XI. Von der ewigen Vorsehung und Wahl Gottes
Von diesem Artikel ist kein öffentlicher Zwiespalt unter den Theologen Augsburgischer Konfession eingefaIlen [erregt worden]. Weil es aber ein tröstlicher Artikel, wenn er recht gehandelt, und deshalben [und damit seinethalben] nicht künftiglich ärgerliche Disputation eingeführt werden möchte, ist derselbe in dieser Schrift auch erklärt worden.
AFFIRMATIVA.
Reine, wahrhaftige Lehre von diesem Artikel.
- Anfänglich ist der Unterschied zwischen der praescientia et praedestinatione, das ist, zwischen der Vorsehung und ewigen Wahl Gottes, mit Fleiß zu merken.
- Denn die Vorsehung Gottes ist anders :nichts, denn dass Gott alle Dinge weiß, ehe sie geschehen, wie geschrieben steht: “Gott im Himmel kann verborgene Dinge offenbaren; der hat dem König Nebukadnezar angezeigt, was in künftigen Zeiten geschehen soIl”, Dan. 2.
- Diese Vorsehung geht zugleich über die Frommen und Bösen, ist aber keine Ursache des Bösen, weder der Sünde, dass man unrecht tü (welche ursprünglich aus dem Teufel und des Menschen bösem, verkehrtem WiIlen herkommt), noch ihres Verderbens, daran sie selbst schuldig [schuld], sondern ordnet allein dasselbe und steckt ihm ein Ziel, wie lang es währen, und aIles, unangesehen dass es an ihm selbst böse, seinen Auserwählten zu ihrem Heil dienen solle.
- Die Prädestination aber oder ewige Wahl Gottes geht allein über die frommen, wohlgefälIigen Kinder Gottes, die eine Ursache ist ihrer Seligkeit, welche er auch schafft, und was zur selbigen gehört, verordnet, darauf unsere Seligkeit so steif gegründet [ist], dass sie die Pforten der HöIle nicht überwältigen können, Joh. 10; Matth. I6.
- Solche ist nicht in dem heimlichen Rat Gottes zu erforschen, sondern in dem Wort zu suchen, da sie auch geoffenbart worden ist.
- Das Wort Gottes aber führt uns zu Christo, der das Buch des Lebens ist, in welchem aIle die geschrieben und erwählt sind, welche da ewig selig werden soIlen; wie geschrieben steht: “Er hat uns durch denselben Christum erwählet, ehe der Welt Grund geleget war”, Eph. 1.
- Dieser Christus ruft zu ihm [zu sich] alle Sünder und verheißt ihnen Erquickung, und ist ihm Ernst, dass alle Menschen zu ihm kommen und ihnen [sich] helfen lassen soIlen, denen er sich im Wort anbeut [anbietet], und wiIl, dass man es höre und nicht die Ohren verstopfen oder das Wort verachten soIl; verheißt dazu die Kraft und Wirkung des Heiligen Geistes, göttlichen Beistand zur Beständigkeit und ewigen Seligkeit.
- Derhalben wir von solcher unserer Wahl zum ewigen Leben weder aus der Vernunft noch aus dem Gesetz Gottes urteilen sollen, welche uns entweder in ein wild, wüst, epikurisch Leben oder in Verzweiflung führen und schädliche Gedanken in den Herzen der Menschen erwecken, dass sie bei sich selbst gedenken, auch solcher Gedanken sich nicht recht erwehren können, solange sie ihrer Vernunft folgen: Hat mich Gott erwählt zur Seligkeit, so kann ich nicht verdammt werden, ich tü, was ich woIle; und wiederum: Bin ich nicht erwählt zum ewigen Leben, so hilft’s nichts, was ich Gutes tü; es ist doch aIles umsonst.
- Sondern es muss allein aus dem heiligen Evangelio von Christo gelernt werden, in welchem klar bezeugt wird, wie Gott alles unter den Unglauben beschlossen, auf dass er sich aller erbarme, und nicht will, dass jemand verloren werde, sondern sich jedermann zur Buße bekehre und an den Her Christum glaube, Hesek. 18. 33; 1 Joh. 2.
- Wer nun sich also mit dem geoffenbarten WiIlen Gottes bekümmert und der Ordnung nachgeht, welche St. Paulus in der Epistel an die Römer gehalten, der zuvor die Menschen zur Buße, Erkenntnis der Sünden, zum Glauben an Christum, zum göttlichen Gehorsam weist, ehe er vom Geheimnis der ewigen Wahl Gottes redet: dem ist solche Lehre nützlich und tröstlich.
- Dass aber viele berufen und wenige auserwählt sind, hat es nicht diese Meinung, als woIle Gott nicht jedermann selig machen, sondern die Ursache ist, dass sie Gottes Wort entweder gar nicht hören, sondern mutwiIlig verachten, die Ohren und ihr Herz verstocken und also dem Heiligen Geist den ordentlichen Weg versteIlen, dass er sein Werk in ihnen nicht haben kann, oder da sie es gehört haben, wiederum in [den] Wind schlagen und nicht achten, daran nicht Gott oder seine Wahl, sondern ihre Bosheit schuldig [schuld] ist, 2 Petr. 2; Luk. 11; Hebr. l2.
- Und so fern soIl sich ein Christ des Artikels von der ewigen Wahl Gottes annehmen, wie sie im Wort Gottes geoffenbart [ist], welches uns Christum als das Buch des Lebens vorhält, das er uns durch die Predigt des heiligen Evangelii aufschleußt [aufschließt] und offenbart, wie geschrieben steht: “Welche er erwählet hat, die hat er auch berufen”, Röm. 8, in dem wir die ewige Wahl des Vaters suchen soIlen, der in seinem ewigen göttlichen Rat beschlossen [hat], dass er außerhalb denen, so seinen Sohn Christum erkennen und wahrhaftig an ihn glauben, niemand woIle selig machen, und sich anderer Gedanken entschlagen, welche nicht aus Gott, sondern aus Eingeben des bösen Feindes herfließen, dadurch er sich untersteht, uns den herrlichen Trost zu schwächen oder gar zu nehmen, den wir in dieser heilsamen Lehre haben: dass wir wissen, wie wir aus lauter Gnade, ohne all unser Verdienst, in Christo zum ewigen Leben erwählt seien, und dass uns niemand aus seiner Hand reißen könne; wie er denn solche gnädige Erwählung nicht allein mit bloßen Worten zusagt, sondern auch mit dem Eide beteürt und mit den heiligen Sakramenten versiegelt hat, deren wir uns in unsern höchsten Anfechtungen erinnern und trösten und damit die feurigen Pfeile des Teufels auslöschen können.
- Daneben soIlen wir uns zum höchsten befleißigen, nach dem WiIlen Gottes zu leben und unsern Beruf, wie St. Petrus vermahnt, festzumachen, 2 Petr. 1, und besonders an das geoffenbarte Wort uns halten; das kann und wird uns nicht fehlen.
- Durch diese kurze Erklärung der ewigen Wahl Gottes wird Gott seine Ehre ganz und vöIlig gegeben, dass er aIlein aus lauter Barmherzigkeit ohne all unser Verdienst uns selig mache nach dem Vorsatz seines WiIlens; daneben auch niemand einige Ursache zur Kleinmütigkeit oder rohem, wildem Leben gegeben [wird].
ANTITHESIS oder NEGATIVA.
Falsche Lehre von diesem Artikel.
Demnach glauben und halten wir: welche die Lehre von der gnädigen Wahl Gottes zum ewigen Leben also führen, dass sich die betrübten Christen derselben nicht trösten können, sondern dadurch zur Kleinmütigkeit oder Verzweiflung verursacht, oder die Unbußfertigen in ihrem Mutwillen gestärkt werden, dass solche Lehre nicht nach dem Wort und WiIlen Gottes, sondern nach der Vernunft und Anstiftung des leidigen Satans getrieben werde, weil aIles, was geschrieben ist, wie der Apostel zeugt, “uns zur Lehre geschrieben [ist], auf dass wir durch Geduld und Trost der Schrift Hoffnung haben”, Röm. 15. Demnach verwerfen wir folgende Irrtümer:
- Als wenn gelehrt wird, dass Gott nicht woIle, dass aIle Menschen Buße tun und dem Evangelio glauben.
- Ferner: wenn Gott uns zu sich berufe, dass es nicht sein Ernst sei, dass alle Menschen zu ihm kommen soIlen.
- Ferner: dass Gott nicht woIle, dass jedermann selig werde, sondern [dass etliche], unangesehen ihre Sünde, allein aus dem bloßen Rat, Vorsatz und WiIlen Gottes zur Verdammnis verordnet [seien], dass sie nicht können selig werden.
- Ferner: dass nicht allein die Barmherzigkeit Gottes und das allerheiligste Verdienst Christi, sondern auch in uns eine Ursache sei der Wahl Gottes, um welcher willen Gott uns zum ewigen Leben erwählt habe.
Welches aIles lästerliche und erschreckliche irrige Lehren sind, dadurch den Christen aIler Trost genommen [wird], den sie im heiligen Evangelio und Gebrauch der heiligen Sakramente haben, und derwegen in der Kirche Gottes nicht sollten geduldet werden.
Dies ist die kurze und einfältige Erklärung der streitigen Artikel, so eine Zeitlang von den Theologen Augsburgischer Konfession widerwärtig disputiert und gelehrt worden. Daraus ein jeder einfältiger Christ nach Anleitung Gottes Worts und seines einfältigen Katechismi vernehmen kann, was recht oder unrecht sei, da nicht allein die reine Lehre gesetzt, sondern auch derselben widerwärtige, irrige Lehre ausgesetzt [verurteilt], verworfen und also die eingefaIlenen ärgerlichen Spaltungen grundlich entschieden sind.
Der allmächtige Gott und Vater unsers Hern Jeu verleihe die Gnade seines Heiligen Geistes, dass wir alle in ihm einig seien und in solcher christlichen und ihm wohlgefälligen Einigkeit beständiglich bleiben! Amen.