III. Von der Gerechtigkeit des Glaubens
Weil einhellig vermöge Gottes Worts und nach Inhalt der Augsburgischen Konfession in unsern Kirchen bekannt [wird], dass wir armen Sünder allein durch den Glauben an Christum vor Gott gerecht und selig werden, und also Christus allein unsere Gerechtigkeit sei, welcher wahrhaftiger Gott und Mensch ist, weil in ihm die göttliche und menschliche Natur miteinander persönlich vereinigt [sind], Jer. 23; 1 Kor. 1; 2 Kor. 5, ist eine Frage entstanden, nach welcher Natur Christus unsere Gerechtigkeit sei, und [sind] also zwei widerwärtige Irrtümer in etlichen Kirchen eingefallen.
Denn der eine Teil hat gehalten, dass Christus allein nach der Gottheit unsere Gerechtigkeit sei, wenn er durch den Glauben in uns wohnt, gegen welcher durch den Glauben einwohnenden Gottheit aller Menschen Sünde wie ein Tropfen Wasser gegen dem großen Meer [gegen welche durch den Glauben einwohnende Gottheit aller Menschen Sünde wie ein Tropfen Wasser gegen das grosse Meer] geachtet sei. Dagegen haben andere gehalten, Christus sei unsere Gerechtigkeit vor Gott allein nach der menschlichen Natur.
AFFIRMATIVA.
Reine Lehre der christlichen Kirche wider beide jetzt gesetzten Irrtümer.
- wider beide jetzt erzählten Irrtümer glauben, lehren und bekennen wir einhelliglich, dass Christus unsere Gerechtigkeit weder nach der göttlichen Natur allein noch auch nach der menschlichen Natur allein, sondern der ganze Christus nach beiden Naturen allein in seinem gehorsam sei, den er als Gott und Mensch dem Vater bis in Tod geleistet und uns damit Vergebung der Sünden und das ewige Leben verdient habe; wie geschrieben steht: “Gleich wie durch eines Menschen Ungehorsam viel Sünder worden, also durch eines Menschen Gehorsam werden viele gerecht”, Röm. 5.
- Demnach glauben, lehren und bekennen wir, dass unsere Gerechtigkeit vor Gott sei, dass uns Gott die Sünde vergibt aus lauter Gnade, ohne alle unsere vor[her]gehenden, gegenwärtigen oder nachfolgenden Werke, Verdienst oder Würdigkeit, schenkt und rechnet uns zu die Gerechtigkeit des Gehorsams Christi, um welcher Gerechtigkeit willen wir bei Gott zu Gnaden angenommen und für gerecht gehalten werden.
- Wir glauben, lehren und bekennen, dass allein der Glaube das Mittel und das Werkzeug sei, damit wir Christum und also in Christo solche Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, ergreifen, um welches willen uns solcher Glaube zur Gerechtigkeit zugerechnet wird, Röm. 4.
- Wir glauben, lehren und bekennen, das dieser Glaube nicht sei eine bloße Erkenntnis der Historie von Christo, sondern eine solche Gabe Gottes, dadurch wir Christum, unsern Erlöser, im Wort des Evangelii recht erkennen und auf ihn vertraün, dass wir allein um seines Gehorsams willen aus Gnaden Vergebung der Sünden haben, für fromm und gerecht von Gott dem Vater gehalten und ewig selig werden.
- Wir glauben, lehren und bekennen, dass nach Art Heiliger Schrift das Wort: “rechtfertigen” in diesem Artikel heiße absolvieren, das ist, von Sünden ledig sprechen. : “Wer den Gottlosen recht spricht und den Gerechten verdammet, der ist vor dem Hern ein Greül”, Prov. 17; item: “Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hie, der da gerecht machet”, Röm. 8.
Und da an desselben Statt die Worte regeneratio und vivificatio, das ist, Lebendigmachung und Wiedergeburt, gebraucht [werden], wie in der Apologia geschieht, dass es auch in gleichem Verstand geschehe, dadurch sonst die Erneürung des Menschen verstanden und von der Rechtfertigung des Glaubens unterschieden wird.
- Wir glauben, lehren und bekennen auch, unangesehen dass den Rechtgläubigen und wahrhaftig Wiedergebornen auch noch viel Schwachheit und Gebrechen anhängt bis in die Grabe, da sie doch [dass sie doch] der Ursache halben weder an ihrer Gerechtigkeit, so ihnen durch den Glauben zugerechnet, noch an ihrer Seelen Seligkeit zweifeln, sondern für gewiß halten sollen, das sie um Christus’ willen vermöge der Verheißung und Worts des heiligen Evangelii einen gnädigen Gott haben.
- Wir glauben, lehren und bekennen, das zur Erhaltung reiner Lehre von der Gerechtigkeit des Glaubens vor Gott über den particulis excIusivis, das ist, über [den] nachfolgenden Worten des heiligen Apostels Pauli, dadurch der [das] Verdienst Christi von unsern Werken gänzlich abgesondert und Christo die Ehre allein gegeben [wird], mit besonderem Fleiß zu halten sei, da der heilige Apostel Paulus schreibt: “Aus Gnaden, ohne Verdienst, ohne Gesetz, ohne Werke, nicht aus den Werken” welche Worte alle zugleich so viel heißen als: allein durch den Glauben an Christum werden wir gerecht und selig.
- Wir glauben, lehren und bekennen, dass, obwohl vor[her]gehende Reü und nachfolgende gute Werke nicht in den Artikel der Rechtfertigung vor Gott gehören, jedoch soll nicht ein solcher Glaube gedichtet werden, der bei und neben einem bösen Vorsatz zu sündigen und wider das Gewissen zu handeln, sein und bleiben könnte; sondern nachdem der Mensch durch den Glauben gerechtfertigt worden, alsdann ist ein wahrhaftiger, lebendiger Glaube durch die Liebe tätig, Gal. 5, also dass die guten Werke dem gerechtmachenden Glauben allezeit folgen und bei demselben, da er rechtschaffen und lebendig, gewißlich erfunden werden; wie er denn nimmer allein ist, sondern allezeit Liebe und Hoffnung bei sich hat.
ANTITHESIS oder NEGATIVA.
Gegenlehre verworfen.
Demnach verwerfen und verdammen wir alle nachfolgenden Irrtümer:
- Das Christus unsere Gerechtigkeit sei allein nach der göttlichen Natur;
- Dass Christus unsere Gerechtigkeit sei allein nach der menschlichen Natur;
- Dass in den Sprüchen der Propheten und Apostel, da von der Gerechtigkeit des Glaubens geredet wird, die Worte: “rechtfertigen” und: “gerechtfertigt werden” nicht sollen heißen, von Sünden ledig sprechen oder gesprochen werden und Vergebung der Sünden erlangen, sondern von wegen der durch den Heiligen Geist eingegossenen Liebe, Tugend und daraus folgenden Werke mit der Tat vor Gott gerecht gemacht werden;
- Das der Glaube nicht allein ansehe den Gehorsam Christi, sondern seine göttliche Natur, wie dieselbe in uns wohnt und wirkt, und durch solche Einwohnung unsere Sünden bedeckt werden;
- Dass der Glaube ein solch Vertraün auf den Gehorsam Christi sei, welcher in einem Menschen sein und bleiben könne, der gleich keine wahrhaftige Buße habe, da auch keine Liebe folge, sondern [der Mensch] wider sein Gewissen in Sünden verharrt;
- Dass nicht Gott selbst, sondern allein die Gaben Gottes in den Gläubigen wohnen;
- Dass der Glaube darum selig mache, weil die Erneurung, so in der Liebe gegen Gott und den Nächsten stehe, in uns durch den Glauben angefangen werde;
- Dass der Glaube den Vorzug habe in der Rechtfertigung, gleichwohl gehöre auch die Erneurung und die Liebe zu unserer Gerechtigkeit vor Gott, dergestalt dass sie wohl nicht die vornehmste Ursache unserer Gerechtigkeit, aber gleichwohl unsere Gerechtigkeit vor Gott ohne solche Liebe und Erneurung nicht ganz oder vollkommen sei;
- Dass die Gläubigen vor Gott gerechtfertigt werden und selig seien zugleich durch die zugerechnete Gerechtigkeit Christi und durch den angefangenen neün Gehorsam oder zum Teil durch die Zurechnung der Gerechtigkeit Christi, zum Teil aber durch den angefangenen neün Gehorsam;
- Dass uns die Verheißung der Gnade zugeeignet werde durch den Glauben im Herzen und durch die [durch das] Bekenntnis, so mit dem Munde geschieht, und durch andere Tugenden;
- Das der Glaube nicht rechtfertige ohne die guten Werke, also dass die guten Werke notwendig zur Gerechtigkeit erfordert, ohne derselben Gegenwärtigkeit der Mensch nicht gerechtfertigt werden könne.