TraktatTrAbschnitt

I.

Reader-Modus
Einzeln
Vergleichen
Modernisiert
Concordia Triglotta

Der Papst rühmt sich zum ersten, dass er aus göttlichen Rechten der Oberste sei über alle andern Bischöfe und Pfarrherren in der ganzen Christenheit.

Zum andern, dass er aus göttlichen Rechten habe beide Schwerter, das ist, dass er möge [könne] Könige setzen und entsetzen, weltliche Reiche ordnen usw.

Zum dritten sagt er, dass man solches bei Verlust der ewigen Seligkeit zu glauben schuldig sei. Und dies sind die Ursachen, dass der Papst sich nennt und rühmt, er sei der Statthalter Christi auf Erden.

Diese drei Artikel halten und erkennen wir, dass sie falsch, ungöttlich, tyrannisch und der christlichen Kirche ganz schädlich sind.

Auf dass nun unser Grund und Meinung desto baß [besser] möge verstanden werden, wollen wir zum ersten anzeigen, was es heiße, dass er rühmt, er sei aus göttlichen Rechten der Oberste. Denn also meinen sie es, dass der Papst über die ganze christliche Kirche gemeiner Bischof und, wie sie es nennen, oecumenicus episcopus sei, das ist, von welchen alle Bischöfe und Pfarrherren durch die ganze Welt sollen ordiniert und bestätigt werden, dass er allein Recht und Macht habe, alle Bischöfe und Pfarrherren zu wählen, ordnen, bestätigen und einzusetzen .

Neben dem maßt er sich auch dies an, dass er Macht habe, allerlei Gesetze zu machen von Gottesdiensten, Ënderung der Sakramente und der Lehre, und will, dass man seine Statuta und Satzungen andern Artikeln des christlichen Glaubens und der Heiligen Schrift soll gleich halten, als die ohne Sünde nicht mögen [können] nachgelassen werden. Denn er will solche Gewalt auf das göttliche Recht und Heilige Schrift gründen; ja er will, dass man es der Heiligen Schrift und den Geboten Gottes soll vorziehen, und das noch ärger ist, setzt er noch das hinzu: Solches alles soll und muss man glauben bei Verlust der ewigen Seligkeit.

Darum wollen wir zum ersten aus dem heiligen Evangelio anzeigen, dass der Papst gar keiner Oberkeit [Obrigkeit, Obergewalt] über andere Bischöfe und Seelsorger aus göttlichem Recht sich möge anmaßen.

l. Luk. 22 verbietet Christus mit klaren, hellen Worten, dass kein Apostel einige Oberkeit über die andern haben soll. Denn eben dies war die Frage unter den Jüngern, als Christus von seinem Leiden schon gesagt hatte, dass sie disputierten untereinander, wer unter ihnen Herr sein und Christum nach seinem Absterben verwesen sollte. Aber Christus straft solchen Irrtum der Apostel und lehrt sie, es werde die Weise nicht haben, dass sie wollten Herren sein und Oberkeit haben, Sondern sie sollten zugleich Apostel sein und in gleichem Amt das Evangelium predigen. Darum sagt er auch: “Die weltlichen Könige herrschen, und die Gewaltigen heißt man gnädige Herren. Ihr aber nicht also; sondern der Größte unter euch soll sein wie der Geringste Und der Vornehmste wie ein Diener.” Hier sieht man, wenn man’s gegeneinander hält, dass er keine Herrschaft unter den Aposteln haben will. ll. Wie solches auch wohl scheint [deutlich hervorgeht] aus dem andern Gleichnis, da Christus in gleicher Disputation von der Herrschaft ein junges Kind mitten unter die Apostel stellt, auf dass er anzeige, dass, gleich wie ein Kind keiner Herrschaft begehrt noch sich unterfängt, also auch die Apostel und alle, so das Wort führen sollen, nicht Oberkeit sollen suchen noch brauchen.

lll. Joh. 20 sendet Christus seine Junger zugleich zum Predigtamt, ohne allen Unterschied, dass einer weder mehr noch weniger Gewalt soll haben denn der andere. Denn so sagt er: “Gleichwie mich mein Vater gesandt hat, so sende ich euch.” Die Worte sind hell und klar, dass er einen jeden also sende, wie er ist gesendet worden. Da kann je keiner keine [be]sondere Oberkeit oder Gewalt vor und über die andern rühmen.

lV. Gal. 2 zeigt der heilige Paulus klar an, dass er von Petro weder ordiniert noch konfirmiert und bestätigt sei, erkennt auch Petrum in keinem Wege dafür, als hätte er von ihm müssen bestätigt werden, und insonderheit streitet [verficht] er dieses, dass sein Beruf aus St. Peters Gewalt gar nicht stehe noch gegründet sei. Nun sollte er je Petrum als einen Obersten [an]erkannt haben, wo Petrus anders solche Oberkeit von Christo hätte empfangen, wie der Papst ohne allen Grund rühmt. Darum spricht auch Paulus, er habe das Evangelium eine lange Zeit frei gepredigt, ehe er sich mit Petro und den andern darüber besprochen habe. ltem, er spricht: “es liege ihm nichts an denen, die das Ansehen haben, welcherlei sie gewesen sind. Denn Gott achtet das Ansehen der Person und Menschen nicht; mir aber haben die, so das Ansehen hatten, keinen Befehl getan”. Weil nun Paulus klar zeugt, er habe bei Petro nicht wollen ansuchen, dass er ihm zu predigen erlaubte, auch dazumal, da er am letzten sei zu ihm [ge]kommen, [so] haben wir eine gewisse Lehre, dass das Predigtamt vom gemeinen Beruf der Apostel herkommt, und ist nicht not, dass alle dieser einigen Person Petri Beruf oder Bestätigung haben.

V. 1Kor. 3 macht Paulus alle Kirchendiener gleich und lehrt, dass die Kirche mehr sei denn die Diener. Darum kann man mit reiner Wahrheit sagen, dass Petrus einige Oberkeit oder Gewalt vor andern Aposteln über die Kirche und alle andern Kirchendiener gehabt habe. Denn so spricht er: “Es ist alles eür, es sei Paulus oder Apollo oder Kephas”; das ist: Es darf weder Peter noch andere Diener des Worts ihnen [sich] zumessen einige Gewalt oder Oberkeit über die Kirche. Niemand soll die Kirche beschweren mit eigenen Satzungen, sondern hier soll es so heißen, dass keines Gewalt noch Ansehen mehr gelte denn das Wort Gottes. Man darf nicht Kephas’ Gewalt höher machen denn der andern Apostel; wie sie denn zu der Zeit pflegten zu sagen: Kephas hält dies also, der doch der vornehmste Apostel ist, darum soll es Paulus und andere auch so halten. Nein, spricht Paulus, und zieht Petro dies Hütlein ab, dass sein Ansehen und Gewalt sollte höher sein denn der andern Apostel oder [der] Kirche.

Aus den Historien.

VI. Das Konzilium zu Nizäa hat beschlossen, dass der Bischof zu Alexandrien sollte bestellen die Kirchen im Orient und der Bischof zu Rom die surburbanas, das ist, die, so zu Rom gehörten in Okzident. Hier ist des römischen Bischofs Macht zum ersten gewachsen, nicht aus göttlichen, sondern menschlichen Rechten, wie es im Concilio Nicaeno ist beschlossen worden. So nun der römische Bischof nach göttlichem Rechte wäre der Oberste gewesen, hätte das Konzilium zu Nizäa nicht Macht gehabt, ihm solche Gewalt zu nehmen und auf den Bischof zu Alexandria zu wenden [zu übertragen]; ja, alle Bischöfe im Orient sollten je und je vom Bischof zu Rom begehrt haben, dass er sie ordiniert und bestätigt hätte.

Vll. ltem, im Concilio Nicaeno ist beschlossen worden, dass eine jegliche Kirche einen Bischof für sich selbst im Beiwesen eines oder mehrerer Bischöfe, so in der Nähe wohnten, wählen sollte.

Solches ist nicht allein im Orient eine lange Zeit, sondern auch in andern und lateinischen Kirchengehalten worden, wie solches klar im Cypriano und Augustino ist ausgedrückt. Denn so spricht Cyprianus Epist. 4. ad Cornelium: “Darum soll man es fleißig nach dem Befehl Gottes und der Apostel Gebrauch halten, wie es denn bei uns und fast in allen Landen gehalten wird, dass zu der Gemeinde, da ein Bischof zu wählen ist, andere des Orts nahe gelegene Bischöfe zusammen sollen kommen, und in Gegenwart der ganzen Gemeinde, die eines jeden Wandel und Leben weiß, der Bischof soll gewählt werden, wie wir denn sehen, dass es in der Wahl Sabini, unsers Mitgesellen, auch geschehen ist, dass er nach Wahl der ganzen Gemeinde und Rat etlicher Bischöfe, so vorhanden gewesen, zum Bischof erwählt und die Hände ihm aufgelegt sind” usw.

Diese Weise heißt Cyprianus eine göttlich Weise und apostolischen Gebrauch und zeugt, dass es fast in allen Landen dazumal so gehalten sei. Weil nun weder die ordinatio noch confirmatio dazumal durch das große Teil der Welt, in allen Kirchen der Griechen und lateinischen, beim Bischofe zu Rom ist gesucht worden, [so] ist es klar, dass die Kirche dazumal solche Oberkeit und Herrschaft dem Bischofe zu Rom nicht gegeben hat.

Solche Oberkeit und Herrschaft ist auch ganz und gar unmöglich: Denn wie könnte es möglich sein, dass ein Bischof sollte alle Kirchen der ganzen Christenheit versorgen, oder dass die Kirchen, so fern von Rom gelegen, allein von einem alle ihre Kirchendiener könnten ordinieren lassen? Denn das ist je gewiß, dass das Reich Christi durch die ganze Welt ist ausgeteilt. So sind auch noch heutigestags viele christliche Versammlungen der Kirche im Orient, welche Kirchendiener haben, so weder vom Papst noch den Seinen ordiniert noch konfirmiert sind. Weil nun solche Oberkeit, der sich der Papst wider alle Schrift anmaßt, auch ganz und gar unmöglich ist, und die Kirchen in der Welt hin und wieder den Papst für einen solchen Herrn weder [an]erkannt noch gebraucht haben, [so] sieht man wohl, dass solche Oberkeit nicht von Christo eingesetzt [ist] und nicht aus göttlichen kommt.

Vlll. Es sind vor alters viele Konzilia ausgeschrieben und gehalten worden, in welchen der Bischof zu Rom nicht als der Oberste gesessen ist, als zu Nizäa und an andern Orten mehr. Dasselbe ist je auch eine Anzeigung, dass die Kirche dazumal den Papst für einen Oberherrn über alle Kirchen und Bischöfe nicht [an]erkannt habe.

lX. St. Hieronymus spricht: “Wenn man will von Gewalt und Herrschaft reden, so ist je orbis mehr denn urbs, das ist, Welt ist mehr denn die Stadt Rom. Darum, es sei der Bischof zu Rom oder Eugubien, zu Konstantinopel oder Rhegio oder Alexandrien, so ist Würde und Amt gleich” usw.

X. ltem, Gregorius schreibt zum Patriarchen zu Alexandria und verbeut [verbietet] ihm, er soll ihn nicht heißen den höchsten Bischof, und in den Regesten sagt er, es sei im Konzilio zu Chalcedon dem Bischof zu Rom angeboten worden, er solle der oberste Bischof sein, aber er habe es nicht angenommen. [Gregorius, Epist., lib 8, Ep. 30 ad Euloglum: “Nam dixi, nec mihi vos nec cuiquam alteri tale aliquid” (Eulogius hatte mit Bezug auf Gregor den Ausdruck: “Sicut iussistis” gebraucht) “scribere debere; et ecce in praefatione epistolae, quam ad me ipsum, qui prohibui, direxistis, superbae appellationis verbum universalem me Papam dicentes imprimere curastis. Quod peto dulcissima mihi sanctitas vestra ultra non faciat.”]

XI. Zum letzten, wie kann der Papst nach göttlichen Rechten über die Kirche sein, weil doch die Wahl bei der Kirche steht, und dies gar mit der Zeit in die Gewohnheit gekommen ist, dass die römischen Bischöfe von den Kaisern sind bestätigt worden?

Hier werden etliche Sprüche wider uns geführt, als Matth. 16: “Du bist Petrus, und auf diesen Fels will ich baün meine Gemeinde oder Kirche”; item: “Dir will ich die Schlüssel geben”; item: “Weide meine Schafe”, und dergleichen mehr. Weil aber dieser ganze Handel fleißig und genugsam von den Unsern zuvor ist traktiert, wollen wir dieselben Schriften hier erholt [wiederholt] haben und auf diesmal kurz antworten, wie bemeldete Sprüche im Grund zu verstehen sind.

ln allen diesen Sprüchen ist Petrus eine gemeine Person und redet nicht für sich allein, sondern für alle Apostel. Dieses beweisen die Texte klar. Denn Christus fragt je Petrum allein nicht, sondern spricht: “Wer saget ihr, dass ich sei?” und dass Christus hier zu Petro allein redet, als: “Dir will ich die Schlüssel geben”; item: “Was du binden wirst” usw., dasselbe redet er an andern Orten zu dem ganzen Haufen: “Alles, was ihr binden werdet auf Erden” usw., item im Johanne: “Welchen ihr die Sünden vergebet” usw. Diese Worte zeugen, dass die Schlüssel allen insgemein gegeben und sie alle zugleich zu predigen gesandt worden sind.

Über das muss man je bekennen, dass die Schlüssel nicht einem Menschen allein, sondern der ganzen Kirche gehören und gegeben sind, wie denn solches mit hellen und gewissen Ursachen genugsam kann erwiesen werden. Denn gleichwie die Verheißung des Evangelii gewiß und ohne Mittel der ganzen Kirche zugehört, also gehören die Schlüssel ohne Mittel der ganzen Kirche, weil die Schlüssel nichts anderes sind denn das Amt, dadurch solche Verheißung jedermann, wer es begehrt, wird mitgeteilt; wie es denn im Werk vor Augen ist, dass die Kirche Macht hat, Kirchendiener zu ordinieren. Und Christus spricht bei diesen Worten: “Was ihr binden werdet” usw, und deutet, wem er die Schlüssel gegeben, nämlich der Kirche: “Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen” usw. Item Christus gibt das höchste und letzte Gericht der Kirche, da er spricht: “Sag’s der Kirche!” Daraus folgt nun, dass in solchen Sprüchen nicht allein Petrus, sondern der ganze Haufe der Apostel gemeint wird. Darum kann man in keinem Wege aus solchen Sprüchen eine [be]sondere Gewalt der Oberkeit [be]gründen, die Petrus vor andern Aposteln gehabt habe oder haben hat sollen.

Dass aber [da] steht: “Und auf diesen Fels will ich meine Kirche baün”, da muss man je bekennen, dass die Kirche nicht auf einiges Menschen Gewalt gebaut sei, sondern sie ist gebaut auf das Amt, welches das Bekenntnis führt, das Petrus tut, nämlich, dass “JEsus sei der Christ und Sohn Gottes”. Darum redet er ihn auch an als einen Diener solches Amts, da dies Bekenntnis und Lehre innen gehen soll, und spricht: “Auf diesen Felsen”, das ist, auf diese Predigt und Predigtamt.

Nun ist je das Predigtamt an keinen gewissen Ort noch Person gebunden, wie der Leviten Amt im Gesetz gebunden war, Sondern es ist durch die ganze Welt ausgestreut und ist an dem Ort, da Gott seine Gaben gibt: Apostel, Propheten, Hirten, Lehrer usw.

Und tut die Person gar nichts zu solchem Wort und Amt, von Christo befohlen; es predige und lehre es, wer da wolle, wo Herzen sind, die es glauben und sich daran halten, denen widerfährt, wie sie es hören und glauben. Auf diese Weise legen solchem Spruch viel alte Lehrer aus, nicht von der Person Petri, sondern vom

Amt und Bekenntnis, als: Origenes, Ambrosius, Cyprianus, Hilarius, Beda.

Dass nun an andern Orten steht: “Weide meine Schafe”, item: “Petre, hast du mich auch lieber denn diese?” [daraus] folgt noch nicht, dass Petrus mehr Gewalt sollte haben denn andere Apostel, sondern er heißt ihn weiden, das ist, das Evangelium predigen oder die Kirche durchs Evangelium regieren; das geht je ebensowohl auf andere Apostel als auf Petrum.