IV. Von guten Werken
Über der Lehre von guten Werken sind zweierlei Spaltungen in etlichen Kirchen entstanden. Erstlich haben sich etliche Theologen über nachfolgenden Reden getrennt, da der eine Teil geschrieben :
- “Gute Werke sind nötig zur Seligkeit; es ist unmöglich, ohne gute Werke selig zu werden”; item: “Es ist niemals jemand ohne gute Werke selig [ge]worden”; der andere aber dagegen geschrieben: “Gute Werke sind schädlich zur Seligkeit.”
- Danach hat sich auch zwischen etlichen Theologen über den beiden Worten: “nötig” und: “frei” eine Trennung erhoben, da der eine Teil gestritten, man solle das Wort: “nötig” nicht brauchen von dem neün Gehorsam, der nicht aus Not und Zwang, sondern aus freiwilligem Geist herfließe; der andere Teil hat über dem Wort: “nötig” gehalten, weil solcher Gehorsam nicht in unserer Willkür stehe, sondern die wiedergebornen Menschen schuldig seien, solchen Gehorsam zu leisten.
Aus welcher Disputation über den Worten nachmals ein Streit von der Sache an ihr selbst sich zugetragen, das der eine Teil gestritten, man sollte ganz und gar unter den Christen das Gesetz nicht treiben, sondern allein aus dem heiligen Evangelio die Leute zu guten Werken vermahnen; der andere hat es widersprochen.
AFFIRMATIVA.
Reine lehre der christlichen Kirche von diesem Streit.
Zu gründlicher Erklärung und Hinlegung [Beilegung] dieses Zwiespalts ist unsere Lehre, Glaube und Bekenntnis:
- Das gute Werke dem wahrhaftigen Glauben, wenn derselbe nicht ein toter, sondern ein lebendiger Glaube ist, gewißlich und ungezweifelt folgen als Früchte eines guten Baumes.
- Wir glauben, lehren und bekennen auch, dass die guten Werke gleich so wohl, wenn von der Seligkeit gefragt wird, als im Artikel der Rechtfertigung vor Gott gänzlich ausgeschlossen werden sollen, wie der Apostel mit klaren Worten bezeugt, da er also geschrieben: “Nach welcher Weise auch David sagt, dass die Seligkeit sei allein des Menschen, welchem Gott zurechnet die Gerechtigkeit ohne Zutun der Werke, da er spricht: Selig sind die, welchen ihre Ungerechtigkeit nicht zugerechnet wird”, Röm. 4; und abermals: “Aus Gnaden seid ihr selig worden; Gottes Gabe ist es, nicht aus den Werken, auf dass sich nicht jemand rühme”, Eph. 2.
- Wir glauben, lehren und bekennen auch, das alle Menschen, besonders aber die durch den Heiligen Geist wiedergeboren und erneürt [sind], schuldig seien, gute Werke zu tun.
- In welchem Verstande die Worte: “nötig”, “sollen” und: “müssen” recht und christlich auch von den Wiedergebornen gebraucht werden und keinesweges dem Vorbilde gesunder Worte und Reden zuwider sind.
- Doch soll durch ermeldete Werke necessitas, necessarium, “Not” und: “notwendig”, wenn von den Wiedergebornen geredet [wird], nicht ein Zwang, sondern allein der schuldige Gehorsam verstanden werden, welchen die Rechtgläubigen [die wahrhaft Gläubigen], soviel sie wiedergeboren, nicht aus Zwang oder Treiben des Gesetzes, sondern aus freiwilligem Geiste leisten, weil sie nicht mehr unter dem Gesetze, sondern unter der Gnade sind, Röm. 7 und 8.
- Demnach glauben, lehren und bekennen wir auch, wenn gesagt wird: Die Wiedergebornen tun gute Werke aus einem freien Geist, dass solches nicht verstanden werden soll, als ob es in des wiedergebornen Menschen Willkür stehe, Gutes zu tun oder zu lassen, wann er wolle, und gleichwohl den Glauben behalten möge, wenn er in Sünden vorsätzlich verharrt.
- Welches doch anders nicht verstanden werden soll, denn wie es der Herr Christus und seine Apostel selbst erkläret [erklären], nämlich von dem freigemachten Geist, das er solches nicht tü aus Furcht der Strafe, wie ein Knecht, sondern aus Liebe der [ans Liebe zur] Gerechtigkeit, wie die Kinder, Röm. 8.
- Obwohl diese Freiwilligkeit in den Auserwählten Kindern Gottes nicht vollkommen, sondern mit großer Schwachheit beladen ist, wie St. Paulus über sich selbst klagt Röm. 7, Gal. 5.
- Welche Schwachheit doch der Her seinen Auserwählten nicht zurechnet um des Hern Christi willen, wie geschrieben steht: “Es ist nun nichts Verdammliches in denen, so in Christo Jeu sind”, Röm. 8.
- Wir glauben, lehren und bekennen auch, dass den Glauben und die Seligkeit in uns nicht die Werke, sondern allein der Geist Gottes durch den Glauben erhalte, des Gegenwärtigkeit und Inwohnung [Einwohnung] die guten Werke Zeugen sind.
NEGATIVA.
Falsche Gegenlehre.
- Demnach verwerfen und verdammen wir diese Weise zu reden, wenn gelehrt und geschrieben wird, dass gute Werke nötig seien zur Seligkeit; item, dass niemand jemals ohne gute Werke sei selig [ge]worden; item, dass es unmöglich sei, ohne gute Werke selig [zu] werden.
- Wir verwerfen und verdammen diese bloße Rede als ärgerlich und christlicher Zucht nachteilig, wenn geredet wird: Gute Werke sind schädlich zur Seligkeit.
Denn besonders zu diesen letzten Zeiten nicht weniger vonnöten [ist], die Leute zu christlicher Zucht und guten Werken zu vermahnen und zu erinnern, wie nötig es sei, dass sie zur Anzeigung ihres Glaubens und Dankbarkeit bei [gegen] Gott sich in guten Werken üben, als dass die Werke in den Artikel der Rechtfertigung nicht eingemengt werden, weil .durch einen epikurischen Wahn vom Glauben die Menschen sowohl als durch das papistische und pharisäische Vertraün auf eigene Werke und Verdienste verdammt werden können.
- Wir verwerfen und verdammen auch, wenn gelehrt wird, dass der Glaube und Einwohnung des Heiligen Geistes nicht durch mutwillige Sünden verloren werden, sondern dass die Heiligen und Auserwählten den Heiligen Geist behalten, wenn sie gleich in Ehebruch und andere Sünden fallen und darin verharren!