I. Von der Erbsünde
Ob die Erbsünde sei eigentlich und ohne allen Unterschied des Menschen verderbte Natur, Substanz und Wesen oder ja das vornehmste und beste Teil seines Wesens, als die vernünftige Seele selbst in ihrem höchsten Grad und Kräften, oder ob zwischen des Menschen Substanz, Natur, Wesen, Leib, Seele, auch nach dem Fall und der Erbsünde, ein Unterschied sei, also dass ein anderes die Natur und ein anderes die Erbsunde sei, welche in der verderbten Natur steckt und die Natur verderbt.
AFFIRMATIVA.
Reine Lehre, Glaube und Bekenntnis vermöge vorgesetzter Richtschnur und summarischer Erklärung.
- Wir glauben, lehren und bekennen, dass ein Unterschied sei zwischen der Natur des Menschen, nicht allein wie er anfangs von Gott rein und heilig ohne Sünde erschaffen, sondern auch wie wir sie jetzt nach dem Fall haben, nämlich zwischen der Natur, so auch nach dem Fall noch eine Kreatur Gottes ist und bleibt, und der Erbsünde, und dass solcher Unterschied so groß als der Unterschied zwischen Gottes und des Teufels Werk sei.
- Wir glauben, lehren und bekennen auch, dass über solchem Unterschied mit höchstem Fleiß zu halten, weil diese Lehre, dass zwischen unserer verderbten Menschennatur und der Erbsünde kein Unterschied sein sollte, wider die Hauptartikel unsers christlichen Glaubens von der Erschaffung, Erlösung, Heiligung und Auferstehung unsers Fleisches streitet und neben denselben nicht bestehen kann.
Denn nicht allein Adams und Evas Leib und Seele vor dem Fall, sondern auch unsern Leib und Seele nach dem Fall, unangesehen dass sie verderbt, [hat] Gott geschaffen, welche auch Gott noch für sein Werk [an]erkennt, wie geschrieben steht Hiob 10: “Deine Hände haben mich gearbeitet und gemacht alles, was ich um und um bin.” Deut. 32; Jes. 45. 54. 64; Act. 17; Ps. 100. 139; Eccl. 12.
Es hat auch der Sohn Gottes in Einigkeit seiner person solche menschliche Natur, doch ohne Sünde, und also nicht ein fremd, sondern unser Fleisch an sich genommen, und [ist] nach demselben unser wahrhaftiger Bruder [ge]worden. Hebr. 2: “Nachdem die Kinder Fleisch und Blut haben, ist er’s gleichermaßen teilhaftig worden.” Item: “Er nimmt nirgend die Engel an sich, sondern den Samen Abrahams nimmt er an sich; daher muss er allerdinge seinen Brüdern, ausgenommen die Sünde, gleich werden.”
Also hat es auch Christus erlöst als sein Werk, heiligt es als sein Werk, erweckt es von den Toten und ziert es herrlich als sein Werk. Aber die Erbsünde hat er nicht erschaffen, nicht angenommen, nicht erlöst, nicht geheiligt, wird sie auch nicht erwecken an den Auserwählten, weder zieren noch selig machen, sondern in der Auferstehung gar vertilgt sein wird.
Daraus der Unterschied zwischen der verderbten Natur und der Verderbung, so in der Natur steckt und die Natur dadurch verderbt worden, leichtlich zu erkennen.
- Wir glauben, lehren und bekennen aber inwiederum, dass die Erbsünde nicht sei eine schlechte [geringe], sondern so tiefe Verderbung menschlicher Natur, dass nichts Gesundes oder unverderbt an Leib und Seele des Menschen, seinen innerlichen und äußerlichen Kräften geblieben, sondern wie die Kirche singt: “Durch Adams Fall ist ganz verderbt menschliche Natur und Wesen”;
welcher Schade unaussprechlich, nicht mit der Vernunft, sondern allein aus Gottes Wort erkennet [erkannt] werden mag;
und dass die Natur und solche Verderbung der Natur niemand voneinander scheiden könne denn allein Gott, welches durch den Tod in der Auferstehung gänzlich geschehen, da unsere Natur, die wir jetzt tragen, ohne die Erbsünde und von derselben abgesondert und abgeschieden, auferstehen und ewig leben wird, wie geschrieben steht Hiob 19: “Ich Werde mit dieser meiner Haut umgeben werden und werde in meinem Fleisch Gott sehen; denselben werde ich mir sehen, und meine Augen werden ihn schaün.”
NEGATIVA.
Verwerfung der falschen Gegenlehre.
- Demnach verwerfen und verdammen wir, wenn gelehrt wird, dass die Erbsünde allein ein reatus oder Schuld von wegen fremder Verwirkung, ohne einige unserer Natur Verderbung sei.
- Ferner: dass die bösen Lüste nicht Sünde, sondern angeschaffene wesentliche Eigenschaften der Natur seien, oder als wäre der obgemeldete Mangel oder Schade nicht wahrhaftig Sünde, darum der Mensch außerhalb Christo ein Kind des Zornes sein sollte.
- Desgleichen verwerfen wir auch den pelagianischen Irrtum, da vorgegeben wird, dass die Natur des Menschen auch nach dem Fall unverderbt und besonders in geistlichen Sachen ganz gut und rein in ihren naturalibus, das ist, in ihren natürlichen Kräften, geblieben sei.
- Ferner: dass die Erbsünde nur von außen ein schlechter, [ge]ringschätziger, eingesprengter Fleck oder anfliegender Makel sei, darunter die Natur ihre guten Kräfte auch in geistlichen Sachen behalten habe.
- Ferner: das die Erbsünde sei nur ein äußerlich Hindernis der guten geistlichen Kräfte und nicht eine Beraubung oder Mangel derselben; als wenn ein Magnet mit Knoblauchsaft bestrichen wird, dadurch seine natürliche Kraft nicht weggenommen, sondern allein gehindert wird; oder dass derselbe Makel wie ein Fleck vom Angesicht oder Farbe von der Wand leichtlich abgewischt worden könnte.
- Ferner: dass im Menschen nicht gar verderbt sei menschlich Natur und Wesen, sondern der Mensch habe noch etwas Gutes an ihm [an sich], auch in geistlichen Sachen, als nämlich Frömmigkeit , Geschicklichkeit, Tüchtigkeit oder Vermögen, in geistlichen Sachen etwas anzufangen, zu wirken oder mitzuwirken.
- Dagegen verwerfen wir auch die falsche Lehre der Manichäer, wenn gelehrt wird, dass die Erbsünde als etwas wesentlich es und Selbständiges durch den Satan in die Natur eingegossen und mit derselben vermengt [sei], wie Gift und Wein gemengt werden.
- Ferner: dass nicht der natürliche Mensch, sondern etwas anderes und Fremdes im Menschen sündige, deswegen nicht die Natur, sondern allein die Erbsünde in der Natur angeklagt werde.
- Wir verwerfen und verdammen auch als einen manichäischen Irrtum, wenn gelehrt wird, dass die Erbsünde sei eigentlich und ohne allen Unterschied des verderbten Menschen Substanz, Natur und Wesen selbst, also dass kein Unterschied zwischen der verderbten Natur nach dem Fall an ihr selbst und der Erbsünde sollte auch nicht gedacht, noch mit Gedanken voneinander unterschieden werden können.
- Es wird aber solche Erbsünde von Luthero Natursünde, Personsünde, wesentliche Sünde genennet [genannt], nicht dass die Natur, Person oder das Wesen des Menschen selbst ohne allen Unterschied die Erbsünde sei, sondern dass mit solchen Worten der Unterschied zwischen der Erbsünde, so in der menschlichen Natur steckt, und den andern Sünden, so man wirkliche Sünden nennt, angezeigt würde.
- Denn die Erbsünde ist nicht eine Sünde, die man tut, sondern sie steckt in der Natur, Substanz und Wesen des Menschen; also wenngleich kein böser Gedanke nimmer im Herzen des verderbten Menschen aufstiege, kein unnütz Wort geredet [würde], noch böse Tat geschähe, so ist doch die Natur verderbt durch die Erbsünde, die uns im sündlichen Samen angeboren wird und ein Brunnqüll ist aller andern wirklichen Sünden, als böser Gedanken, Worte und Werke, wie geschrieben steht: “Aus dem Herzen kommen arge Gedanken”; item: “Das Dichten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf.” Matth. 15; Gen. 6.
- So ist auch wohl zu merken der ungleiche Verstand des Wortes: “Natur”, dadurch die Manichäer ihren Irrtum bedecken und viel einfältige Leute irremachen. Denn zuzeiten heißt es des Menschen Wesen, als wenn gesagt wird: Gott hat die menschliche Natur geschaffen. Zuzeiten aber heißt es die Art und Unart eines Dinges, die in der Natur oder Wesen steckt, als wenn gesagt wird: Der Schlange Natur ist stechen, und des Menschen Natur und Art ist sündigen und Sünde; da das Wort: “Natur” nicht die Substanz des Menschen, sondern etwas heißt, das in der Natur oder Substanz steckt.
- Was aber die lateinischen Worte substantia und accidens belangt, weil es nicht Heiliger Schrift Worte sind, dazu dem gemeinen Mann unbekannt, sollen dieselben in den Predigten vor dem gemeinen unverständigen Volke nicht gebraucht, sondern des einfältigen Volks damit verschont werden.
Aber in der Schule bei den Gelehrten, weil sie wohl bekannt und ohne allen Mißverstand gebraucht, dadurch das Wesen eines jeden Dings, und was ihm zufälligerweise anhängt, eigentlich unterschieden [wird], werden solche Worte auch billig in der Disputation von der Erbsunde behalten.
Denn der Unterschied zwischen Gottes und des Teufels Werk auf das deutlichste dadurch angezeigt [wird], weil der Teufel keine Substanz schaffen, sondern allein zufälligerweise aus Gottes Verhängnis die von Gott erschaffene Substanz verderben kann.