II. Vom freien Willen
Nachdem des Menschen Wille in vier ungleichen Ständen gefunden, nämlich 1. vor dem Fall, 2. nach dem Fall, 3. nach der Wiedergeburt, 4. nach der Auferstehung des Fleisches, ist [so ist hier doch] die Hauptfrage allein von dem Willen und Vermögen des Menschen im andern Stande, was derselbe nach dem Fall unserer ersten Eltern vor seiner Wiedergeburt ans ihm [aus sich] selbst in geistlichen Sachen für Kräfte habe, und ob er vermöge, aus seinen eigenen Kräften, zuvor und ehe er durch den Geist Gottes wiedergeboren, sich zur Gnade Gottes [zu] schicken und [zu] bereiten und die durch den Heiligen Geist im Wort und heiligen Sakramenten angebotene Gnade an[zu]nehmen oder nicht.
AFFIRMATIVA.
Reine Lehre vermöge Gottes Worts von diesem Artikel.
- Hiervon ist unsere Lehre, Glaube und Bekenntnis, dass des Menschen Verstand und Vernunft in geistlichen Sachen blind, nichts verstehe aus seinen eigenen Kräften, wie geschrieben steht: “Der natürliche Mensch vernimmt nichts vom Geist Gottes; es ist ihm eine Torheit und .kann es nicht begreifen, wenn er wird von geistlichen Sachen gefragt”, 1 Kor. 2!
- Desgleichen glauben, lehren und bekennen wir, dass des Menschen unwiedergeborner Wille nicht allein von Gott abgewendet, sondern auch ein Feind Gottes worden [geworden ist], dass er nur Lust und Willen hat zum Bösen und was Gott zuwider ist, wie geschrieben steht: “Das Dichten des Menschenherzens ist böse von Jugend auf”, Gen. 8; item: “Fleischlich gesinnet sein ist eine Feindschaft wider Gott, sintemal es dem Gesetz nicht untertan ist, denn es vermag es auch nicht”, Röm. 8. Ja, sowenig ein toter Leib sich selbst lebendig machen kann zum leiblichen, irdischen Leben, so wenig mag [kann] der Mensch, so durch die Sünde geistlich tot ist, sich selbst zum geistlichen Leben aufrichten; wie geschrieben steht: “Da wir tot waren in Sünden, hat er uns samt Christo lebendig gemacht”, Eph. 2. Darum wir auch: “aus uns selbst, als aus uns, nicht tüchtig sind, etwas Gutes zu gedenken, sondern das wir tüchtig sind, das ist von Gott”, 2 Kor. 3!
- Die Bekehrung aber wirkt Gott der Heilige Geist nicht ohne Mittel, sondern gebraucht dazu die Predigt und das Gehör Gottes Worts, wie geschrieben steht: “Das Evangelium ist eine Kraft Gottes, selig zu machen”, Röm. 1; item: “Der Glaube kommt aus dem Gehör Gottes Worts”, Röm. 10.
Und ist Gottes Wille, dass man sein Wort hören und nicht die Ohren verstopfen solle, Ps. 95. Bei solchem Wort ist der Heilige Geist gegenwärtig und tut auf die Herzen, dass sie, wie die Lydia in der Apostelgeschichte am 16. Kapitel, daraus merken und also bekehrt werden allein durch die Gnade und Kraft des Heiligen Geistes, dessen Werk allein ist die Bekehrung des Menschen.
Denn ohne seine Gnade ist unser Wollen und Laufen, unser Pflanzen, Säen und Begießen alles nichts, Röm. 9; 1 Kor. 3, wenn er nicht das Gedeihen dazu verleiht, wie Christus sagt: “ohne mich vermögt ihr nichts.” Mit welchen kurzen Worten er dem freien Willen seine Kräfte abspricht und alles der Gnade Gottes zuschreibt, damit sich nicht jemand vor Gott rühmen möchte, 1 Kor. 9, 16!
NEGATIVA.
Widerwärtige falsche Lehre.
Demnach verwerfen und verdammen wir alle nachfolgenden Irrtümer als der Richtschnur Gottes Worts zuwider:
- Den Schwarm der Philosophen, so man Stoicos genennet [genannt] hat, wie auch die Manichäer, die gelehrt haben, dass alles, was geschehe, müsse also geschehen und könne nicht anders geschehen, und dass der Mensch alles aus Zwang tü, was er auch in äußerlichen Dingen handele, und zu bösen Werken und Taten, als Unzucht, Raub, Mord, Diebstahl und dergleichen, gezwungen werde.
- Wir verwerfen auch der groben Pelagianer Irrtum, die gelehrt haben, dass der Mensch aus eigenen Kräften ohne die Gnade des Heiligen Geistes sich selbst zu Gott bekehren, dem Evangelio glauben, dem Gesetze Gottes mit Herzen gehorsamen und also Vergebung der Sünden und ewiges Leben verdienen könne.
- Wir verwerfen auch der Halbpelagianer Irrtum, welche lehren, dass der Mensch aus eigenen Kräften den Anfang seiner Bekehrung machen, aber ohne die Gnade des Heiligen Geistes nicht vollbringen möge.
- Ferner: da gelehrt wird, obwohl der Mensch mit seinem freien Willen vor seiner Wiedergeburt zu schwach, den Anfang zu machen und sich selbst aus eigenen Kräften zu Gott zu bekehren und Gottes Gesetz von Herzen gehorsam zu sein, jedoch, wenn der Heilige Geist mit der Predigt des Worts den Anfang gemacht und seine Gnade darin angeboten, dass alsdann der Wille des Menschen aus seinen eigenen natürlichen Kräften etlichermaßen etwas, obwohl wenig und schwächlich, dazu tun, helfen und mitwirken, sich selbst zur Gnade schicken, bereiten, dieselbe ergreifen, annehmen und dem Evangelio glauben könne.
- Ferner: dass der Mensch, nachdem er wiedergeboren, das Gesetz Gottes vollkommen halten und gänzlich erfüllen könne, und dass solche Erfüllung unsere Gerechtigkeit vor Gott sei, mit welcher wir das ewige Leben verdienen.
- Ferner: wir verwerfen und verdammen auch den Irrtum der Enthusiasten, welche dichten, dass Gott ohne Mittel, ohne Gehör Gottes Worts, auch ohne Gebrauch der heiligen Sakramente, die Menschen zu sich ziehe, erleuchte, gerecht und selig mache. Enthusiasten heißen, die ohne die Predigt Gottes Worts auf himmlische Erleuchtung des Geistes warten.
- Ferner: dass Gott in der Bekehrung und Wiedergeburt des alten Adams Substanz und Wesen und besonders die vernünftige Seele ganz vertilge und ein neüs Wesen der Seele aus nichts in der Bekehrung und Wiedergeburt erschaffe.
- Ferner: wenn diese Reden ohne Erklärung gebraucht [werden], dass des Menschen Wille vor, in und nach der Bekehrung dem Heiligen Geist widerstrebe, und dass der Heilige Geist gegeben werde denen, so ihm vorsätzlich und beharrlich Widerstreben; denn Gott in der Bekehrung aus den unwilligen Willige macht und in den Willigen wohnt, wie Augustinus redet.
Was [so]dann die Reden der alten und neün Kirche ihrer belangt, als da gesagt Wird. Deus trahit, sed volentem trahit, das ist. Gott zeucht [zieht], zeucht aber, die da wollen: item. Hominis voluntas in conversione non est otiosa, sed agit aliquid, das ist: Des Menschen Wille ist nicht müßig in der Bekehrung, sondern wirkt auch etwas. weil solche Reden zur Bestätigung des natürlichen freien Willens in der Bekehrung des Menschen wider die Lehre von der Gnade Gottes eingeführt, halten wir, dass sie der Form der gesunden Lehre nicht ähnlich und demnach, wenn von der Bekehrung zu Gott geredet wird, billig zu meiden seien.
Dagegen aber wird recht geredet, dass Gott in der Bekehrung durch das Ziehen des Heiligen Geistes aus widerspenstigen, unwilligen willige Menschen mache, und dass nach solcher Bekehrung in täglicher Übung der Buße des Menschen wiedergeborner Wille nicht müßig gehe, sondern in allem Wirken [in allen Werken] des Heiligen Geistes, die er durch uns tut, auch mitwirke.
- Ferner: das Doktor Luther geschrieben, dass des Menschen Wille in seiner Bekehrung sich halte pure passive, das ist, dass er ganz und gar nichts tü, dass solches zu verstehen sei respectu divinae gratiae in accendendis novis motibus, das ist, wenn der Geist Gottes durch das gehörte Wort oder durch den [Ge]Brauch der heiligen Sakramente des Menschen Willen angreift und wirkt die neü Geburt und Bekehrung; denn so der Heilige Geist solches gewirkt und ausgerichtet [hat], und des Menschen Wille allein durch seine göttliche Kraft und Wirkung geändert und erneürt alsdann ist der neü Wille des Menschen ein Instrument und Werkzeug Gottes des Heiligen Geistes, dass er nicht allein die Gnade annimmt, sondern auch in folgenden Werken des Heiligen Geistes mitwirkt.
Dass also vor der Bekehrung des Menschen nur zwei wirkliche [bewirkende] Ursachen sich finden, nämlich der Heilige Geist und das Wort Gottes, als das Instrument des Heiligen Geistes, dadurch er die Bekehrung wirkt, welches der Mensch hören soll, aber demselben nicht aus eigenen Kräften, sondern allein durch die Gnade und Wirkung Gottes des Heiligen Geistes Glauben geben und [es] annehmen kann.