren Orden, ihre Möncherei, ihre aufgelegten Werke nicht so gestrenge gehalten haben. Denn wer könnte die Satzungen alle erzählen? Es sind unzählig viel Bücher, in welchen nicht ein Tüttel, nicht eine Silbe von Christo, vom Glauben geschrieben oder von den rechten guten Werken, die Gott gebietet, welche jeder nach seinem Beruf zu tun schuldig ist; sondern allein von solchen Satzungen schreiben sie, als von den vierzig Tagen zu fasten, von Messehören, von vier Gezeiten beten usw.; da ist des Deutens und Dispensierens kein Ende.
Wie jämmerlich martert sich, wie ringt und windet sich über den Dingen der gute, fromme Mann Gerson, da er gern den Gewissen mit dem rechten Trost helfen wollte, da er gradus und latitudines sucht praeceptorum, wiefern dieselben Gebote binden, und kann doch nicht finden einen gewissen Grad, da er darf dem Herzen Sicherheit und Frieden gewiß zusagen. Darum klagt er auch ganz heftig, wie in großer Gefahr die Gewissen und Konßienzen dadurch stehen, dass man solche Satzungen also bei einer Todsünde fordert und will gehalten haben.
Wir aber sollen uns wider solch heuchlerische, gleißende Satzungen, dadurch viele verführt und jämmerlich die Gewissen ohne Ursache geplagt werden, rüsten und stärken mit Gottes Wort und sollen erstlich das [für] gewiß halten, dass Vergebung der Sünden nicht durch solche Satzungen verdient wird.
Wir haben den Apostel droben angezogen zu den Kolossern: “Laßt euch niemand Gewissen machen über Speise, Trank, Neumonden, Sabbater.” Und der Apostel will das ganze Gesetz Mosis und solche Traditionen zugleich begriffen haben, damit die Widersacher hier nicht entschliefen [entschlüpften], wie sie pflegen, als rede Paulus allein vom Gesetz Mosis. Er zeigt aber klar genug an, dass er von menschlichen Satzungen auch rede, obwohl die Widersacher selbst nicht wissen, was sie sagen. Denn so das Evangelium und Paulus klar melden, dass auch die Zeremonien und Werke der Gesetzes Mosis vor Gott nicht helfen, so werden’s viel weniger menschliche Satzungen tun.
Derhalben haben die Bischöfe nicht Macht noch Gewalt, eigenerwählte Gottesdienste aufzurichten, welche sollen die Leute vor Gott heilig und fromm machen. Denn es sagen auch die Apostel Act. 15: “Was versucht ihr Gott und legt eine Bürde auf die Jünger?” usw. Da schilt es Petrus als eine große Sünde, damit man Gott verlästere und versuche. Darum ist es der Apostel Meinung, dass diese Freiheit in der Kirche bleiben soll, dass keine Zeremonien, weder das Gesetz Mosis noch andere Satzungen, sollen als nötige Gottesdienste geschätzt werden; wie etliche Zeremonien im Gesetz Mosis als nötig mussten im Alten Testament eine Zeitlang gehalten werden. Darum müssen wir auch wehren, dass die Predigt von der Gnade und von Christo, von Vergebung der Sünden aus lauter Gnade nicht unterdrückt werde, und der schädliche Irrtum [nicht] einreiße, als sind [seien] die Satzungen nötig, fromm vor Gott zu sein.
Es habe Gerson und viel andere treü, fromme Leute, welche über die großen Fährlichkeiten der Gewissen Mitleid getragen, εε πιειικειαν und Linderung gesucht, wie man doch darin den Gewissen helfen möchte [könnte], dass sie durch die Traditionen nicht in so mannigfaltige Wege gemartert würden, und haben nichts Gewisses finden können, den Gewissen aus den Banden zu helfen.
Die Heilige Schrift und die Apostel aber sind kurz hindurchgegangen und [haben] schlecht mit einem Striche alles quittiert und klar dürr herausgesagt, dass wir in Christo frei, ledig seien von allen Traditionen, besonders wenn man dadurch Seligkeit und Vergebung der Sünden zu erlangen sucht.
Darum lehren auch die Apostel, dass man der schädlichen pharisäischen Lehre soll widerstreben mit Lehren und mit dem Gegenexempel. Darum lehren wir, dass solche Satzungen nicht gerecht machen vor Gott, dass sie auch nicht not seien zur Seligkeit, dass auch niemand solche Satzungen machen oder annehmen soll der Meinung, dass er wolle vor Gott dadurch gerecht werden. Wer sie aber halten will, der halte sie, wie ich einen andern Stadtgebrauch möchte halten, da ich wohne, ohne alles Vertraün, dadurch gerecht zu werden vor Gott. Als, dass ich bei den Deutschen deutsche Kleidung trage, bei den Walen welsche, halte ich als einen Landbrauch, nicht dadurch selig zu werden. Die Apostel, wie das Evangelium anzeigt, brechen frisch solche Satzungen und werden von Christo derhalben gelobt.
Denn man muss es nicht allein mit Lehren, Predigen, sondern auch mit der Tat den Pharisäern anzeigen und beweisen, dass solche Gottesdienste nichts nütze sind zur Seligkeit.
Und darum, ob die Unsern gleich etliche Traditionen und Zeremonien nachlassen, so sind sie doch genugsam entschuldigt. Denn die Bischöfe fordern solches als nötig zur Seligkeit; das ist ein Irrtum, der nicht zu leiden ist.
Weiter, die ältesten Satzungen aber in der Kirche, als die drei hohen Feste usw., die Sonntagsfeier und dergleichen, welche um guter Ordnung, Einigkeit und Friedens willen erfunden usw., die halten wir gerne. Auch so predigen die Unsern aufs glimpflichste gegen [vor] dem Volk davon; allein, daneben sagen sie, dass sie vor Gott nicht gerecht machen.
Darum reden die Widersacher ihre Gewalt und tun uns ganz vor Gott unrecht, wenn sie uns schuld geben, dass wir alle guten Zeremonien, alle Ordnungen in der Kirche abbringen und niederlegen. Denn wir mögen es mit der Wahrheit sagen, dass es christlicher, ehrlicher in unsern Kirchen mit rechten Gottesdiensten gehalten wird denn bei den Widersachern. Und wo gottesfürchtige, ehrbare, verständige, unparteiische Leute sind, die diese Sache recht genau wollen bedenken und ansehen, so halten wir die alten Canones und mentem legis mehr, reiner und fleißiger denn die Widersacher. Denn die Widersacher treten unverschämt die allerehrlichsten Canones mit Füßen, wie sie dann Christo und dem Evangelio auch tun.
Die Pfaffen und Mönche in Stiften mißbrauchen der Messe aufs schrecklichste und greulichste, halten Messen täglich in großer Anzahl allein um der Zinse [Abgaben] willen, um der Geldes, um des schändlichen Bauchs willen. So singen sie die Psalmen in Stiften, nicht dass sie studieren oder ernstlich beten (denn das mehrere Teil versteht nicht einen Vers in [den] Psalmen), sondern halten ihre Metten und Vesper als einen gedingten Gottesdienst, der ihnen ihre Rente und Zinse trägt. Dieses alles können sie nicht leugnen. Es schämen sich auch selbst etliche Redliche unter ihnen desselben Jahrmarkts und sagen, clerus bedürfe einer Reformation. Bei uns aber braucht das Volk des heiligen Sakraments willig, ungedrungen, alle Sonntage, welche man erst verhört, ob sie in christlicher Lehre unterrichtet sind, im Vaterunser, im Glauben, in [den] zehn Geboten etwas wissen oder verstehen. Ferner: die Jugend und das Volk singt ordentlich lateinische und deutsche Psalmen, dass sie der Sprüche der Schrift gewohnen und beten lernen.
Bei den Widersachern ist kein Katechismus, da doch die Canones von reden. Bei uns werden die Canones gehalten, dass die Pfarrer und Kirchendiener öffentlich und daheim die Kinder und Jugend in Gottes Wort unterweisen. Und der Katechismus ist nicht ein Kinderwerk, wie Fahnen=, Kerzentragen, sondern eine fast [sehr] nützliche Unterrichtung.
Bei den Widersachern wird in vielen Ländern, als in Italien und Hispanien usw., das ganze Jahr durch nicht gepredigt denn allein in der Fasten. Da sollten sie schreien und billig hoch klagen; denn das heißt auf einmal alle Gottesdienste recht umgestoßen. Denn der allergrößte, heiligste, nötigste, höchste Gottesdienst, welchen Gott im ersten und andern Gebot als das Größte hat gefordert, ist Gottes Wort predigen: denn das Predigtamt ist das höchste Amt in der Kirche. Wo nun der Gottesdienst ausgelassen wird, wie kann da Erkenntnis Gottes, die Lehre Christi oder das Evangelium sein? Darum, wenn sie gleich in der Fasten oder sonst zur andern Zeit predigen, lehren sie nichts denn von solchen Menschensatzungen, vom Anrufen der Heiligen, von Weihwasser und von solchen Narrenwerken und ist der Gebrauch, dass ihr Volk bald, wenn der Text des Evangelii gesagt ist, aus der Kirche laufe, welches sich vielleicht davon angefangen, dass sie nicht haben mögen die andern Lügen hören. Etliche wenige unter ihnen heben nun auch an, von guten Werken zu predigen. Von der Erkenntnis Christi aber, vom Glauben, vom Trost der Gewissen können sie nichts predigen, sondern dieselbe selige Lehre, das liebe, heilige Evangelium, nennen sie Lutherisch.
In unserer Kirche aber werden von Predigern diese folgenden nötigen Stücke mit höchstem Fleiß gelehrt: von rechter Buße, von der Furcht Gottes, von dem Glauben, was der sei, von der Erkenntnis Christi, von der Gerechtigkeit, die aus dem Glauben kommt; item, wie die Gewissen in Ëngsten und Anfechtungen sollen Trost suchen, wie der Glaube durch allerlei Anfechtungen muss geübt werden, was ein recht Gebet sei, wie man beten soll; item, dass ein Christ gewiß sich trösten soll, dass sein Rufen und Bitten Gott werde erhören im Himmel; von dem heiligen Kreuz, vom Gehorsam gegen die Obrigkeit; item, wie ein jeder in seinem Stande christlich leben und fahren mag; vom Gehorsam der Herrengebote, aller weltlichen Ordnungen und Gesetze; item, wie zu unterscheiden seien das geistliche Reich Christi und die Regimente und Reiche in der Welt; von dem Ehestande, und wie der christlich zu führen sei; von Zucht der Kinder, von der Keuschheit, von allerlei Werken der Liebe gegen den Nächsten.
Also ist unsere Kirche mit Lehre und Wandel bestellt, daraus unparteiische Leute wohl merken und abnehmen können, dass wir christliche, rechte Zeremonien nicht abtun, sondern mit Fleiß aufs treulichste erhalten.
Und die Kasteiung des Fleisches oder alten Adams lehren wir also, wie unsere Konfession meldet, dass die rechte Kasteiung dann geschieht, wenn uns Gott den Willen bricht, Kreuz und Trübsal zuschickt, dass wir lernen seinem Willen gehorsam sein, wie Paulus zu den Römern am 12. sagt: “Begebet eure eigenen Leiber zu einem heiligen Opfer.” Und das sind rechte heilige Kasteiungen, also in Anfechtungen lernen Gott kennen, ihn fürchten, lieben usw.
Über dieselben Trübsale, welche nicht in unserm Willen stehen, sind auch noch die leiblichen Übungen, da Christus von sagt: “Hütet euch, dass eure Leiber nicht beschweret werden mit Fressen und Saufen!” und Paulus zu den Korinthern: “Ich zähme meinen Leib” usw.
Die Übungen sollen darum geschehen, nicht dass es nötige Gottesdienste seien, dadurch man vor Gott fromm werde, sondern dass wir unser Fleisch im Zaum halten, damit wir durch Völlerei und Beschwerung des Leibes nicht sicher und müßig werden, des Teufels Reizungen und des Fleisches Lüsten folgen. Dasselbe Fasten und Kasteien sollte nicht allein auf gewisse Zeit, sondern allezeit geschehen.
Denn Gott will, dass wir allezeit mäßig und nüchtern leben, und wie die Erfahrung gibt, so helfen dazu nicht viel bestimmte Fastentage. Denn man hat mit Fischen und allerlei Fastenspeise mehr Unkost und Quasserei [Schwelgerei] getrieben denn außer der Fasten; Und die Widersacher selbst haben die Fasten nie gehalten dergestalt, wie sie in canonibus angezeigt ist.
Dieser Artikel von den menschlichen Traditionen oder Satzungen hat ganz viel schwere Disputationen und Fragen hinter sich, und die Erfahrung hat’s allzustark gegeben, dass solche Satzungen rechte schwere Ketten und Stricke sind, die Gewissen jämmerlich zu quälen. Denn wenn dieser Wahn da ist, dass sie nötig seien zur Seligkeit, so plagen sie über alle Maßen ein arm Gewissen. Die denn fromme Herzen wohl erfahren, wenn sie in horis canonicis eine Complete ausgelassen usw. oder dergleichen dawider getan. Wiederum schlechthin die Freiheit lehren, hat auch seine Bedenken und seine Fragen, nachdem das gemeine Volk äußerlicher Zucht und Anleitung bedarf. Aber die Widersacher machen diese Sache selbst gewiß und schlecht.
Denn sie verdammen uns darum, dass wir lehren, dass wir durch menschliche Satzungen nicht verdienen Vergebung der Sünden vor Gott. Ferner: sie wollen ihre Satzungen durch die ganze Kirche universaliter durchaus gehalten haben, schlechts als nötig, und setzen sie an Christus’ Statt. Da haben wir einen starken Patron für uns, den Apostel Paulum, welcher an allen Orten das streitet, dass solche Satzungen vor Gott nicht gerecht machen und nicht nötig seien zur Seligkeit.
Auch lehren die Unsern deutlich und klar, dass man der christlichen Freiheit in den Dingen also gebrauchen soll, dass man vor den Schwachen, so solches nicht unterrichtet sind, nicht Ërgernis anrichte, und dass nicht etwa diejenigen, so der Freiheit mißbrauchen, die Schwachen von der Lehre des Evangelii abschrecken. Darum lehren auch unsere Prediger, dass ohne [be]sondere und ohne bewegende Ursachen an den Kicrhenbräuchen nichts geändert soll werden, sondern um Friedens und Einigkeit willen soll man diejenigen Gewohnheiten halten, so man ohne Sünde und ohne Beschwerung der Gewissen halten kann.
Und auf diesem Augsburger Reichstag haben wir uns gleich genug finden und vernehmen lassen, dass wir um Liebe willen unbeschwert sein wollten, etliche adiaphora mit den andern zu halten. Denn wir haben auch bei und wohl bedacht, dass gemeine Einigkeit und Friede, soviel derselben ohne Beschwerung der Gewissen zu erhalten wäre, billig allen andern, geringen Sachen würde vorgezogen. Aber von dem allem wollen wir hernach weiter reden, wenn wir von Klostergelübden und von der potestate ecclesiastica handeln werden.