X. Von Kirchengebräuchen
Einleitung
so man Adiaphora oder Mitteldinge nennt.
Von Zeremonien oder Kirchengebräuchen, welche in Gottes Wort weder geboten noch verboten, sondern um guter Ordnung und Wohlstands [Wohlanstands, kirchlicher Schicklichkeit] wiIlen in die Kirche eingeführt, hat sich auch zwischen den Theologen Augsburgischer Konfession ein Zwiespalt zugetragen.
STATUS CONTROVERSIAE
Der Hauptstreit von diesem Artikel.
Die Hauptfrage aber ist gewesen, ob man zur Zeit der Verfolgung und im FaIl des Bekenntnisses, wenn die Feinde des Evangelii sich gleich nicht mit uns in der Lehre vergleichen, dennoch mit unverletztem Gewissen etliche gefaIlene [in Abgang gekommene, abgeschaffte] Zeremonien, so an ihm selbst [so an sich] Mitteldinge und von Gott weder geboten noch Verboten [sind], aus der Widersacher Dringen und Erfordern wiederum ausrichten und sich also mit ihnen in solchen Zeremonien und Mitteldingen vergleichen möge. Der eine Teil hat ja, der andere hat nein dazu gesagt.
AFFIRMATIVA.
Die rechte, wahrhaftige Lehre und Bekenntnis von diesem Artikel.
I. Zur Hinlegung [Beilegung] auch dieses Zwiespalts glauben, lehren und bekennen wir einheIlig, dass die Zeremonien oder Kirchengebräuche, welche im Gottes Wort weder geboten noch verboten, sondern allein um Wohlstands und guter Ordnung wiIlen angesteIlt [eingeführt sind], an ihnen und für sich selbst kein Gottesdienst, auch kein Teil desselben seien; Matth. 16: “Sie ehren mich Umsonst mit menschlichen Geboten.”
- Wir glauben, lehren und bekennen, dass die Gemeinde Gottes jedes Orts und jeder Zeit nach derselben Gelegenheit Macht habe, solche Zeremonien zu ändern, wie es der Gemeinde Gottes am nützlichsten und erbaulichsten sein mag.
- Doch dass hierin aIle Leichtfertigkeit und Ërgernis gemieden, und besonders der Schwachgläubigen mit aIlem Fleiß verschont werde, 1 Kor. 8: Röm. 14.
- Wir glauben, lehren und bekennen, dass zur Zeit der Verfolgung, wenn ein rundes Bekenntnis des Glaubens von uns erfordert [wird], in solchen Mitteldingen den Feinden nicht zu weichen [sei]; wie der Apostel geschrieben: “So bestehet nun in der Freiheit, damit uns Christus befreiet hat, und laßt euch nicht wiederum in das knechtische Joch fangen!” Gal. 5. Item: “Ziehet nicht am fremden Joch! Was hat das Licht für Gemeinschaft mit der Finsternis?” 2 Kor. 6. Item: “Auf dass die Wahrheit des Evangelii bei euch bestünde, wichen wir denselben nicht eine Stunde, untertänig zu sein”, Gal. 2. Denn in solchem FaIle ist es nicht mehr um Mitteldinge, sondern um die Wahrheit des Evangelii, um die christliche Freiheit und um die Bestätigung öffentlicher Abgötterei wie auch um Verhütung des Ërgernisses der Schwachgläubigen zu tun, darin wir nichts zu vergeben haben, sondern rund bekennen und darüber leiden soIlen, was uns Gott zuschickt und über uns den Feinden seines Worts verhängt [über uns verhängt und den Feinden seines Wortes zuläßt].
- Wir glauben, lehren und bekennen auch, dass keine Kirche die andere verdammen soIl, dass eine weniger oder mehr äußerlicher von Gott ungebotener Zeremonien denn die andere hat, wenn sonst in der Lehre und aIlen derselben Artikeln wie auch im rechten Gebrauch der heiligen Sakramente miteinander Einigkeit gehalten [wird], nach dem wohlbekannten Spruch: Dissonantia ieiunii non dissolvit consonantiam fidei. Ungleichheit des Fastens soIl die Einigkeit im Glauben nicht trennen.
NEGATIVA.
Falsche Lehre von diesem Artikel.
Demnach verwerfen und verdammen wir als Unrecht und dem Worte Gottes zuwider, wenn gelehrt wird:
- Dass Menschengebote und Satzungen in der Kirche für sich selbst als ein Gottesdienst oder Teil desselben gehalten werden soIlen.
- Wenn solche Zeremonien, Gebote und Satzungen mit Zwang als notwendig der Gemeinde Gottes wider ihre christliche Freiheit, so sie in äußerlichen Dingen hat, ausgedrungen werden.
- Ferner: dass man zur Zeit der Verfolgung und öffentlichen Bekenntnisses den Feinden des heiligen Evangelii (welches zum Abbruch der Wahrheit dient) in dergleichen Mitteldingen und Zeremonien möge wiIlfahren oder sich mit ihnen vergleichen.
- Ferner: wenn solche äußerliche Zeremonien und Mitteldinge also abgeschafft werden, als soIlte es der Gemeinde Gottes nicht freistehen, nach ihrer guten Gelegenheit, wie es jederzeit der Kirche am nützlichsten, sich eines oder mehrerer in christlicher Freiheit zu gebrauchen.