Artikel 24: Die Messe
Man beschuldigt unsere Gemeinden zu unrecht, sie hätten die Messe abgeschafft. Vielmehr haben wir den Messgottesdienst beibehalten und feiern ihn mit höchster Ehrerbietung.
Es werden dabei auch fast alle üblichen heiligen Handlungen eingehalten. Lediglich haben wir hier und da die lateinischen Gesängen mit deutschen ergänzt; sie sind zur Belehrung des Kirchenvolks hinzugefügt worden.
Das ist ja der vorrangige Zweck von Zeremonien, dass die Unwissenden belehrt werden.
Auch Paulus ordnete an, dass im Gottesdienst eine Sprache gebraucht werden soll, die die Leute verstehen (vgl. 1. Kor. 14,9ff.19).
Unser Kirchenvolk ist es gewohnt, gemeinsam das Altarsakrament zu empfangen, wann immer zum Sakramentsempfang Bereite da sind; auch das fördert die Ehrerbietung und Ehrfurcht bei den Gottesdiensten.
Auch lassen wir niemanden zum Sakrament zu, der nicht vorher geprüft und vernommen wurde.
Die Leute werden auch über die rechte Würdigkeit und den rechten Gebrauch des Altarsakraments belehrt: Sie erfahren, wie sehr es ängstliche Gewissen tröstet. So lernen sie, Gott zu vertrauen sowie alles Gute von ihm zu erwarten und zu erbitten. [Dabei geschieht auch Unterricht gegen fremde und falsche Lehre vom Sakrament.]
Solcher Gottesdienst erfreut Gott, und solcher Gebrauch des Altarsakraments nährt die Liebe zu Gott.
So feiern wir unsere Messgottesdienste ganz offensichtlich nicht weniger andächtig als unsere Gegner.
Nun ist bekannt, dass es schon länger folgende öffentliche und weitreichende Klage unter allen vernünftigen Leuten gibt: Die Messgottesdienste werden schrecklich entweiht, weil man sie mit Geschäftemacherei verknüpft.
Es ist kein Geheimnis, wie weit dieser Missbrauch in allen Gotteshäusern um sich gegriffen hat und von was für Leuten Messen nur der Bezahlung wegen gelesen werden. Wie viele handeln damit gegen das Verbot des kanonischen Rechts!
Paulus warnt diejenigen ernstlich, die die Eucharistie unwürdig feiern, wenn er sagt: „Wer unwürdig von dem Brot isst oder aus dem Kelch des Herrn trinkt, der wird schuldig sein am Leib und Blut des Herrn“ (1. Kor. 11,27).
Aus diesem Grund haben wir unsere Priester vor solcher Sünde gewarnt, und so haben die [Kaufmessen und] Winkelmessen bei uns aufgehört, denn praktisch alle Winkelmessen werden um Gewinns willen gehalten.
Die Bischöfe wussten durchaus von diesen Missständen. Wenn sie sie beizeiten in Ordnung gebracht hätten, dann gäbe es jetzt weniger Streit.
Aber indem man viele Sünden verheimlicht hat, hat man zugelassen, dass sie sich in der Kirche einnisten.
Jetzt, wo es zu spät ist, klagt man über den Schaden für die Kirche. Dabei hat der gegenwärtige Aufruhr seine Ursache allein in eben diesen Missständen, die so offenkundig wurden, dass man sie nicht länger ertragen konnte.
Nun ist also großer Streit ausgebrochen über die Messe und das Altarsakrament.
Vielleicht wird jetzt die Welt für die langzeitige Entheiligung des Messgottesdienstes bestraft. Sie ist jahrhundertelang gerade von denen geduldet worden, die zur Besserung etwas hätten tun können und müssen.
In den Zehn Geboten steht ja geschrieben: Wer Gottes Namen missbraucht, wird nicht ungestraft bleiben.
Seit Anbeginn der Welt scheint nichts Göttliches jemals so sehr mit Gelderwerb verknüpft worden zu sein wie die Messe.
Hinzu kam folgende Ansicht, die die Zahl der Winkelmessen ins Unendliche getrieben hat: Christus habe mit seinem Leidensweg nur die Erbsünde gesühnt und dann die Messe dafür eingesetzt, dass sie Vergebung für die tagtäglichen Sünden erwirke, sowohl für Todsünden als auch für lässliche Sünden.
So hat sich die Meinung verbreitet, die Messe sei ein Werk, dass durch seinen bloßen Vollzug die Sünden Lebender und Toter tilge.
Dabei ist die Diskussion aufgekommen, ob eine einzige Messe für viele ebenso wirksam ist wie separate Messen für Einzelne. Diese Diskussion hat eben jene unendliche Fülle von Messen hervorgebracht. [Darüber vergaß man den Glauben an Christus und den rechten Gottesdienst.]
Wir haben mahnend darauf hingewiesen, dass solche Ansichten nicht mit der Heiligen Schrift übereinstimmen und die Ehre von Christi Leidensweg schmälern.
Denn [erstens]: Der Leidensweg Christi hat eben nicht nur hinsichtlich der Erbsünde Vergebung und Genugtuung gebracht, sondern auch hinsichtlich aller anderen Sünden. So steht im Hebräerbrief:
„Wir sind geheiligt ein für allemal durch das Sündopfer des Leibes Jesu Christi“ (Hebr. 10,10).
Ebenso: „Mit einem einzigen Opfer hat er für immer die vollendet, die geheiligt werden“ (Hebr. 10,14). [Es ist eine unerhörte Neuheit in der Lehre der Kirche, dass Christi Tod nur für die Erbsünde und nicht auch für die anderen Sünden Genugtuung gebracht haben soll. Deswegen hoffen wir auf Verständnis, wenn wir diesen Irrtum mit Recht verurteilen.]
[Zweitens:] Die Schrift lehrt, dass wir vor Gott durch den Glauben an Christus gerecht werden.
Wenn nun die Messe tatsächlich durch ihren bloßen Vollzug die Sünden Lebender und Toter tilgen könnte, dann geschähe die Rechtfertigung durch den Vollzug der Messe und nicht durch den Glauben. Das wäre nicht schriftgemäß.
[Drittens:] Christus will, dass wir das Abendmahl zu seinem Gedächtnis halten. Die Messe ist also zu dem Zweck eingesetzt worden, dass der Glaube der Kommunikanten sich daran erinnert, was für gute Gaben er von Christus empfängt; so kann er sein verzagtes Gewissen aufrichten und erfährt Trost.
Denn an Christus denken heißt an seine guten Gaben denken und erkennen, dass sie uns wirklich dargeboten werden.
Dabei reicht es allerdings nicht, sich an die geschichtlichen Fakten zu erinnern; dass können auch die Juden und die Unfrommen.
Die Messe muss vielmehr zu dem Zweck gehalten werden, dass Trostbedürftige das Sakrament empfangen. Ambrosius hat gesagt: „Weil ich stets sündige, muss ich auch stets Medizin nehmen.“ [So ist das heilige Sakrament nicht dazu eingesetzt, um für die Sünde ein Opfer zu bereiten – das Opfer ist ja schon früher gebracht worden -, sondern dazu, dass unser Glaube geweckt und die Gewissen getröstet werden, wenn sie durch das Sakrament vernehmen, dass ihnen Gnade und Vergebung der Sünden von Christus zugesagt ist. Deshalb erfordert dieses Sakrament Glaube und wird ohne Glauben vergeblich gebraucht.]
Weil nun die Messe eine Sakramentsteilnahme ist, wird bei uns an Feiertagen und auch an anderen Tagen ein gemeinsamer Messgottesdienst gehalten. Wo auch immer Christen das Altarsakrament feiern möchten, wird es allen ausgeteilt, die es haben wollen. [Auf diese Weise bleibt bei uns die Messe in ihrem rechten Gebrauch, so wie man sie früher in der Kirche gehalten hat. Das kann man mit St. Paulus aus 1. Korinther 11 beweisen sowie auch aus vielen Väterschriften.]
Das ist nichts Neues in der Kirche, denn die alten Väter vor Papst Gregor haben keine Winkelmessen erwähnt, obwohl sie sich oft über den Messgottesdienst geäußert haben.
Chrysostomos hat gesagt: „Jeden Tag steht der Priester am Altar; die einen holt er zur Kommunion, die anderen weist er zurück.“
Und aus alten Kirchengesetzen geht hervor, dass ein Einzelner die Messe zelebrierte und die übrigen Priester sowie auch die Diakone den Leib des Herrn von ihm empfingen.
In der Nizänischen Regel heißt es nämlich so: „Die Diakone sollen entsprechend der Ordnung nach den Priestern vom Bischof oder von einem Priester die heilige Kommunion empfangen.“
Und Paulus hat bezüglich der Kommunion angeordnet, dass die einen auf die anderen warten sollen, damit sie gemeinsam teilnehmen können (1. Kor. 11,33).
Die Messe, die bei uns gehalten wird, folgt also dem Beispiel der Kirche, wie es sich aus der Schrift und von den Vätern her darstellt. Deshalb sind wir überzeugt, dass es an ihr nichts auszusetzen gibt - vor allem auch deswegen nicht, weil wir eine Liturgie gebrauchen, die zum großen Teil der üblichen gleicht. Lediglich die Anzahl der Messen ist verschieden; wegen der großen und offenbaren Missbräuche ist eine Reduzierung aber gewiss sinnvoll.
Denn in früheren Zeiten fand selbst in zahlenmäßig großen Gemeinden nicht überall eine tägliche Messe statt, wie die Historia Tripartita im 9. Buch bezeugt: „In Alexandrien wiederum werden mittwochs und freitags Abschnitte aus der Heiligen Schrift gelesen, und die Prediger legen sie aus. All das geschieht ohne das sonst übliche ehrwürdige Messopfer.“