Von der Beichte und Genugtuung
Gottesfürchtige, ehrbare, fromme, christliche Leute können hier wohl merken, dass viel daran gelegen ist, dass man de poenitentia, von der Reü und dem Glauben, eine rechte, gewisse Lehre in der Kirche habe und erhalte. Denn der große Betrug vom Ablaß usw., item, die ungeschickte Lehre der Sophisten hat uns genug gewitzigt, was großen Unrats und Fährlichkeit daraus entsteht, wenn man hier fehlschlägt. Wie hat manch fromm Gewissen unter dem Papsttum hier so mit großer Arbeit den rechten Weg gesucht und unter solcher Finsternis nicht gefunden! Darum haben wir allezeit großen Fleiß gehabt, von diesem Stück klar, gewiß, richtig zu lehren. Von der Beichte und Genugtuung haben wir nicht sonders [besonders] gezankt.
Denn die Beichte behalten wir auch um der Absolution willen, welche ist Gottes Wort, dadurch uns die Gewalt der Schlüssel losspricht von Sünden.
Darum wäre es wider Gott, die Absolution auch der Kirche also abtun usw.
Diejenigen, so die Absolution verachten, die wissen nicht, was Vergebung der Sünden ist, oder was die Gewalt der Schlüssel ist.
Von dem Erzählen aber der Sünden haben wir oben in unserm Bekenntnis gesagt, dass wir halten, es sei von Gott nicht geboten.
Denn dass sie sagen, ein jeglicher Richter muss erst die Sachen und Gebrechen hören, ehe er das Urteil spreche, also müssen erst die Sünden erzählt werden usw. das tut nichts zur Sache. Denn die Absolution ist schlecht der Befehl loßusprechen, und ist nicht ein neu Gericht, Sünde zu erforschen. Denn Gott ist der Richter, der hat den Aposteln nicht das Richteramt, sondern die Gnadenexekution befohlen, diejenigen loßusprechen, so es begehren; Und sie entbinden auch und absolvieren von Sünden, die uns nicht einfallen.
Darum ist die Absolution eine Stimme des Evangelii, dadurch wir Trost empfange, und ist nicht ein Urteil oder Gesetz.
Und es ist närrisch und kindisch genug bei Verständigen, den Spruch Salomonis, da er am 27. sagt: Diligenter cognosce vultum pecoris tui, das ist: “Habe acht auf deine Schafe” usw., an dem Ort von der Beichte oder Absolution einzuführen. Denn Salomo redet da gar nicht von der Beichte, sondern gibt ein Gebot den Hausvätern, dass sie sollen mit dem Ihren zufrieden sein und sich fremdes Guts enthalten, und befiehlt mit dem Wort, ein jeder solle seines Viehes und Güter fleißig wahrnehmen; doch soll er aus Geiz Gottesfurcht, Gottes Gebot und Wort nicht vergessen. Aber die Widersacher machen aus der Schrift Schwarz und Weiß, wann und wie sie wollen, wider alle natürliche Art der klaren Worte an dem Ort: Cognosce vultum pecoris etc. Da musscognoscere Beichtehören heißen. : “Vieh” oder: “Schafe” muss da Menschen heißen. Stabulum, achten wir, heißt auch eine Schule, da solche Doctores und Oratores innen sind. Aber ihnen geschieht recht, die also die Heilige Schrift, alle guten Künste verachten, dass sie so grob in der Grammatika fehlen. Wenn jemand an dem Ort je Lust hätten, einen Hausvater, davon Salomo redet, mit einem Seelenhirten zu vergleichen, so müsste vultus da nicht arcana conscientiae, sondern den äußerlichen Wandel bedeuten.
Aber ich lasse das fahren. Es wird an etlichen Orten in Psalmen gedacht des Worts confessio, als in 32. Psalm: “Ich will dem Hern meine Übertretung bekennen wider mich.” Dasselbe Beichten und Bekennen, das Gott geschieht, ist die Reü selbst. Denn wenn wir Gott beichten, so müssen wir im Herzen uns für Sünder erkennen, nicht allein mit dem Munde, wie die Heuchler die Worte allein nachreden. So ist diese Beichte, die Gott geschieht, eine solche Reü im Herzen, da ich Gottes Ernst und Zorn fühle, Gott recht gebe, dass er billig zürnt, dass er auch mit unserm Verdienst nicht könne versöhnt werden, und da wir doch Barmherzigkeit suchen, nachdem Gott hat Gnade in Christo zugesagt.
Also ist das eine Beichte im 51. Psalm: “An dir allein hab’ ich gesündigt, dass du recht erfunden werdest, wenn du gerichtet wirst.” Das ist: Ich bekenne mich einen Sünder, und dass ich verdient habe ewigen Zorn, und kann mit meinen Werken noch mit meinem Verdienst deinen Zorn nicht stillen. Darum sage ich, dass du gerecht bist und billig uns strafst. Ich gebe dir recht, obwohl die Heuchler dich richten, du seiest unrecht, dass du ihr Verdienst und gute Werke nicht ansiehst. Ja, ich weiß, dass meine Werke vor einem Urteil nicht bestehen, sondern also werden wir gerecht, so du uns für gerecht schätzest durch deine Barmherzigkeit.
Es möchte etwa auch einer den Spruch Jakobi anziehen: “Bekennet einander eure Sünden.” Er redet aber da nicht von der Beichte, die dem Priester geschieht usw., sondern redet von einem Versöhnen und Bekennen, wenn ich sonst mich mit meinem Nächsten versöhne.
Es müssen auch die Widersacher gar viel ihre eigenen Lehrer verdammen, so sie wollen sagen, dass Erzählung der Sünden müsse geschehen und von Gott geboten sei. Denn obwohl wir die Beichte auch behalten und sagen, es sei nicht unnütz, dass man die Jugend und unerfahrene Leute auch frage, damit sie desto besser mögen unterrichtet werden: doch ist das alles also zu mäßigen, damit die Gewissen nicht gefangen werden, welche nimmer können zufrieden sein, solange sie in dem Wahn sind, dass man vor Gott schuldig sei, die Sünden zu erzählen.
Derhalben ist das Wort der Widersacher, da sie sagen, dass zur Seligkeit not sei eine ganz reine Beichte, da keine Sünde verschwiegen [wird] usw., ganz falsch. Denn solche Beichte ist unmöglich. O Her Gott, wie jämmerlich haben sie manch fromm Gewissen geplagt und gequält damit, da sie gelehrt, die Beichte müsse ganz rein sein und keine Sünde ungebeichtet bleiben! Denn wie kann ein Mensch immer gewiß werden, wann er ganz rein gebeichtet habe?
Die Väter gedenken auch der Beichte, aber sie reden nicht von Erzählung der heimlichen Sünden, sondern von einer Zeremonie einer öffentlichen Buße. Denn vorzeiten hat man diejenigen, so in öffentlichen Lastern gewesen, nicht wieder angenommen in der Kirche ohne eine öffentliche Zeremonie und Strafe; derhalben so mussten sie den Priestern ihre Sünden namhaftig beichten, dass nach der Größe der Übertretung die satisfactiones konnten aufgelegt werden. Dass ganze Ding aber ist nicht gleich gewesen dem Sündererzählen, davon wir reden. Denn dieselbe Beichte und Bekenntnis geschah nicht darum, dass ohne dieselbe Beichte Vergebung der Sünden vor Gott nicht geschehen kann, sondern dass man ihnen keine äußerliche Strafe könnte auflegen, man wüßte denn die Sünde.
Und von der äußerlichen Zeremonie der öffentlichen Buße ist auch das Word satisfactio oder Genugtuung hergekommen. Denn die Väter wollten diejenigen, so in öffentlichen Lastern erfunden, nicht wider annehmen ohne eine Strafe. Und dieses hatte viele Ursachen. Denn es diente zu einem Exempel, dass öffentlich Laster gestraft würden; wie auch die Glosse im Dekret sagt. So war er auch ungeschickt, dass man diejenigen, so in offenen Laster gefallen waren, sollte bald unversucht zu dem Sakrament zulassen. Dieselben Zeremonien alle sind nun vorlängst abgekommen, und ist nicht not, dass man sie wieder aufrichte, denn sie tun gar nichts zu der Versöhnung vor Gott.
Auch ist es der Väter Meinung in keinem Wege gewesen, dass die Menschen dadurch sollten Vergebung der Sünden erlangen; obwohl solche äußerliche Zeremonien leichtlich die Unerfahrenen dahin bringen, dass sie meinen, sie hülfen etwas zur Seligkeit. Wer nun das lehrt oder hält, der lehrt und hält ganz jüdisch und heidnisch. Denn die Heiden haben auch gehabt etliche Reinigungen, da sie haben wollen wähnen, sie würden dadurch gegen [mit] Gott versöhnt.
Nun aber, so dieselbe Weise der öffentlichen Buße abgekommen ist, ist geblieben der Name satisfactio, und ist noch geblieben der Schatten des alten Brauchs, dass sie in den Beichte Genugtuung auflegen und nennen’s opera non debita.
Wir nennen’s satisfactiones canonicas. Davon lehren wir, wie von Erzählung der Sünden, nämlich, dass dieselben öffentlichen Zeremonien von Gott nicht geboten sind, auch nicht not sind und nicht helfen zur Vergebung der Sünden. Denn diese Lehre muss vor allen Dingen erhalten werden und stehenbleiben, dass wir durch den Glauben Vergebung der Sünden erlange, nicht durch unsere Werke, die vor oder nach geschehen, wenn wir bekehrt oder neugeboren sind in Christo. Und wir haben vornehmlich aus dieser Ursache von den satisfactionibus geredet, damit niemand die Genugtuung also verstünde, dass dadurch die Lehre vom Glauben würde untergedrückt [unterdrückt]. als könnten wir durch unsere Werke Vergebung der Sünden verdienen.
Denn der gefährliche Irrtum von satisfactionibus ist also eingerissen und bestätigt durch etliche ungeschickte Lehren, so die Widersacher schreiben, die Genugtuung sei ein solch Werk, dadurch der göttliche Zorn und Ungnade versöhnt werde.
Jedoch bekennen die Widersacher selbst, dass die satisfactiones nicht losmachen die Schuld vor Gott, sondern sie erdichten, dass sie allein quitt= und losmachen die Pein oder Strafe. Denn so lehren sie, dass, wenn die Sünde vergeben wird, so wird die Schuld oder culpa ohne Mittel, allein durch Gott, vergeben; Und doch, weil er ein gerechter Gott ist, läßt er Sünde nicht ohne Strafe und verwandelt die ewige Strafe in eine zeitliche Strafe. Darüber lehren sie, dass ein Teil der zeitlichen Strafe erlassen werde durch die Gewalt der Schlüssel. Ein Teil aber soll durch die satisfactiones oder Genugtuungen bezahlt werden. Und man kann nicht verstehen, welches Teil der Strafe oder Pein erlassen werde durch die Gewalt der Schlüssel, sie wollten denn sagen, dass ein Teil der Pein des Fegfeürs erlassen werde, daraus folgen wollte, dass die satisfactiones allein dienten, zu erlösen die Pein des Fegfeürs. Und weiter sagen sie, die satisfactiones taugen vor Gott, wenn sie gleich von denjenigen geschehen, die in Todsünden gefallen sind; gleich als lasse sich Gott von denen versöhnen, die in Todsünden liegen und seine Feinde sind.
Dieses alles sind eitel erträumte, erdichtete Lehren und Worte, ohne allen Grund der Schrift und wider alle Schriften der alten Väter. Auch redet Longobardus selbst nicht auf die Weise von den satisfactionibus.
Die Scholastici haben wohl von Hörensagen gehabt, dass etwann [vorzeiten] satisfactiones in der Kirche gewesen wären, und haben nicht bedacht, dass es eine äußerliche Zeremonie gewesen, da die publice poenitentes oder die Büßer sich gegen die Kirche erzeigen mussten mit einer Zeremonie, welche dazu war eingesetzt, erstlich zu einem Schrecken und Exempel, daran sich andere möchten stoßen, zum andern zu einer Probe, ob dieselben Sünder oder Büßer, so wieder Gnade begehrten, auch herzlich sich bekehrt hätten. In Summa, sie haben nicht gesehen, dass solche satisfactio eine äußerliche Zucht, Strafe und disciplina ist gewesen und ein solch Ding, wie eine andere weltliche Zucht, zu einer Scheu oder Furcht aufgerichtet. Darüber haben sie gelehrt, dass sie nicht allein zu einer Zucht, sondern auch Gott zu versöhnen dienten und not wären zur Seligkeit. Wie sie aber in vielen andern Stücken dass Reich Christi, welches geistlich ist, und der Welt Reich und äußerliche Zucht ineinandergekocht haben, also haben sie auch getan mit den satisfactionibus.
Aber die Glossen in canonibus zeigen an etlichen vielen Orten an, dass dieselben satisfactiones allein zu einem Exempel vor der Kirche dienen sollen.
Hier laßt uns aber sehen, wie die Widersacher solche ihre Träume gründen und beweisen in der Konfutation, welche sie Kaiserlicher Majestät zuletzt aufgehängt. Sie ziehen viele Sprüche der Schrift an, dass sie den Unerfahrenen einen Schein machen, als sei ihre Lehre von satisfactionibus in der Schrift gegründet, welche doch noch zu Longobardus’ Zeiten unbekannt war. Sie bringen diese Sprüche hervor: “Tut Buße, bring Früchte der Buße!” Item: “Begebet eure Gliedmaßen, zu dienen der Gerechtigkeit!” Ferner: Christus hat gesagt: “Tut Buße!” Ferner: Christus befiehlt den Aposteln, Buße zu predigen. Ferner: Petrus predigt Buße in Geschichten der Apostel am 2. Danach zeigen sie an etliche Sprüche der Väter und die Kanones und beschließen, es sollen die Genugtuungen in der Kirche wider das Evangelium, wider der Väter und Konzilien Dekrete, wider den Beschluß der heiligen Kirche nicht abgetan werden, sondern diejenigen, so Absolution erlangen, sollen ihre Buße und Satisfaktion, Genugtuung, so ihnen vom Priester aufgelegt, vollbringen.
Gott wolle schänden und strafen solche verzweifelte Sophisten, die so verräterisch und böslich das heilige Evangelium auf ihre Träume deuten! Welchem frommen, ehrbaren Mann sollte nicht solch großer, öffentlicher Mißbrauch göttlichen Wortes im Herzen wehe tun? Christus spricht: “Tut Buße!” Die Apostel predigen auch: “Tut Buße!” Darum ist durch die Sprüche bewiesen, dass Gott Sünden nicht vergebe ohne um der erdichteten Satisfaktion willen? Wer hat die groben unverschämten Esel solche Dialektika gelehrt? Es ist aber nicht Dialektik noch Sophistik, sondern es sind Bubenstücke, mit Gottes Word also zu spielen und so verdrießlichen Mutwillen [zu] treiben. Darum ziehen sie den Spruch als dunkel und verdeckt an aus dem Evangelio: “Tut Buße” usw., dass, wenn die Unerfahrenen hören, dass dies Wort aus dem Evangelio wird wider uns angezogen, [sie] denken sollen, wir seien solche Leute, die gar nichts von der Buße halten. Mit solchen Bösewichtstücken gehen sie nit uns um. Obwohl sie wissen, dass wir recht von der Buße lehren, so wollen sie doch die Leute abschrecken und gern viele Leute wider uns erbittern, dass die Unerfahrenen schreien sollen: Kreuzige, kreuzige solche schädliche Ketzer, welche von der Buße nicht halten! Und werden also öffentlich als die Lügner hier überwunden.
Aber wir trösten uns des und wissen’s fürwahr, dass bei gottesfürchtigen, ja bei ehrebaren, frommen, redlichen Leuten solche unverschämte Lügen und Fälscherei der Heiligen Schrift doch nichts schaffen. So wird auch Gott der Her, als wahr er ein lebendiger Gott ist, solche unverschämte Gotteslästerung und ungehörte Bosheit nicht lange leiden, sie werden sich gewiß am ersten und andern [zweiten] Gebot Gottes verbrennen. Und nachdem wir in unserer Konfession fast alle höchsten Artikel der ganzen christlichen Lehre begriffen haben, also dass über diese Sache keine größere, hochwichtigere Sache kann unter der Sonne sein, sollte man zu diesen hohen, allerwichtigsten Händeln, die ganze heilige, christliche Religion, Wohlfahrt und Einigkeit der ganzen christlichen Kirche und in aller Welt so viel unzählige Seelen und Gewissen jetzt dieser Zeit und bei unsern Nachkommen belangend, billig mit allem treün, höchsten Fleiß Leute gesucht und auserlesen haben, die gottesfürchtiger, verständiger, erfahrener, tauglicher und redlicher wären, auch mehr treün, guten Herzens und Sinnes zu gemeinem Nutzen, zur Einigkeit der Kirche, zur Wohlfahrt des Reichs trügen und erzeigten denn die losen, leichtfertigen Sophisten, so die Konfutation geschrieben haben.
Und Ihr, Herr Kardinal Campegi, als der Verständige, dem diese Sache zu Rom vertraut, des Weisheit man rühmen will, wenn Ihr auch nichts denn des Papsts und Stuhls zu Rom Ehre wolltet achten oder ansehen, hättet hier besser sollen haushalten und diesem mit höchstem Fleiß vorkommen, dass in solcher so gar großen, trefflichen Sache durch die oder dergleichen Sophisten nicht eine solch ungeschickte confutatio wäre geschrieben, welche beide zu dieser Zeit und künftig bei den Nachkommen Euch nicht anders denn zu eitelm Spott, zur Verkleinerung eures Gerüchts und Namens, zu ewigem, unverwindlichem Schimpf und Schaden gereichen wird.
Ihr Romanisten seht, dass diese die letzten Zeiten sind vor dem Jüngsten Tag, von welchen Christus warnt, dass viele Fährlichkeiten sollen vorfallen in der Kirche. Ihr nun, die ihr wollt Wächter, die Hirten and Häupter der Kirche genannt sein, sollt in dieser Zeit mit sonderm, treüm, höchstem Fleiß Aufsehen haben. Es sind viele Zeichen vor Augen schon, dass, wo ihr euch nicht ganz wohl in die Zeit und Sachen schickt und richtet, dass es mit dem ganzen römischen Stuhl und Wesen eine große, starke Veränderung gewinnnen will.
Und dürft euch in Sinn nicht nehmen, ja dürft nicht gedenken, dass ihr die Gemeinden und Kirchen allein mit dem Schwert und Gewalt wollt bei euch und dem römischen Stuhl erhalten. Denn gute Gewissen schreien nach der Wahrheit und rechtem Unterricht aus Gottes Word, und denselben ist der Tod nicht so bitter, als bitter ihnen ist, wo sie etwa in einem Stücke zweifeln; darum müssen sie such, wo sie Unterricht finden. Wollt ihr die Kirche bei euch erhalten, so müßt ihr danach trachten, dass ihr recht lehren und predigen laßt; damit könnt ihr einen guten Willen und beständigen Gehorsam anrichten.
Wir wollen hier wieder zur Sache kommen. Die Sprüche aus der Schrift, so angezogen von Widersachern, reden nicht von den Genugtuungen und Satisfaktionen, davon die Widersacher streiten. Darum ist es lauter Fälscherei der Schrift, dass sie Gottes Wort auf ihre Meinung deuten. Wir sagen, wo rechte Buße, Verneürung des Heiligen Geistes, ist im Herzen, da folgen gewiß gute Früchte, gute Werke, und ist nicht möglich, dass ein Mensch sollte sich zu Gott bekehren, rechte Buße tun, herzliche Reü haben, und sollten nicht folgen gute Werke, gute Früchte. Denn ein Herz und Gewissen, das recht seinen Jammer und Sünde gefühlt hat, recht erschreckt ist, das wird nicht viele Wollüste der Welte achten oder suchen. Und wo der Glaube ist, da ist er Gott dankbar, achtet und liebt herzlich seine Gebote. Auch ist inwendig im Herzen gewißlich keine rechte Buße, wenn wir nicht äußerlich gute Werke, christliche Geduld erzeigen.
Und also meinet’s auch Johannes der Täufer, da er sagt: “Erzeiget rechte Früchte der Buße.” Item Paulus, da er sagt zu den Römern am 6.: “Begebet eure Glieder zu Waffen der Gerechtigkeit” usw. Und Christus, da er spricht: “Tut Buße!” redet wahrlich von der ganzen Buße und von dem ganzen neün Leben und seinen Früchten. Er redet nicht von den heuchlerischen Satisfaktionen, davon die Scholastici träumen und dürfen sagen, dass sie dann auch gelten vor Gott für die Strafe, wenn sie in Todsünden geschehen. Das sollte freilich ein köstlicher Gottesdienst sein!
Auch so sind sonst viele Argumente und Gründe, dass die obangezeigten Sprüche der Schrift sich nicht reimen auf die Genugtuungen, davon die Scholastici reden. Sie erdichten und sagen, die satisfactiones seien Werke, die wir nicht schuldig seien. Die Heilige Schrift aber in den Sprüchen, so eingeführt, fordert solche Werke, die wir schuldig sind. Denn dieses Wort Christ, da er sagt: “Tut Buße!” ist ein Word des göttlichen Gebots.
Ferner: die Widersacher schreiben, dass diejenigen, so da beichten, ob sie schon die aufgelegten satisfactiones nicht wollen annehmen, dass sie doch darum nicht sündigen, sondern werden im Fegfeür müssen Strafe tragen und genugtun. Nun hat’s je keinen Zweifel, dass diese Sprüche: “Tut Buße!” usw., item Pauli: “Gebet eure Gliedmaßen, zu dienen der Gerechtigkeit” und dergleichen Sprüche, seien Christi und der Apostel, die das Fegfeür gar nichts, sondern allein dieses Leben angehen. Derhalben können sie nicht gestreckt werden zu den aufgelegten satisfactionibus, die ich mag annehmen oder nicht annehmen; denn Gottes Gebote sind uns nicht also frei heimgestellt usw.
Zum dritten, so lehrt des Papsts Recht und Kanon, dass durch den Ablaß solche satisfactiones werden erlassen, cap. Quum ex eo, de poenitentiis. Aber der Ablaß macht niemand los von diesen Geboten: “Tut Buße, erzeiget rechte Früchte der Buße!” usw., Darum ist es hell am Tage, dass man ganz ungeschickt die Sprüche der Schrift einführt von den satisfactionibus.
Denn so die Pönen [Strafen] des Fegfeürs sind satisfactiones oder satispassiones, oder so die satisfactiones sind Quittierung der Pein des Fegfeürs, so müssen die obangezeigten Sprüche Christi und Pauli auch beweisen und probieren [dartun], dass die Seelen ins Fegfeür fahren und daselbst Pein leiden. So nun das von Not folgt aus den Widersacher Opinion, so müssen die Sprüche alle neü Röcke anziehen und also ausgelegt werden: Facite fructus etc., “erzeiget rechte Früchte der Buße”, das ist: Leidet im Fegfeür nach diesem Leben.
Aber es ist verdrießlich, so von öffentlichem Irrtum der Widersacher mehr Worte zu machen. Denn man weiß fürwahr, dass die Schrift an den Orten redet von Werken, die wir schuldig sind, und von dem ganzen neün Leben eines Christen usw., nicht von den erdichteten Werken, die wir nicht schuldig sind, davon die Widersacher reden. Und doch mit diesen Lügen verteidigen sie die Möncherei, das Kaufen und Verkaufen der Messen und unzählige unsere Traditionen, nämlich, dass es Werke seien, genugzutun für die Pön und Strafe, ob sie gleich für die Schuld gegen Gott nicht genugtun.
So nun die Sprüche, aus der Schrift angezogen, gar nicht melden, dass durch die Werke, so wir nicht schuldig [sind], die ewige Pein oder Fegfeür bezahlt werden, so sagen die Widersacher ohne allen Grund, dass durch solche satisfactiones die Peinen des Fegfeürs abgelöst werden. So haben auch die Schlüssel nicht Befehl, Pein aufzulegen oder die Pein zum Teil, halb oder ganz, zu quittieren. Man liest solche Träume und Lügen nirgend in der Schrift. Christus redet von Vergebung der Sünden, da er sagt: “Was ihr auflöset” usw. Wenn die Sünde vergeben ist, so ist auch der Tod weggenommen und das ewige Leben gegeben. Auch so redet der Text: “Was ihr auflöset” usw., nicht von Strafe auflegen, sondern dass auf denjenigen die Sünden bleiben, die sich nicht bekehren.
Obwohl wir nun halten, dass nach der rechten Buße gute Früchte und Werke folgen sollen, Gott zu Lob und Dank, und von denselben guten Werken und Früchten haben wir Gottes Gebote, als von Fasten, Beten, Almosen usw.: so findet man doch nirgend in der Schrift, dass Gottes Zorn oder die ewigen Peinen sollten mögen abglöst werden durch die Pein des Fegfeürs oder durch satisfactiones oder Genugtun, das ist, durch etliche Werke, die wir ohnedas nicht schuldig wären, oder dass die Gewalt der Schlüssel Befehl haben, Pein aufzulegen oder einen Teil der Pein zu erlassen. Dasselbe sollten nun die Widersacher aus der Schrift beweisen; das werden sie wohl lassen.
Darüber so ist es gewiß, dass Christus’ Tod eine Genugtuung ist nicht allein für die Schuld gegen Gott, sondern auch für den ewigen Tod, wie klar der Spruch Hoseas lautet: “Tod, ich will dein Tod sein.” Was ist es denn für ein Greül, zu sagen, dass Christi Tod genugtü für die Schuld gegen Gott, aber die Pein, so wir leiden, die erlöse uns vom ewigen Tode, also dass dies Wort des Propheten: “Tod, ich will dein Tod sein” nicht Christo, sondern von unsern Werken, und dazu von elenden menschlichen Satzungen, die Gott nicht geboten hat, sollen verstanden werden!
Und noch darüber dürfen sie sagen, dass dieselben Werke für den ewigen Tod genugtun, wenn sie gleich in Todsünden geschehen. Es muss billig einem frommen Herzen weh tun die ganz ungeschickte Rede der Widersacher. Denn wer es liest und bedenkt, dem müssen je herzlich weh tun solche öffentliche Teufelslehren, die der leidige Satan in die Welt gestreut hat, die rechte Lehre des Evangelii unterzudrücken [zu unterdrücken], damit niemand oder wenige möchten unterrichtet werden, was Gesetz oder Evangelium, was Buße oder Glaube oder was die Wohltaten Christi seien.
Denn vom Gesetz sagen sie also: Gott hat unsere Schwachheit angesehen und hat dem Menschen ein Ziel und Maß gesetzt der Werke, welche er zu tun schuldig ist; das sind die Werke der zehn Gebote usw., dass er von dem übrigen, von den operibus supererogationis, das ist, von den Werken, die er nicht schuldig ist, möchte genugtun für seine Fehle und Sünden. Da erdichten sie ihnen selbst einen Traum, als vermöge oder könne ein Mensch also Gottes Gesetz erfüllen, dass er etwas mehr und übriges tü, denn das Gesetz erfordert, so doch die ganze Heilige Schrift zeugt, alle Propheten auch zeugen, dass Gottes Gesetz viel Höheres fordere, denn wir immer [je] zu tun vermögen. Aber sie wollen wähnen, das Gesetz Gottes und Gott sei zufrieden mit äußerlichen Werken, und sehen nicht, wie das Gesetz fordert, dass wir Gott lieben sollen von ganzem Herzen usw. und aller bösen Lüste los sein. Darum ist kein Mensch auf Erden, der so viel tut, als das Gesetz erfordert. Darum ist’s bei Verständigen ganz närrisch und kindisch anzusehen, dass sie erdichten wir können noch etwas mehr tun, denn das göttliche Gesetz erfordert. Denn obwohl wir die armen, äußerlichen Werke tun können, die nicht Gott, sondern Menschen geboten haben, welche Paulus bettelische Satzungen nennt, so ist doch das ein närrisch, vergeblich Vertraün, dass ich vertraün wollte, ich hätte damit Gottes Gesetz erfüllt, ja mehr getan, denn Gott erfordert. Ferner: rechte Gebete und rechte Almosen, rechte Fasten, die sind von Gott geboten, und im Fall, da sie von Gott geboten sind in Gottes Gesetz, sondern haben eine Form nach menschlicher Wahl, so sind sie nichts denn Menschensatzungen, von welchen Christus sagt: “Sie dienen mir vergeblich mit Menschengeboten.” Wie denn sind etliche gewisse Fasten, nicht dazu erfunden, das Fleisch zu zähmen, sondern damit Gott zu ehren und, wie Scotus sagt, des ewigen Todes los zu werden. Ferner: wie denn sind etliche Gebete, etliche gewisse Almosen, welche sollen ein Gottesdienst sein, welcher ex opere operato Gott versöhne und von ewiger Verdammnis erlöse. Denn sie sagen und lehren, dass solche Werke ex opere operato, das ist, durchs getane Werk, für die Sünde genugtun, und lehren, dass solche Satisfaktion gelte, obgleich einer in Todsünden liegt.
Darüber sind noch Werke, die noch weniger göttlichen Befehl oder Gebot haben, als da sind Rosenkränze, Wallfahrten, welche denn mancherlei sind. Denn etliche gehen in vollem Harnisch zu St. Jakob, etliche mit bloßen Füßen und dergleichen. Das nennt Christus vergebliche, unnütze Gottesdienste. Darum sind sie nicht nütze, Gott zu versöhnen, wie doch die Widersacher sagen, und dieselben Werke, als Wallfahrten, rühmen sie doch und achten’s für große, köstliche Werke, nennen es opera supererogationis, und, das schändlicher ist, das noch gotteslästerlicher ist, man gibt ihnen die Ehre, die Christi Tod und Blut allein gebührt, dass sie sollen das pretium, das ist, der Schatz, sein, damit wir von dem ewigen Tod erlöst sind. Pfui des leidigen Teufels, der Christus’ heiligen und teuren Tod so schmähen und lästern darf!
Also werden dieselben Wallfahrten vorgezogen den rechten Werken, so in den zehn Geboten sind ausgedrückt, und wird also [auf] zweierlei Weise Gottes Gesetz verdunkelt: erstlich, dass sie wähnen, sie haben dem Gesetz genuggetan, so sie die äußerlichen Werke getan haben; zum andern, dass sie die elenden Menschensatzungen höher achten denn die Werke, so Gott geboten hat.
Darüber wird auch unterdrückt die Lehre von der Buße und Gnade. Denn der ewige Tod und die Ëngste der Hölle lassen sich nicht also quittieren, wie sie wähnen wollen. Man muss gar viel einen andern und größeren Schatz haben, dadurch wir vom Tode, ewigen Ëngsten und Schmerzen erkauft werden, denn unsere Werke sind. Denn solche Werkheiligkeit ist ein müßig Ding, und die Werkheiligen schmecken nicht einmal, was der Tod ist, sondern wie Gottes Zorn nicht anders mag noch kann überwunden werden denn durch den Glauben an Christum, also wird auch der Tod überwunden allein durch Christum, wie Paulus sagt: “Gott sei Lob, der uns Sieg gibt durch Jeum Christum, unsern Hern.” Er sagt nicht: der uns Sieg gibt durch unsere Genugtuung.
Die Widersacher reden fast [=sehr] kalt und schläfrig von der Vergebung der Sünden gegen Gott und sehen nicht, dass Vergebung solcher Schuld und Erlösung von Gottes Zorn und ewigem Tods ein solch groß Ding ist, dass solches allein durch den einigen Mittler Christum und durch den Glauben an ihn erlangt wird. So nun der Tod und das Blut Christi die rechte Bezahlung ist für den ewigen Tod, und die Widersacher selbst bekennen, dass solche Werke der Satisfaktion Werke seien, die wir nicht schuldig sind, sondern Menschensatzungen, von welchen Christus Matth. am 15. sagt, dass es vergebliche Gottesdienste seien, so mögen wir frei auch aus ihren eigenen Worten schließen, dass solche satisfactiones nicht von Gott geboten sind, auch ewige Pein und Schuld oder Pein des Fegfeürs nicht ablösen.
Es werden die Widersacher vielleicht uns hier vorwerfen, dass die Pein und Strafe eigentlich zur Buße gehöre. Denn Augustinus sagt, “die Buße sei eine Rache, Angst und Strafe über die Sünde”. Antwort: unsere Widersacher sind grobe Esel, dass sie die Worte Augustini, der da redet von der Reü und ganzen Buße, deuten auf die Zeremonie der Satisfaktion und weiter noch daran hängen, dass solche satisfactio soll verdienen Vergebung des ewigen Todes. Wir lehren auch, dass in der Buße Strafe der Sünden sei; denn die großen Schrecken, dadurch die Sünde in uns gerichtet wird, ist eine Strafe, viel größer und höher denn Wallfahrten und dergleichen Gaukelspiel. Aber solch Schrecken geht die satisfactiones nicht an, so verdient es auch nicht Vergebung der Sünden oder des ewigen Todes, sondern wo wir nicht durch [den] Glauben getröstet würden, wäre solch Schrecken und Strafe eitel Sünde und Tod. Also lehrt Augustinus von der Strafe. Aber unsere Widersacher, die groben Esel, wissen gar nicht, was Buße oder Reü sei, sondern gehen mit ihrem Gaukelspiel um, mit Rosenkränzen, Wallfahrten und dergleichen.
Aber da sprechen sie: Gott, als [da] er ein gerechter Richter ist, muss die Sünde ohne Strafe nicht lassen. Ja, wahrlich straft er die Sünde, wenn er in solchem Schrecken die Gewissen so stark mit seinem Zorn drängt und ängstet, wie David im 6. Psalm sagt: “HErr, strafe mich nicht in deinem Grimm!” Und Jeremias am 10. Kapitel: “Strafe mich, Her, doch mit Gnaden, nicht in deinem Grime, dass ich nicht vergehe.” Da redet er wahrlich von großer, unsäglicher Angst, und die Widersacher selbst bekennen, die Reü könne so bitter und geschwind [heftig] sein, dass die Satisfaktion nicht not sei. Darum ist die contritio oder Reü gewisser eine Pein denn die satisfactio.
Darüber müssen die Heiligen den Tod, allerlei Kreuz und Trübsal tragen wie die andern; wie Petrus sagt 1 Petr. 4: “Es ist Zeit, das Gericht anzufangen an dem Hause Gottes.” Und obwohl dieselben Trübsale oft Pön und Strafe sind über die Sünde, so haben sie doch in den Christen eine andere Ursache, nämlich dass sie sollen die Christen treiben und üben, dass sie in Anfechtung merken ihren schwachen Glauben und lernen Gottes Hilfe und Trost suchen, wie Paulus von ihm selbst sagt 2 Kor 1: “Da wir über die Maßen beschweret waren und über Macht, also dass wir bei uns beschlossen hatten, wir müßten sterben, damit wir lerneten nicht auf uns vertraün.” Und Jesaias sagt: “Die Not und Angst, darin sie stecken und dich anrufen, ist ihnen eine Zucht”, das ist, die Trübsal ist die Kinderzucht, dadurch Gott übt die Heiligen.
Ferner: die Trübsale auch schickt uns Gott zu, die Sünde in uns, so noch übrig ist, zu töten und zu dämpfen, dass wir im Geist verneürt werden; wie Paulus Röm. 8 sagt: “Der Leib ist tot um der Sünde willen”, das ist, er wird täglich mehr und mehr getötet um der Sünde willen, die noch im Fleisch übrig ist, und der Tod selbst dient dazu, dass er des sündlichen Fleisches ein Ende mache, und dass wir gar heilig und verneürt aufstehen von [den] Toten.
Von diesen Trübsalen und Pönen werden wir nicht los durch die satisfactiones; derhalben kann man nicht sprechen, dass die satisfactiones gelten für solch Kreuz und Trübsal und zeitliche Strafen der Sünden wegnehmen. Denn dies ist gewiß, dass die Gewalt der Schlüssel niemand frei, los absolvieren kann vom Kreuz oder von andern gemeinen Trübsalen. Und so sie wollen, dass das Wort poenae, dadurch genuggetan wird, solle von gemeinen Trübsalen verstanden werden, wie lehren sie denn, man müsse im Fegfeür genugtun?
Sie werfen uns Exempel vor von Adam und David, welcher um seines Ehebruchs willen gestraft ist. Aus den Exempeln mache sie eine Regel, dass jegliche Sünde müsse ihre gewisse zeitliche Strafe haben, ehe die Sünden vergeben werden.
Ich habe vor [hin] gesagt, dass die Christen Trübsal leiden, dadurch sie gezüchtigt werden, so leiden sie Schrecken im Gewissen, manchen Kampf und Anfechtung. Also legt unser Hergott auch etliches Sündern eigene Pön und Strafe auf zu einem Exempel. Und mit den Pönen hat die Gewalt der Schlüssel nichts zu tun, sondern allein Gott hat sie aufzulegen und zu lösen, wie er will. Es folgt auch gar nicht, ob [weil] David eine eigene Strafe aufgelegt ist, dass darum über das gemeine Kreuz und Trübsal aller Christen noch eine Pein des Fegfeürs sei, da eine jegliche Sünde ihren Grad und Maß der Pein hat.
Denn es ist nirgend in der Schrift zu finden, dass wir von ewiger Pein und Tod nicht sollten können erlöst werden denn durch solche Quittierung unsers Leidens und Genugtuns. Aber allenthalben zeugt die Schrift, dass wir Vergebung der Sünden ohne Verdienst erlangen durch Christum, und dass Christus allein die Sünde und den Tod überwunden hat. Darum sollen wir unser Verdienst nicht daran pletzen [annähen] und flicken. Und obwohl Christen allerlei Pön, Strafe und Trübsal leiden müssen, so zeigt doch die Schrift an, dass solche uns aufgelegt werden, den alten Adam zu töten und zu demütigen, nicht damit uns von dem ewigen Tod zu lösen.
Hiob wird entschuldigt in der Schrift, dass er nicht geplagt sei um einiger bösen Taten willen. Darum sind die Trübsale und Anfechtungen nicht allezeit göttlichen Zornes Zeichen, sondern man muss die Gewissen fleißig unterrichten, dass sie die Trübsale lernen gar viel anders ansehen, nämlich als Gnadenzeichen, dass sie nicht denken, Gott habe sie von sich gestoßen, wenn sie in Trübsalen sind. Man soll die andern rechten Früchte des Kreuzes ansehen, nämlich dass Gott uns angreift und darum ein fremd Werk tut, wie Jesaias sagt, damit er sein eigen Werk in uns haben möge; wie er denn davon eine lange, tröstliche Predigt macht im 28. Kapitel.
Und da die Jünger fragten von dem Blinden, Joh. 9, sagt Christus, dass weder des Blinden Eltern noch er gesündigt habe, sondern Gottes Ehre und Werke müßten offenbart werden. Und also sagt auch Jeremias der Prophet: “Diejenigen, so nicht schuld dran haben, sollen auch den Kelch trinken” usw. Also sind die Propheten erwürgt, also ist Johannes Baptista getötet und andere Heilige.
Darum sind die Trübsale nicht allzeit Strafen oder Pönen für die vorigen Sünden, sondern sind Gottes Werke zu unserm Nutz gerichtet, dass Gottes Stärke und Kraft in unserer Schwachheit desto klarer erkannt werde, wie er mitten im Tode helfen kann usw. Also sagt Paulus: “Gottes Kraft und Stärke läßt sich in Schwachheit erfahren und sehen.” Darum sollen wir unsere Leiber opfern in Gottes Willen, unsern Gehorsam und Geduld zu erzeigen, nicht von dem ewigen Tode oder ewiger Pein uns zu erlösen. Denn da hat Gott einen andern Schatz verordnet, nämlich den Tod seines Sohnes, unsers Hern Christi.
Und also legt St. Gregorius das Exempel Davids aus, da er sagt: “So Gott um derselben Sünde willen ihm gedräut hat, dass er also von seinem eigenen Sohn sollte gedemütigt werden, warum hat er denn solches ergehen lassen, da die Sünde schon vergeben war? Ist zu antworten, dass die Vergebung geschehen ist, dass der Mensch nicht verhindert würde, das ewige Leben zu empfangen. Die gedräute Strafe ist nichtsdestoweniger gefolgt, dass er ihn prüfte und in Demut behielte. Also hat auch Gott dem Menschen den natürlichen Tod aufgelegt und denselben auch, als die Sünde vergeben, nicht weggenommen, damit bewährt werden und geprüft diejenigen, welchen Sünde vergeben und sie geheiligt werden.”
Nun ist öffentlich, dass die Schlüssel diese gemeine Strafe, als Krieg, Teurung und dergleichen Plagen, nicht wegnehmen; item, dass auch canonicae satisfactiones uns nicht losmachen von solchen Plagen, also dass unsere satisfactiones dafür helfen oder gelten sollten, wenn wir schon in Todsünden liegen. Auch bekennen die Widersacher selbst, dass sie die satisfactiones auflegen nicht für solche gemeine Plagen, sondern für das Fegfeür. Darum sind ihre satisfactiones eitel erdichtete Träume.
Aber hier ziehen etliche den Spruch Pauli an 1 Kor. 11: “So wir uns selbst richteten, so würden wir nicht gerichtet.” Daraus schließen sie: so wir uns selbst Strafe auflegten, würde Gott gnädiger strafen. Antwort: Paulus redet von Besserung des ganzen Lebens, nicht von äußerlicher Strafe und Zeremonie, darum tut dieser Spruch nichts zur Satisfaktion. Denn was fragt Gott nach der Strafe ohne Besserung? Ja, es ist eine greuliche Gotteslästerung, dass man lehrt, unsere Satisfaktion lindert Gottes Strafe, wenn sie schon in Todsünden geschieht. Paulus redet von Reü und Glauben und von der ganzen Besserung, redet nicht von der äußerlichen Strafe allein. Darum kann man hieraus nicht mehr erzwingen denn: so wir uns bessern, so wende Gott seine Strafe ab. Das ist wahr und ist nützlich, tröstlich und not zu predigen, dass Gott die Strafe lindert, wenn wir uns bessern, wie er mit Ninive tat. Und also lehrt Jesaias im 1. Kapitel: “Wennschon eure Sünden blutrot sind, sollen sie dennoch ab und schneeweiß sein, wenn ihr euch bessert.”
Und diese Besserung steht nicht in der canonica satisfactione, sondern in andern Stücken der Buße, in Reü, im Glauben, in guten Werken, so folgen nach dem Glauben. Aber unsere Widersacher deuten diese tröstlichen Sprüche auf ihre Lügen und Gaukelspiel von der Satisfaktion.
Dass aber die alten Lehrer und Väter der Satisfaktion gedenken, dass die Concilia von den satisfactionibus Canones gemacht, habe ich droben gesagt, es sei eine äußerliche Zeremonie gewesen, und ist der Väter Meinung nicht gewesen, dass dieselbe Zeremonie der Buße sollte ein Auslöschen sein der Schuld gegen Gott oder der Pein. Denn so etliche Väter gleich sind, die des Fegfeürs gedenken, so legen sie es doch selbst auf: ob es auch wäre, so sei es doch nicht Erlösung von ewigem Tod und Pein, welches Christus allein tut, sondern dass es ein Reinigen und Fegen sei (wie sie reden) der unvollkommenen Seelen. Also sagt Augustinus: “Die täglichen Sünden werden verbrannt und ausgelöscht, also schwacher Glaube gegen Gott und dergleichen” usw.
Man findet auch an etlichen Orten, dass die Väter das Word satisfactio oder Genugtuung, welches ursprünglich von der Zeremonie der öffentlichen Pönitenz herkommt, wie ich gesagt, brauchen für rechte Reü und Tötung des alten Adams. Also sagt Augustinus [Gennadius von Massilia]: “Die rechte satisfactio oder Genugtuung ist, Ursachen der Sünden abschneiden, das ist, das Fleisch töten” usw. item, “das Fleisch zähmen und kasteien; nicht dass ewiger Tod oder Pein damit quittiert werde, sondern dass uns das Fleisch nicht zu Sünden ziehen möge”.
Also sagt Gregorius von Wiedergeben fremder Güter, dass es eine falsche Buße sei, wenn denjenigen nicht genug geschieht, deren Güter wir mit Unrecht innehaben. Denn den gereüt’s nicht, dass er gestohlen hat, der noch immer stiehlt. Denn solange er fremd Gut innehat, so lange ist er ein Dieb oder Räuber. Dieselbe satisfactio gegen die, so einer schuldig ist, soll gegen dieselben geschehen, und von derselben civili satisfactione ist nicht not, hier zu disputieren.
Ferner: die Väter schreiben, dass es genug sei, dass einmal im ganzen Leben geschehe die publica Pönitenz oder die öffentliche Buße, davon die canone satisfactionum gemacht sind. Daraus kann man merken, dass ihre Meinung nicht gewesen, dass dieselben Canones nötig sein sollten zur Vergebung der Sünden. Denn ohne dieselben Zeremonien der öffentlichen Buße lehren sie sonst viel von der christlichen Buße, da sie der canones satisfactionum nicht gedenken.
Die Esel so die Konfutation gestellt haben, sagen, es sei nicht zu leiden, dass man die satisfactiones wider das öffentliche Evangelium wolle abtun. Wir haben aber bisanher klar genug angezeigt, dass dieselben canonicae satisfactiones, das ist, solche Werke wie sie davon reden, so wir nicht schuldig sind, in der Schrift oder Evangelio nicht gegründet sind.
So zeigt das die Sache an ihr selbst an. Dann wenn die satisfactiones Werke sind, die man nicht schuldig ist, warum sagen sie, wir lehren wider das klare Evangelium? Dann so im Evangelio stünde, dass die ewigen Pein und Tod weggenommen würden durch solche Werke, so wären es Werke, die man vor Gott zu tun schuldig wäre. Aber sie reden also, dass sie den Unerfahrenen einen Schein vor der Nase machen, und ziehen Sprüche der Heiligen Schrift an, welche von rechten christlichen Werken, die wir schuldig sind, reden, so sie doch ihr Genugtun gründen auf Werke, die wir nicht schuldig sind, und welche sie opera non debita nennen. Sie lehren und geben selbst nach in ihren Schulen, dass man ohne Todsünde solche Satisfaktionen könne nachlassen. Darum ist das falsch, dass sie sagen, das klare Evangelium vermöge [verfüge, gebiete], man müsse die satisfactiones halten.
Weiter haben wir nun oft gesagt, dass rechtschaffene Buße ohne gute Werke und Früchte nicht sein könne, und was rechte gute Werke seien, lehren die zehn Gebote, nämlich Gott den Herrn wahrlich und von Herzen am höchsten groß achten, fürchten und lieben, ihn in Nöten fröhlich anrufen, ihm allezeit danken, sein Wort bekennen, dasselbe Wort hören, auch andere dadurch trösten, lehren, Eltern und Obrigkeit gehorsam sein, seines Amts und Berufs treulich warten, nicht bitter, nicht [ge]hässig sein, nicht töten, sondern tröstlich, freundlich sein dem Nächsten, den Armen nach Vermögen helfen, nicht huren, nicht ehebrechen, sondern das Fleisch allenthalben im Zaum halten. Und das alles, nicht für den ewigen Tod oder ewige Pein genugzutun, welches Christo allein gebührt, sondern also zu tun, damit dem Teufel nicht Raum gegeben werde und Gott erzürnt und der Heilige Geist betrübt und geunehrt werde. Diese Früchte und guten Werke hat Gott geboten, haben auch ihre Belohnung, und um Gottes Ehre und göttlichen Gebots willen sollen sie auch geschehen. Dass aber die ewigen Peinen nicht anders erlassen werden denn allein durch Genugtun im Fegfeür oder etliche gute Werke menschlicher Traditionen, da sagt die Heilige Schrift nirgend von.
Durch den Ablaß werden etwa solche aufgelegte Buße und Satisfaktion quittiert den publice poenitentibus oder Büßern, dass die Leute nicht zu sehr beschwert werden. Haben nun Menschen Macht, die satisfactiones und aufgelegten Strafen oder Pönen zu erlassen, so ist solche satisfactio von Gott nicht geboten. Denn göttlichen Befehl und Gebot kann ein Mensch nicht abtun. Nachdem aber die alte Weise der öffentlichen Buße und Genugtuung ist vorlängst abgetan, welches die Bischöfe von einer Zeit auf die andere haben geschehen lassen, ist des Ablasses nicht vonnöten, und ist doch der Name indulgentia oder Ablaß in der Kirche geblieben. Gleichwie nun das Wort satisfactio ist anders verstanden denn für eine Kirchenordnung und Zeremonie, also hat man dies Wort Indulgenz oder Ablaß auch unrecht gedeutet und ausgelegt für solche Gnade und Ablaß, durch welchen die Seelen aus den Fegfeür erlosest werden,
so doch die ganze Gewalt der Schlüssel in der Kirche nicht weiter sich erstreckt denn allein hier auf Erden, wie der Text lautet: “Was du binden wirst auf Erden, das soll gebunden sein im Himmel; was du auflösen wirst auf Erden, das soll aufgelöst sein im Himmel.” So ist die Gewalt der Schlüssel nicht eine solche Gewalt, sonderliche eigene Strafen oder Gottesdienst aufzurichten, sondern allein Sünden zu vergeben denjenigen, so sich bekehren, und zu verbannen [bannen] diejenigen, so sich nicht bekehren. Denn auflösen an dem Ort heißt Sünden vergeben, binden heißt Sünden nicht vergeben. Denn Christus redet von einem geistlichen Reich, und Gott hat befohlen, diejenigen, so sich bekehren, von Sünden zu entbinden, wie Paulus sagt: “Die Gewalt ist uns gegeben zu erbaün und nicht zu brechen.”
Darum ist auch die reservatio casuum, das ist, darin der Papst und die Bischöfe etliche Fälle vorbehalten, ein äußerlich, weltlich Ding. Denn sie behalten ihnen vor die Absolution a poena canonica, nicht von der Schuld gegen Gott. Darum lehren die Widersacher recht, da sie selbst bekennen und sagen, dass an [in] der Todesstunde eine solchereservatio oder Vorbehaltung nicht solle hindern die rechte christliche Absolution.
Hiermit haben wir die Summa unserer Lehre von der Buße angezeigt und wissen fürwahr, dass dieselbe christlich und frommen Herzen ganz nützlich ist und hoch vonnöten. Und so gottesfürchtige, fromme, ehrbare Leute diesen allerwichtigsten Handel nach Notdurft bedenken werden und diese unsere, ja Christi und der Apostel Lehre halten gegen so viele ungeschickte, verworrene, kindische Disputationen und Bücher der Widersacher, so werden sie befinden, dass sie das allerhöchste, nötigste Stück, nämlich vom Glauben an Christum, ohne welches niemand etwas Rechtschaffenes, Christliches lehren oder lernen mag, gar haben ausgelassen, dadurch allein die Gewissen mögen rechten Trost haben. Die werden auch sehen, dass die Widersacher viel aus eigenem Hirn erdichten von Verdienst der Attrition, von der Erzählung der Sünden, von Genugtuung, welches alles in der Schrift ungegründet und weder oben noch unten anreicht, welches die Widersacher selbst nicht verstehen.