Artikel XVIII. Vom freien Willen
Den XVIII. Artikel nehmen die Widersacher an vom freien Willen, obwohl sie etliche Sprüche der Schrift anziehen, die sich zu der Sache nicht reimen. Auch machen sie ein groß Geschrei davon, dass, [wie] man den freien Willen nicht solle zu hoch heben wie die Pelagianer, so soll man ihm nicht zu viel nehmen mit den Manichäern.
Ja alles wohl geredet. Was ist aber für Unterschied zwischen den Pelagianern und unsern Widersachern, so sie beide lehren, dass die Menschen ohne den Heiligen Geist können Gott lieben, Gottes Gebote halten quoad substantiam actuum, das ist, die Werke können sie tun durch natürliche Vernunft, ohne den Heiligen Geist, dadurch sie die Gnade Gottes verdienen?
Wie viele, unzählige Irrtümer erfolgen aus dieser pelagianischen Lehre, die sie gleichwohl in ihren Schulen gar stark treiben und predigen! Dieselben Irrtümer widerficht Augustinus aus Paulo aufs heftigste, welches [dessen] Meinung wir oben De iustificatione gesetzt. Und wir sagen auch, dass die Vernunft etlichermaßen einen freien Willen hat.
Denn in den Dingen, welche mit der Vernunft zu fassen, zu begreifen sind, haben wir einen freien Willen. Es ist etlichermaßen in uns ein Vermögen, äußerlich ehrbar zu leben, von Gott zu reden, einen äußerlichen Gottesdienst oder heilige Gebärde zu erzeigen, Obrigkeit und Eltern zu gehorchen, nicht [zu] stehlen, nicht [zu] töten. Denn weil nach Adams Fall gleichwohl bleibt die natürliche Vernunft, dass ich Böses und Gutes kenne in den Dingen, die mit Sinnen und Vernunft zu begreifen sind, so ist auch etlichermaßen unsers freien Willens Vermögen, ehrbar oder unehrbar zu leben. Das nennt die Heilige Schrift die Gerechtigkeit des Gesetzes oder Fleisches, welche die Vernunft etlichermaßen vermag ohne den Heiligen Geist,
obwohl die angeborne böse Lust so gewaltig ist, dass die Menschen öfter derselben folgen denn der Vernunft, und der Teufel, welcher, wie Paulus sagt, kräftiglich wirkt in den Gottlosen, reizt ohne Unterlaß die arme, schwache Natur zu allen Sünden. Und das ist die Ursache, warum auch wenig der natürlichen Vernunft nach ein ehrbar Leben führen, wie wir sehen, dass auch wenig Philosophi, welche doch danach heftig sich bemüht, ein ehrbar äußerlich Leben recht geführt haben.
Das ist aber falsch und erdichtet, dass diejenigen sollten ohne Sünde sein, die solche Werke tun außerhalb der Gnade, oder dass solche gute Werke de congruo Vergebung der Sünden und Gnade verdienen sollten. Denn solche Herzen, die ohne den Heiligen Geist sind, die sind ohne Gottesfurcht, ohne Glauben, Vertraün, glauben nicht, dass Gott sie erhöre, dass er ihre Sünden vergebe, dass er ihnen in Nöten helfe. Darum sind sie gottlos. Nun kann “ein böser Baum nicht gute Frucht tragen”, und “ohne Glauben kann niemand Gott gefallen.”
Darum, ob wir gleich nachgeben, dass in unserm Vermögen sei, solch äußerlich Werk zu tun, so sagen wir doch, dass der freie Wille und Vernunft in geistlichen Sachen nichts vermag, nämlich Gott wahrlich [wahrhaft] glauben, gewiß sich zu verlassen, dass Gott bei uns sei, uns erhöre, unsere Sünden vergebe usw. Denn das sind die rechten, hohen edelsten guten Werke der ersten Tafel in [den] zehn Geboten; die vermag kein Menschenherz ohne des Heiligen Geistes Licht und Gnade [zu tun], wie Paulus sagt zu den Korinthern: “Der natürliche Mensch vernimmt nichts vom Geist Gottes.” Das ist, ein Mensch, der nicht erleuchtet ist durch Gottes Geist, vernimmt gar nichts aus natürlicher Vernunft von Gottes Willen oder göttlichen Sachen.
Und das empfinden die Menschen, wenn sie ihr Herz fragen, wie sie gegen Gottes Willen gesinnt seien, ob sie auch gewiß dafürhalten, dass Gott ihrer wahrnehme und sie erhöre. Denn solches gewiß zu glauben und also auf einen unsichtbaren Gott sich ganz [zu] verlassen und, wie Petrus sagt, 1. Ep. 1, 8, den Christum, den wir nicht sehen, [zu] lieben und groß [zu] achten, das kommt auch die Heiligen schwer an; wie sollte es denn in [den] Gottlosen leicht sein? Dann heben wir an recht zu glauben, wenn unsere Herzen erst erschreckt werden und durch Christum wieder aufgerichtet, da wir durch den Heiligen Geist neugeboren werden, wie oben gesagt.
Darum ist’s gut, dass man dieses klar unterscheidet, nämlich, dass die Vernunft und freier Wille vermag, etlichermaßen äußerlich ehrbar zu leben; aber neugeboren werden, inwendig ander Herz, Sinn und Mut kriegen, das wirkt allein der Heilige Geist. Also bleibt weltliche, äußerliche Zucht; denn Gott will ungeschicktes, wildes, freches Wesen und Leben nicht haben, und wird doch ein rechter Unterschied gemacht unter äußerlichem Weltleben und Frömmigkeit und der Frömmigkeit, die vor Gott gilt, die nicht philosophisch äußerlich ist, sondern inwendig im Herzen.
Und diesen Unterschied haben wir nicht erdichtet, sondern die Heilige Schrift setzt solches klar. So handelt’s auch Augustinus,. Und ist neulich von Guilielmo Parisiensi auch fleißig geschrieben und gehandelt. Aber diejenigen, die ihnen [sich] selbst erdichten und erträumen, als vermöchten die Menschen Gottes Gesetz zu halten ohne den Heiligen Geist, und als werde der Heilige Geist uns Gnade geben in Ansehung unsers Verdienstes, haben diese nötige Lehre schändlich unterdrückt.