Artikel XXII. Von beiderlei Gestalt im Abendmahl
Es hat keinen Zweifel, dass es göttlich ist und recht und dem Befehl Christi und den Worten Pauli gemäß, beiderlei Gestalt im Abendmahl [zu] brauchen. Denn Christus hat beiderlei Gestalt eingesetzt, nicht allein für einen Teil der Kirche, sondern für die ganze Kirche. Denn nicht allein die Priester, sondern die ganze Kirche braucht des Sakraments aus Befehl Christi, nicht aus Menschenbefehl; Und das müssen die Widersacher bekennen.
So nun Christus für die ganze Kirche das ganze Sakrament hat eingesetzt, warum nehmen sie denn der Kirche die eine Gestalt? Warum ändern sie die Ordnung Christi, besonders so er es sein Testament nennt? Denn so man eines Menschen Testament nicht soll brechen, viel weniger soll man das Testament Christi brechen.
Und Paulus sagt: “Ich habe es von dem Herrn empfange, das ich euch gegeben habe.” Nun hat er ihnen je beide[rlei] Gestalt gegeben, wie der Text klar anzeigt, 1 Kor. 11: “Das tut”, sagt er, “zu meinem Gedächtnis.” Da redet er vom Leibe. Danach [wied]erholt er dieselben Worte vom Blut Christi und sagt bald hernach: “Es prüfe sich aber der Mensch selbst und esse also von dem Brote and trinke also vom Kelche” usw. Da nennt er sie beide. Das sind die klaren Worte des Apostels Pauli, und er macht eine Vorrede kurz zuvor, dass diejenigen, so das Sakrament brauchen wollen, sollen es in einem Abendmahl zugleich brauchen.
Darum ist’s gewiß, dass [es] nicht allein für die Priester, sondern für die ganze Kirche ist eingesetzt. Und solcher Gebrauch wird auch heutigestags gehalten in der griechischen Kirche; so ist er auch in den lateinischen oder römischen Kirchen gewesen, wie Cyprianus und Hieronymus zeugen. Denn also sagt Hieronymus über den Propheten Sophonia [Zephanja]: “Die Priester, so das Sakrament reichen und das Blut Christi dem Volk austeilen” usw. Dasselbe zeugt auch Synodus Toletana.
Und es wäre fast [sehr] leicht, viele Sprüche und Zeugnisse hier einzuführen; wir wollen’s aber um [der] Kürze willen unterlassen. Denn ein jeglicher christliche Leser wird selbst bedenken können, ob sich’s gebühre, [die] Ordnung und Einsetzung Christi zu verbieten und zu ändern.
Wie Widersacher gedenken gar nicht in ihrer Konfutation, wie derjenigen Gewissen zu trösten oder zu entschuldigen seien, denen unter dem Papsttum eine Gestalt entzogen ist. Dieses hätte gelehrten und gottesfürchtigen Doctoribus wohl angestanden, dass sie beständige Ursache hätten angezeigt, solche Gewissen zu trösten. Nun dringen sie darauf, dass es christlich und recht sei, beiderlei Gestalt zu verbieten, und wollen nicht gestatten, beiderlei Gestalt zu gebrauchen.
Für das erste erdichten sie aus ihrem Kopfe, dass im Anfang der Kirche ein Gebrauch gewesen sei, dass man den Laien allein einerlei Gestalt gereicht habe, und können doch des Gebrauchs kein gewiß Exempel anzeigen. Sie ziehen etliche Sprüche aus dem Evangelisten Lukas an von dem Brechen des Brots, da geschrieben steht, dass die Jünger den Herrn erkannt haben im Brotbrechen.
Sie ziehen auch mehr Sprüche von dem Brotbrechen an. Obwohl wir nun nicht hart dawider sind, ob etliche vom Sakrament wollten verstanden werden, so folgt doch daraus nicht, dass nur die eine Gestalt anfänglich gereicht sei. Denn es ist gemein, dass man ein Stück nennt und das Ganze meint. Sie ziehen auch an die laica communio, zu gebrauchen, welches nicht wahr ist. Denn so die Canones auflegen den Priestern, der laica communio zu gebrauchen, meinen sie, dass sie zu einer Strafe nicht selbst konsekrieren sollen, sondern von einem andern gleichwohl beiderlei Gestalt empfangen. Und die Widersacher wissen das selber wohl, aber sie machen also einen Schein den Ungelehrten und Unerfahrenen. Denn wenn dieselben hören das Wort communio laica, denken sie von Stund’ an, es sei eine communio gewesen wie zu unserer Zeit, dass man die Laien mit einerlei Gestalt gespeist habe.
Aber laßt sehen weiter. Wie unverschämt Ding schreiben doch die Widersacher wider Christi Einsetzung und Ordnung! Gabriel unter andern Ursachen, warum den Laien nicht beide Gestalt gereicht werde, setzt auch diese: es habe müssen ein Unterschied sein, sagt er, unter Priestern und Laien. Und ich halte wohl, es sei die größte und vornehmste Ursache, warum sie heutigestags so festhalten, damit der Pfaffenstand heiliger scheine gegen dem [den] Laienstand. Das ist nun ein Menschengedanke; worauf der gehe, ist wohl abzunehmen.
Und in der Konfutation ziehen sie an die Kinder Elis, 1 Sam. 2, da der Text sagt: “Wer übrig ist von deinem Hause, der wird kommen und ihn anbeten um ein Stück Brots und wird sagen: Lieber, laß mich zu einem Priesterteil, dass ich einen Bissen Brots esse” usw. Da, sagen sie, ist die einerlei Gestalt bedeutet, und sagen nun, also sollen auch unsere Laien mit einem Priesterteil, das ist, mit einerlei Gestalt, zufrieden sein. Die Meister der Konfutation sind recht unverschämte, grobe Esel, sie spielen und gaukeln mit der Schrift, wie sie wollen, so die Historien von den Kindern Elis auf das Sakrament deuten. Denn an dem Ort wird beschrieben die ernstliche Strafe über Eli und seine Kinder. Wollen sie denn auch sagen, dass den Laien eine Gestalt werde darum gewehrt zu einer Strafe? Sie sind gar töricht und toll. Das Sakrament ist von Christo eingesetzt, erschrockene Gewissen zu trösten, ihren Glauben zu stärken, wenn sie glauben, dass Christi Fleisch für der Welt Leben gegeben ist, und dass wir durch die Speise mit Christo vereinigt werden, Gnade und Leben haben. Aber die Widersacher schließen also, dass diejenigen, so solch Sakrament in einer Gestaltempfangen, damit also gestraft werden, und sprechen, es sollen und müssen die Laien ihnen [sich] genügen lassen;
das heißt je stolz genug dahergetrotzt. Wie, ihr Herren, dürfen wir auch Ursache fragen, warum sie ihnen [sich] sollen genügen lassen? Oder soll es eitel Wahrheit heißen, was ihr wollt und was ihr sagt? Seht aber Wunder zu, wie unverschämt und frech die Widersacher sind: sie dürfen ihr Wort als eitel Herrengebote setzen, sagen frei, die Laien müssen ihnen [sich] genügen lassen. Wie aber, wenn sie nicht müssen? Sind das nun die Gründe und Ursachen, dadurch diejenigen entschuldigt sollen sein vor Gottes Urteil, die bisanher die Leute von beiderlei Gestalt abgedrungen und unschuldig die Leute darum erwürgt haben? Sollen sie sich damit trösten, dass von [den] Kindern Elis geschrieben: “Sie werden betteln”? Das wird eine faule Entschuldigung sein vor Gottes Gericht.
Doch ziehen sie noch mehr Ursachen an, warum beide[rlei] Gestalt nicht solle gereicht werden, nämlich um Fährlichkeit willen, damit nicht etwa ein Tröpflein aus dem Kelche verschüttet werde.
Dergleichen Träume bringen sie mehr vor, um welcher willen Christus’ Ordnung billig nicht soll geändert werden. Ich will aber gleich setzen, dass frei wäre, einer oder beiderlei Gestalt gebrauchen. Wie wollten sie denn beweisen, dass sie Macht hätten, beiderlei Gestalt zu verbieten? Obwohl auch den Menschen oder der Kirche nicht gebührt, die Freiheit selbst zu machen, oder dass sie auch Christi Ordnung wollten res indifferentes, das ist frei auch beiden Seiten, machen.
Die armen Gewissen, welchen die eine Gestalt mit Gewalt entzogen ist, und solch Unrecht haben leiden müssen, die wollen wir hier nicht richten. Aber diejenigen, so beiderlei Gestalt verboten haben, und doch nicht allein verbeiten, sondern auch also öffentlich lehren, predigen, die Leute darum fangen, erwürgen usw., die laden auf sich Gottes schrecklich Gericht und Zorn, und die wissen wir gar nicht zu entschuldigen; sie mögen sehen, wie sie Gott wollen Rechenschaft geben ihres Vornehmens.
Und es ist auch nicht so bald der Kirche Beschluß, was die Bischöfe und Pfaffen beschließen, besonders so die Schrift und der Prophet Ezechiel sagt: “Es werden Priester und Bischöfe kommen, die kein Gottesgebot noch =gesetz wissen.”