Artikel 20: Glaube und gute Werke
Zu Unrecht wirft man uns vor, dass wir gute Werke verbieten.
Unsere Schriften über die Zehn Gebote und ähnliche Themen bezeugen nämlich, dass wir für alle Lebensverhältnisse und Aufgabenbereiche lehren, welche Werke Gott jeweils gefallen.
Darüber lehrten die Prediger früher wenig, forderten stattdessen vor allem kindische und nutzlose Werke wie bestimmte Feiertage, bestimmte Fastenzeiten, Bruderschaften, Pilgerreisen, Heiligenverehrung, Rosenkränze, Mönchtum und Ähnliches.
Durch entsprechende Unterweisung haben unsere Gegner aber bereits dazugelernt und predigen die nutzlosen Werke nicht mehr so wie früher.
Auch haben sie angefangen vom Glauben zu reden, über den zuvor sonderbares Schweigen herrschte.
Nun lehren sie, dass wir nicht ausschließlich durch Werke gerecht werden, sondern fügen Glaube und Werke zusammen. Sie sagen: Wir werden durch Glaube und Werke gerecht.
Diese Lehre ist akzeptabler als die frühere; sie kann mehr trösten als die alte Lehre.
Alle müssen zugeben, dass die Lehre vom Glauben, die in der Kirche erstrangig wichtig ist, sehr lange ignoriert wurde. In den Predigten herrschte tiefstes Schweigen über die Glaubensgerechtigkeit, und nur die Lehre von den Werken wurde behandelt. Deswegen haben wir den Gemeinden folgende beiden Dinge vom Glauben ans Herz gelegt.
Erstens: Unsere Werke können nicht mit Gott versöhnen bzw. Sündenvergebung und Gnade verdienen. Gnade erlangen wir nur durch den Glauben, nämlich wenn wir darauf vertrauen, dass wir wegen Christus aus Gnade angenommen werden. Er allein ist zum Mittler und Sühnopfer bestellt; durch ihn wird der Vater versöhnt.
Daraus folgt: Wer sich darauf verlässt, durch Werke Gnade zu verdienen, der verachtet Christi Verdienst und Gnade, denn er strebt ohne Christus durch menschliche Kräfte den Weg zu Gott an. Aber Christus hat ja von sich gesagt: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Joh. 14,6).
Paulus lehrt so vom Glauben überall in seinen Briefen, zum Beispiel in Epheser 2,8: „Aus Gnade seid ihr selig geworden durch den Glauben, nicht aus den Werken...“
Damit man uns aber nicht auslacht und behauptet, wir hätten eine neue Paulus-Deutung erfunden, weisen wir darauf hin, dass auch die Kirchenväter das alles bezeugen.
So hat Augustinus in vielen seiner Schriften die Gnade und die Glaubensgerechtigkeit gegen die Verdienste aus Werken verteidigt. [Die ganze Schrift „Geist und Buchstabe“ beweist das.]
Ähnlich lehrt Ambrosius in seinem Werk „Die Berufung der Heiden“ und anderswo. In „Die Berufung der Heiden“ äußert er sich folgendermaßen: „Wenn die Rechtfertigung vorausgehende Verdienste erforderte, dann würde die Erlösung durch Christi Blut wertlos, und Gottes Barmherzigkeit fiele den vorrangigen menschlichen Werken zum Opfer. Die Rechtfertigung, die doch eigentlich aus Gnade geschieht, wäre dann kein großzügiges Geschenk mehr, sondern ein erarbeiteter Lohn.“
Zwar halten unangefochtene Leute diese Lehre für unbedeutend, aber fromme und geängstete Gewissen merken, dass sie viel Trost spendet. Ein gutes Gewissen stellt sich nämlich nicht durch irgendwelche Werke ein, sondern nur durch den Glauben. Nur so finden Angefochtene die Gewissheit, dass sie wegen Christus einen gnädigen Gott haben.
Das lehrt auch Paulus: „Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott“ (Römer 5,1).
Diese ganze Lehre muss auf den inneren Kampf erschrockener Gewissen bezogen werden; ohne diesen Kampf kann man sie nicht begreifen.
Deswegen haben die unangefochtenen und weltlich gesinnten Menschen keine gute Meinung von dieser Lehre. Sie bilden sich ein, dass christliche Gerechtigkeit dasselbe ist wie bürgerliche oder philosophische Gerechtigkeit.
Einst quälte man die Gewissen mit der Lehre der Werkgerechtigkeit; vom Trost des Evangeliums hörten sie nichts.
Manche trieb ihr Gewissen in die Einsiedelei oder ins Kloster; dort hofften sie, sich mit einem Mönchsleben Gnade erwerben zu können.
Andere dachten sich andere Werke aus, um Gnade zu verdienen und Genugtuung für ihre Sünden zu erlangen.
Daher ist es dringend erforderlich, die Lehre vom Glauben weiterzugeben und neu ins Bewusstsein zu rufen. Die ängstlichen Gewissen sollen nicht auf Trost verzichten müssen, sondern wissen, dass sie durch den Glauben an Christus Gnade und Vergebung der Sünden empfangen.
Die Leute werden auch unterwiesen, dass der Begriff „Glaube“ nicht nur die Kenntnisnahme der Fakten bezeichnet[, nämlich dass Christus gelitten hat und von den Toten auferstanden ist]. Solche Kenntnisnahme von Fakten ist auch bei gottlosen Menschen und beim Teufel vorhanden. Der wirkliche Glaube vertraut nicht nur den Fakten als solchen, sondern auch ihrer Auswirkung entsprechend dem hier behandelten Artikel von der Sündenvergebung - dass wir nämlich wegen Christus Gnade, Gerechtigkeit und Vergebung der Sünden haben.
Wer nun weiß, dass er wegen Christus einen gnädigen Vater hat, der kennt Gott wirklich. Er weiß sich von ihm umsorgt und ruft ihn an. Kurz: Er ist nicht gottlos wie die Heiden.
Die bösen Geister aber und die gottlosen Menschen können diesen Artikel von der Sündenvergebung nicht glauben. Stattdessen hassen sie Gott wie einen Feind, rufen ihn nicht an und erwarten nichts Gutes von ihm.
[Entsprechend wird im Hebräerbrief gelehrt, dass der Glaube nicht nur ein Faktenwissen, sondern auch die Zuversicht zu Gott ist, dass wir empfangen, was er verspricht (vgl. Hebr. 11,1).] Auch Augustinus unterweist seine Leser so über den Glaubensbegriff. Er lehrt, dass in der Heiligen Schrift das Wort „Glaube“ nicht im Sinne einer Kenntnisnahme von Fakten, sondern im Sinne von Vertrauen verstanden werden muss. Solches Vertrauen tröstet und richtet verstörte Seelen auf.
Zweitens: Wir lehren, dass gute Werke getan werden müssen – aber nicht, weil wir hoffen, durch sie Gnade zu verdienen, sondern weil Gott sie möchte.
Vergebung der Sünden und Gnade erlangen wir allein durch den Glauben.
Weil aber durch den Glauben auch der Heilige Geist empfangen wird, werden die Herzen erneuert und bekleiden sich mit einer neuen Gesinnung. So sind sie in der Lage, gute Werke hervorzubringen.
Ambrosius hat es so formuliert: „Der Glaube ist des guten Wollens und des rechten Handelns Ursprung.“
Ohne den Heiligen Geist sind menschliche Kräfte nämlich ganz von Gottlosigkeit durchdrungen; sie sind zu schwach, um in Gottes Augen gute Werke hervorzubringen.
Zudem stehen sie unter dem Einfluss des Teufels. Er treibt die Menschen zu vielfältigen Sünden, unfrommen Meinungen und offensichtlichen Übeltaten.
Das kann man bei den Philosophen sehen: Obwohl sie versuchten, von sich aus ehrenwert zu leben, schafften sie es doch nicht, sondern beschmutzten sich mit vielen offensichtlichen Übeltaten.
So beschränkt ist der Mensch, wenn er ohne Glauben bzw. Heiligen Geist lebt und sich allein von menschlichen Kräften leiten lässt.
Von daher ist es offensichtlich, dass man dieser Lehre nicht vorwerfen kann, sie verurteile gute Werke. Vielmehr muss man sie überschwänglich dafür loben, dass sie zeigt, wie wir gute Werke fertigbringen können.
Denn ohne Glauben ist es der menschlichen Natur überhaupt nicht möglich, nach dem Ersten und Zweiten Gebot zu leben.
Ohne Glauben ruft keiner Gott an, erwartet nichts von Gott, erträgt nicht das Kreuz[, liebt nicht den Nächsten, richtet anempfohlene Ämter nicht aus, ist nicht gehorsam, meidet nicht böse Lust und dergleichen]. Stattdessen sucht die menschliche Natur menschlichen Schutz und vertraut auf ihn.
Auf diese Weise regieren im Herzen alle Leidenschaften und menschlichen Ratschläge, denn es fehlen Glaube und Gottvertrauen.
So hat auch Christus gesagt: „Ohne mich könnt ihr nichts tun“ (Joh. 15,5).
Und die Kirche singt: „Ohn dein‘ Beistand, Hilf und Gunst / ist all unser Tun und Kunst / vor Gott ganz und gar umsonst.“